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Dauertest BMW C 600 Sport Erlebt MOTORRAD sein blaues Wunder?

Ein Großroller im Dauertest-Fuhrpark von MOTORRAD? Das ist eine Premiere. Zumindest, was die 50.000 Kilometer angeht, die der BMW C 600 Sport in den kommenden Monaten abspulen wird. Ein erster Rollout mit dem Newcomer macht Laune - und Lust auf mehr.

Neulich an der Tanke: Ein älterer Herr befüllt seine dicke E-Klasse, als der BMW C 600 Sport in seiner Funktion als MOTORRAD-Dauertester an die Spritsäule vorrollt. Der Mann lässt perplex die Zapfpistole los und humpelt hastig herüber: "Ist der von BMW?", will er wissen. "Na klar, steht doch drauf!" Der Finger zeigt auf das fette Logo an der Verkleidung.

Der Benz-Besitzer stutzt, umrundet skeptisch das blaue Zweirad und stellt die Frage, mit der man im Traum nicht gerechnet hätte: "Wie haben die denn in dem Teil den Boxer-Motor untergebracht?" Auweia! Hier ist Aufklärungsarbeit erforderlich.

Tatsächlich treibt den BMW C 600 Sport ein Zweizylinder-Motor an. Nur stehen sich die Zylinder nicht gegenüber wie bei einem Boxer, sondern werkeln in Reihe nebeneinander. Aus den 647 Kubikzentimetern Brennraum werden über eine Variomatik bis zu 47 PS an den Hinterreifen gewuppt. Das reicht für beachtliche 180 km/h auf der Autobahn und führt manchmal zu ungläubigen Blicken aus den Bürgerkäfigen, wenn man auf der linken Spur Ernst macht.

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Foto: Gargolov
Kräftiger Metallic-Lack, freches Design, seitlich platziertes Federbein: Optisch ist der BMW C 600 Sport ein echter Hingucker - mit 12100 Euro leider ein recht teures Vergnügen.
Kräftiger Metallic-Lack, freches Design, seitlich platziertes Federbein: Optisch ist der BMW C 600 Sport ein echter Hingucker - mit 12100 Euro leider ein recht teures Vergnügen.

Trotz der kleinen 15-Zoll-Rädchen kann man mit dem BMW C 600 Sport angasen, ohne hin- und herzuschaukeln wie Großmutters Pendeluhr. Der mit 252 Kilogramm Leergewicht ziemlich speckige Kamerad hat oberhalb der Schrittgeschwindigkeit eine für einen Scooter erstaunliche und zugleich beruhigende Fahrstabilität. Das zeigte schon der letztjährige Vergleichstest der Großroller (MOTORRAD 18/2012): Beim BMW C 600 Sport gab es auch hinsichtlich der Lenkpräzision und Fahrwerksabstimmung nichts zu meckern - und das gilt ebenso für das MOTORRAD-Dauertest-Exemplar.

Mit den serienmäßig montierten Pirelli Diablo Scooter-Reifen pfeilt unser BMW C 600 Sport unter Mitarbeit des kräftigen und drehmomentstarken Antriebs flott durchs Geläuf und vermittelt dabei viel Vertrauen. Das macht so viel Spaß, dass man selbst als eingefleischter Motorrad-Enthusiast sonntagsmorgens Lust bekommt, eine Runde über die Hausstrecke zu drehen. Zumal die große Schräglagenfreiheit die Kurvenhatz nicht frühzeitig begrenzt.

Wer dem BMW C 600 Sport die Angstnippel, die sich am Hauptständer befinden, stutzen will, muss schon ziemlich schräg unterwegs sein. Alles prima also beim Newcomer? Na ja, nach den ersten Kilometern gibt es schon das ein oder andere zu bemängeln. Da wäre einerseits die Ergonomie, die einen nicht ganz harmonischen Eindruck hinterlässt. Die Sitzbank platziert den Fahrer recht hoch, der Lenker ist hingegen eher tief montiert. Ob das bei Langstreckenturns zu vorzeitigen Tankstopps zwecks Entspannungsübungen führen wird, werden kommende Ausfahrten zeigen.

Dass sich der BMW C 600 Sport auf Landstraßen wohler fühlt als in der Stadt, kann man schon nach einer ersten Ausfahrt feststellen. Erntet das schnittige Gefährt zwar im Großstadtdschungel interessierte Blicke, fällt also auf, fällt man beim Ampelstart erstaunlicherweise eher zurück. Der Grund: Die Variomatik benötigt eine gefühlte Ewigkeit, bis der Kraftschluss hergestellt ist.

Entweder hat man die Reaktionsfähigkeit eines Profi-Fechters, um bei Grün noch rechtzeitig vor den Blechkarossen davon-zueilen, oder man quittiert das Hupen des ohnehin verärgerten Vierrad-Fahrers mit einer gesunden Portion Gelassenheit. Ist der BMW C 600 Sport erst mal in Fahrt, gibt es antriebsseitig nichts zu beklagen - bis auf die Lebensäußerungen des Scooters vielleicht. Der Sound des Zweizylinders mit 90 Grad Hubzapfen- und 270 Grad Zündversatz tönt plärrig, was auf Dauer ziemlich nerven kann.

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Foto: Gargolov
Viel Plastik umgibt das toll gestylte, prima ablesbare und informative Cockpit.
Viel Plastik umgibt das toll gestylte, prima ablesbare und informative Cockpit.

Dafür begeistert der BMW C 600 Sport mit zahlreichen Verstaumöglichkeiten. Das große Fach unter der Sitzbank bietet mindestens einem, im Stand mit ausgeklapptem Flex Case zwei Integralhelmen Platz. In der Front findet zudem allerlei Kleinkram einen Aufbewahrungsort.

Für die sensiblen Testernaturen rollt der BMW C 600 Sport  mit dem Highline-Paket (900 Euro) an den Start: Mit Griff- und Sitzheizung (auch für den Soziusplatz), schicken LED-Blinkern, Tagfahrlicht und Reifendruckkontrolle ist man für jede Jahres-, Tages- und Nachtzeit gut gewappnet. Das treibt allerdings den Preis mit 12.100 Euro auf ein ziemlich unsportliches Niveau.

Dem Absatz hat das bisher jedoch nicht geschadet: Seit der Markteinführung Ende Juli 2012 haben sich vom BMW C 600 Sport und dessen tourenorientiertem Bruder C 650 GT bis August 2013 in Deutschland knapp 1500 Stück verkauft.

Foto: Gargolov
Der Großroller BMW C 600 Sport im Dauertest-Fuhrpark von MOTORRAD.
Der Großroller BMW C 600 Sport im Dauertest-Fuhrpark von MOTORRAD.

Bleibt schließlich die entscheidende Frage: Ist der BMW C 600 Sport eine echte Alternative für Motorradfahrer, denen es im Wesentlichen auf das Freiluftgefühl ankommt? Wir werden sehen. Gut angerollt ist der BMW-Scooter - und das trotz fehlenden Boxer-Motors. Dem Himmel sei Dank!

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