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Bildergalerie: Brembo-Kampagne gegen Produktpiraterie.

Brembo-Kampagne gegen Produktpiraterie Vorsicht Fake-Bremsen!

Bremsen als Billig-Kopien, nie getestet, aus dubiosen Materialien zusammengesteckt, aber mit edlem Logo verkauft – in Asien gibt es solche Fakes schon massenhaft. Bremsenhersteller Brembo hat den gefährlichen Fälschungen jetzt den Kampf angesagt.

Paolo Rezzaghi ist im richtigen Leben Ingenieur bei Brembo. Patent-Ingenieur, um genau zu sein. Doch seit einem knappen halben Jahr darf der Norditaliener Detektiv spielen, surft für seinen Arbeitgeber durch die schier endlosen Weiten asiatischer Internet-Marktplätze. Aber nicht nur per Mausklick geht’s in die weite Welt. Denn „gewusst wo“, wird Paolo Rezzaghi am Computer meistens fündig und bricht immer wieder auf, um in Thailand und Taiwan zwielichtige Hinterhof-Werkstätten zu inspizieren oder in Chinas Sonderwirtschaftszonen Hongkong und Macau über schrille Auto- und Motorrad-Tuning-Messen zu bummeln. Seine Aufgabe: illegale Kopien von Brembo-Produkten aufspüren. Und idealerweise deren Anbieter und Hersteller gleich mit, um dann juristisch dagegen vorzugehen.

Schon lange ist den Verantwortlichen in der Brembo-Zentrale bei Bergamo unweit von Mailand klar, dass die Firma ein Problem hat. Seit einigen Jahren bescheren Raubkopien aus China nicht nur der Fahrzeugindustrie aus Europa und den USA Verluste. „Dass in Asien massenhaft Kopien unserer Produkte wie Bremssättel, Bremsscheiben, Bremszylinder angeboten werden, wissen wir.“ Das gilt in erster Linie für den Autobereich, wo Brembo mit seinen oft feuerrot unter den Felgen vorschimmernden Zangen den Erstausrüster stellt für Edelmarken wie Ferrari, Porsche, oder AMG-Mercedes. Wer Erfolg hat, der wird eben kopiert, sagte man sich in Bergamo offenbar. „Wir haben da schon die tollsten Dinge erlebt“, erzählt Rezzaghi. „Einmal habe ich Bremszangen entdeckt mit Brembo-Logo drauf und einem Aufkleber ‚Made in Taiwan‘ – dabei produzieren wir in Taiwan gar nicht.“

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Fälschungen auch in Europa aufgetaucht

Dann wirft er mit dem Beamer das Foto einer Motorrad-Bremsarmatur aus Pumpe und Hebel an die Wand. Neben den italienischen Landesfarben prangt groß der Schriftzug „Brembo“ darauf. Nur steht das r im Namen auf dem Kopf. „Solche Teile sind in Asien seit Jahren auf dem Markt“, weiß Rezzaghi und klingt dabei nicht einmal frustriert. Denn ihm ist wohl bewusst, dass er hier gegen Windmühlen kämpft. Und was den Sicherheitsaspekt angeht – von der Qualität der Bremsen hängt schließlich das Leben des Fahrers mit ab – meint er: „In Asien ist den Käufern normalerweise klar, dass sie es mit Fälschungen zu tun haben. Entsprechend verhalten sie sich auch.“ So weiß man bei Brembo auch bisher von keinen Unfällen, in Asien oder anderswo, die durch nachgemachte Bremsen verursacht worden wären. Trotzdem warnt ein auf Englisch und Chinesisch bedruckter Handzettel, der jetzt von Brembo in Asien auf einschlägigen Messen verteilt wird, vor konkreten Risiken: „Wir haben behördlich beschlagnahmte gefälschte Bremszangen untersucht. Unsere Tests haben besorgniserregende Materialmängel ergeben, die für Nutzer erhebliche Gefahren darstellen können“, heißt es da.

Seit 2016 drohen solche Gefahren nun aber nicht mehr nur in Asien: „Vor wenigen Monaten sind solche Fälschungen auch in Europa aufgetaucht“, sagt Rezzaghi. „Bei einem niederländischen Anbieter haben wir falsche Bremszangen gefunden“, ergänzt er, und die Augen hinter den Gläsern seiner modisch-schlichten Patent-Ingenieurs-Brille funkeln kampflustig. Denn dieses Rüberschwappen aus asiatischen Online-Marktplätzen wie Toabao oder Alibaba nach Ebay oder Amazon hat ihm den ungewohnten Detektiv-Job verschafft.

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Aufklärung, behördliche Kontrollen und juristische Mittel

„In Europa gibt es aber noch keinerlei Problembewusstsein, was gefälschte Fahrzeugteile angeht“, sagt Roberto Pellegrini. Er ist bei Brembo Racing Market Manager für den Motorradbereich. Und sein direkter Kollege aus der Autosparte, Luca Battistella, ergänzt: „Eine falsche Rolex, im Asien-Urlaub gekauft, zeigt schlimmstenfalls die Zeit nicht richtig an. Aber hier haben wir es mit einer ganz anderen, gefährlicheren Kategorie von Fälschungen zu tun.“

Aus all diesen Gründen, und sicher auch, um den wirtschaftlichen Schaden für die eigene Firma so weit wie möglich zu begrenzen, hat Brembo nun eine Art Task­force gegen die immer bedrohlicher werdende Produktpiraterie gegründet. Das Team um den seither detektivisch tätigen Patent-Ingenieur Rezzaghi besteht aus 20 Personen und hat in den fünf Monaten seit seiner Gründung einen Etat von rund 200.000 Euro verbraucht – Gehälter nicht eingerechnet. Ganz oben auf der To-do-Liste steht „Aufklärung“, was letztlich auch der Grund ist, warum man sich bei Brembo gegenüber der MOTORRAD-Anfrage zum Thema „gefälschte Bremsanlagen“ gleich so aufgeschlossen zeigte – für die Indus­trie keineswegs typisch, schließlich liest die Konkurrenz immer mit.

Neben Aufklärung (siehe Interview) setzt Brembo auch verstärkt auf behördliche Kontrollen und juristische Mittel, um der Produktpiraterie Herr zu werden. „In China hat sich in der Beziehung schon viel bewegt, und es gibt mittlerweile auch dort Gesetze gegen Fälschungen und Fälscher“, berichtet Paolo Rezzaghi. Allerdings gelte es hier zu unterscheiden zwischen Patentrecht und Markenschutz. Während Letzterer in Form der „Trademarks“ weltweit ­wenigstens theoretisch gelte, würden Patente etwa in Taiwan einfach nicht anerkannt. Doch auch das Markenschutzrecht bietet Fälschern eine Menge Schlupflöcher. Rezzaghi: „Wenn etwa auf einem Bremszylinder nur ein Brembo-Aufkleber drauf ist, also der Schriftzug nicht fester Bestandteil des gefälschten Produkts ist, dann ist der Hersteller für uns kaum angreifbar.“

Entwarnung für Deutschland

Während in China wohl auch aufgrund der wirtschaftlichen Öffnung gen Westen langsam Gesetze gegen Produktpiraterie auf den Weg gebracht werden, gebe es in Südostasien praktisch noch keinerlei Regelung des illegalen Zubehörmarkts. „Gerade in Thailand gibt es zum Beispiel massenhaft Mopeds und Roller, die nicht nur mit gefälschten Brembo-Bremsen unterwegs sind“, berichtet Motorbike Market Manager Roberto Pellegrini. „Nein, die haben dann auch Federbeine, auf denen Öhlins steht“, setzt er dazu. Sein Grinsen sieht dabei etwas säuerlich aus. Dass das Pro­blem keineswegs Brembo allein trifft, macht die Sache für ihn und seine Kollegen nämlich nicht besser.

Immerhin, für Deutschland gibt Pellegrini noch Entwarnung: „Uns sind keine Fälle von gefälschten Bremsen in Deutschland bekannt.“ Aber das könne sich jederzeit ändern. Und um das zu verhindern, betreibt die Brembo-Taskforce eine intensive Zusammenarbeit, etwa auch mit dem Zoll. Zu dessen Aufgaben gehört es nämlich, gefälschte Produkte aus Fernost schon bei der Einfuhr in die EU abzufangen. Gemeinsam mit asiatischen Zollbehörden sei es auch bereits gelungen, ganze Ladungen etwa gefälschter Bremsarmaturen noch vor ­einer Verschiffung festzusetzen und ­einen Export somit zu verhindern.

Auf dem in Asien ausgegebenen Brembo-Informationsblatt gegen Produktfälschung gibt sich der Hersteller kämpferisch: „Allein im März 2016 haben wir auf Online-Plattformen 31 015 Angebote falscher Brembo-Produkte entdeckt, ein Drittel davon Bremszangen. Gegen die Mehrzahl der identifizierten Anbieter gehen wir jetzt vor. Deren Shops werden sobald wie möglich geschlossen.“

Interview

Roberto Pellegrini, Motorbike Market Manager bei Brembo Racing, erklärt, woran Kunden erkennen können, ob es sich bei Angeboten von Brembo-Bremsen um potenziell lebensgefährliche Fälschungen handelt oder nicht.

Sie sagen, manche dieser Fälschungen wären so gut, die könne man als Laie praktisch nicht vom Original unterscheiden. Wie kann ich mich dann als Käufer vor ­solchen Fälschungen schützen?

Da gibt es diverse Möglichkeiten. Im Internet kann man mithilfe unseres „Brake Configurator“ auf moto.brembo.com gleich kontrollieren, ob das Teil überhaupt für das jeweilige Motorradmodell angeboten wird.

Können Sie das näher erläutern?

Nur mal als Beispiel: Sie finden im Internet Bremssättel, die laut Beschreibung etwa auf eine Yamaha YZF Thunder Ace passen sollen. Der Configurator zeigt Ihnen aber, dass Brembo für dieses Modell gar keine Bremssättel anbietet. In einem solchen Fall raten wir, einen offiziellen Händler zu fragen, denn es könnte sich um eine Fälschung handeln.

Wieso „könnte“?

Diese Sättel müssen keine Fälschung sein und können durchaus auch auf dieses Motorrad passen, wurden aber von Brembo nicht offiziell für die Thunder Ace getestet und freigegeben, um bei dem Beispiel zu bleiben.

Und wenn ich jetzt ein populäres Modell fahre, für das es ganz offiziell alle Brembo-Teile gibt? Eine R1 etwa?

Alle unsere Teile aus der Racing- und High-Performance-Serie haben grundsätzlich eine versiegelte Nummernkarte beiliegen. Im Internet kann man als Käufer dann abgleichen, ob Nummer und Teil zusammenpassen. Wenn das der Fall ist, ist das Teil echt – und damit sicher.

Und bei herkömmlichen Teilen?

Hier gelten die üblichen Vorsichtsmaßregeln. Zum Beispiel nur bei autorisierten Fachhändlern kaufen. Ob ein Anbieter ein autorisierter Fachhändler ist, lässt sich über die Official Brembo Distributor-Liste auf unserer Website ganz einfach klären. Und der Preis ist natürlich immer ein Kriterium: Preise können um zehn bis 15 Prozent von der unverbindlichen Preisempfehlung abweichen. Wenn jetzt aber eine angeblich originale Radial-Bremspumpe plötzlich nur einen Bruchteil des üblichen Preises kosten soll, dann wird wohl etwas damit faul sein.

Brembo – damals und heute

Motorräder stellen neben Nutz- und Rennsportfahrzeugen (Formel 1, MotoGP) nur eine der vier Fahrzeugkategorien, für die die lombardische Firma Bremsen herstellt. Die bei Weitem größte ist die Pkw-Sparte.

Die italienische Marke Brembo, gegründet 1961, begann 1964 mit der Produktion von Scheibenbremsen für Autos und 1972 für Motorräder. Sie gehört heute zu den führenden Herstellern von Bremsen und Kupplungen weltweit. Teil des Konzerns sind u. a. der britische Bremsenhersteller AP Racing und die Felgenmarke Marchesini. Die Firmenzentrale befindet sich in Curno bei Bergamo in Norditalien. Bei praktisch allen großen Motorradherstellern zählt Brembo zu den Bremsen-Erstausrüstern. Die Motorradsparte trug 2015 knapp zehn ­Prozent zum Konzern-Jahresumsatz von 2,07 Milliarden Euro bei. Brembo ist in 16 Ländern mit 24 Produktions- und Geschäftsstätten vertreten und beschäftigt weltweit knapp 7800 Mitarbeiter.

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