Dauertest-Abschluss Kawasaki ER-6f Sympathischer Allrounder

Sie hat durchaus ihre Schwachpunkte, die ER-6f. Gleichwohl begeistert sie mit ihrer sympathischen, unkomplizierten Art.

Foto: Bilski
Die Kommentare von Kollegen, es gäbe doch viel aufregendere Motorräder im Dauertest-Fuhrpark als die Brot-und-Butter-ER-6f, kann Monika Häring nicht verstehen. »Was nützen mir all diese kapriziösen Funbikes, ultraschnellen Wetzhobel oder dickbäuchigen Cruiser, wenn die Urlaubsfreude auf der Strecke bleibt«, schüttelt die Assistentin vom action team verständnislos den Kopf. »Ich brauche ein handliches, unkompliziertes Motorrad, mit dem man überall hinfahren kann und das einen nie im Stich lässt.” Seit ihrer ersten gemeinsamen Ausfahrt würde sie die ER-6f am liebsten jedes Wochenende für sich reservieren. Tester Georg Jelicic war von den Tourerqualitäten der ER-6f ebenfalls angetan. Auf einer Fahrt mit Kumpels durch Tschechien fühlte er sich zwischen hubraum- und leistungsstärkeren Motorrädern mit dem 72 PS starken Twin sehr gut aufgehoben, lobte das trotz zwei montierter Givi-Koffer hochgeschwindigkeitsstabile Fahrwerk und äußerte sich begeistert über den niedrigen Verbrauch des Zweizylinders.

»Unglaublich, nur 3,2 Liter auf 100 Kilometer.« Doch nicht alles war Friede, Freude, Eierkuchen. Ein nasskalter Winter machte dem quicklebendigen Zweizylinder spürbar zu schaffen. Nach dem Kaltstart lief er mitunter nur auf einem Zylinder und wirkte in der Warmlaufphase müde und träge. Als dann auch noch die FI-Leuchte im Cockpit darauf hindeutete, dass mit der Gemischauf­bereitung etwas nicht stimmte, ging’s bei knapp 23000 Kilometern ab in die Werkstatt. Der Meister wechselte kurzentschlossen das ECU-Steuergerät gegen ein neues mit geänderter Software, erkennbar an der Seriennummer 112100-2582. Außerdem ersetzte er den Auspuff, der durch Patschen im Schiebebetrieb und ein permanentes Zwitschern, das nach altem VW-Käfer klang, in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht hatte. Danach wirkte die ER wieder munter und klang so kernig wie am ersten Tag.
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Foto: Hering
So endete auch die Dauertest-Zwischenbilanz (MOTORRAD 4/2007). Wie Kawasaki mitteilte, wurden einige der älteren Steuergeräte bei ER-6-Besitzern auf Garantie getauscht. Auch der schadhafte Auspuff war kein Einzelfall. Andere ER-6-Kunden reklamierten zwar kein losgerütteltes Prallblech, dafür ein gerissenes Blech hinter der Muffe zum Krümmer. Eine geänderte Schweißnaht, die mittlerweile in die Serie eingeflossen ist, soll laut Kawasaki das Problem beseitigen. Die spielerisch leichte, 200 Kilogramm wiegende Kawa reizt mit ihrem schon aus mittleren Drehzahlen druckvollen und gleichzeitig drehfreudigen Motor zu sportlicher Fahrweise. Wer flott unterwegs ist, spürt aber auch gleich die Grenzen des Fahrwerks. Das rechts direkt ab der Schwinge angelenkte, schwach gedämpfte und nur in der Federbasis einstellbare Federbein ist von einfacher Machart und zeigt sich schnell überfordert. Bei flotter Gangart gautscht die Heckpartie ganz ordentlich, außerdem hält das Hinterrad auf holprigen Straßen den Bodenkontakt nur mäßig, und im Zwei-Personen-Betrieb schlägt es sogar ordentlich durch. »Damit kann ich locker leben«, meint Monika, der unbeschwerte Beherrschbarkeit, Verlässlichkeit und das stete Gefühl, auf der Maschine immer gut aufgehoben zu sein, weit wichtiger sind als ein ordentlicher Adrenalinschub beim Fahren auf letzter Rille.
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Foto: Künstle

Wissenswertes

Wer sein Bike fahrwerksseitig dennoch optimieren möchte, wird bei Hubert Hoffmann in Rottenburg (www.hh-racetech.de) fündig. Er modifiziert zum Beispiel das originale Federbein nach eigenen Wünschen und fräst ein neues Dämpfergehäuse mit stufenloser Federbasisverstellung. In Verbindung mit einer stärkeren Feder kostet die Überarbeitung des Federbeins etwa 420 Euro. Auch WP (www.wp-germany.com) bietet guten Ersatz. Das »4014 Emulsion« für 499 Euro hat eine stufenlose Federbasisverstellung und einstellbare Zugstufendämpfung. Sogar in der Länge ist es variabel. Beide Federbeine verbessern das Fahrverhalten der ER-6f spürbar, ihr Preis entspricht allerdings gut sechs Prozent der Anschaffungskosten des Motorrads.

Und wie Moni sehen es viele andere ER-6-Fahrer. Sie arrangieren sich mit den begrenzten Fähigkeiten des Fahrwerks, weil sie das Motorrad wegen seiner einfachen Handhabung überzeugt. Zumal auch der annehmbare Einstandspreis über kleinere Mängel hinwegsehen lässt. Für 600 Euro Aufpreis gibt es sogar ein Antiblockiersystem. Das etwas grob regelnde ABS hat jedoch so seine Tücke, weil es keine Überschlagerkennung besitzt. Bei haftfreudigen Reifen sind in Verbindung mit dem kurzen Radstand und dem hohen Schwerpunkt Stoppies und selbst ein Salto vorwärts durchaus möglich. Denn solange das Vorderrad nicht blockiert, bevor das Hinterrad abhebt, greift das ABS nicht ein. Nach gut einem Jahr und an die 30000 Kilometer auf dem Buckel tritt bereits die ein oder andere Abnutzungserscheinung zutage. So verliert die von Beginn an als recht weich empfundene Sitzbank das letzte Gefühl von Straffheit, und auch die Einträge zum Thema »Dröhnen und Scheppern in der Verkleidung« häufen sich. Letzteres Manko betrifft nur die 2006er-Modelle. Beim 2007er-Jahrgang hat Kawasaki durch Moosgummistreifen in der Verkleidung Abhilfe geschaffen, die den direkten Kontakt von Motor zu Rahmen unterbinden. Eine Nachrüstung ist laut Kawasaki möglich und wird im Rahmen der Garantie erledigt.

Andere Mängel, die aus Leserbriefen und einschlägigen Internet-Foren bekannt wurden, betreffen die Langstrecken-ER-6f nicht. Da werden schlecht lackierte Rahmen und das Austreten rostiger Wasser­brühe an den Stopfen, die die seitlich offenen Rahmenrohre abdichten, gerügt. Die Ursache ist bei Kawasaki bekannt. Weil im Steuerkopfbereich in die Rahmenrohre eindringendes Wasser nach unten nicht abfließen konnte, staute sich dieses und drückte sich an den Stopfen vorbei nach außen. Um dies künftig zu vermeiden, wurden durch die nach unten gerichteten Rohrenden Löcher gebohrt, damit das Wasser nun ungehindert abfließen kann. Bei der aktuellen Serie sind diese Bohrungen bereits vorhanden. Die teils schlechte Lackierung der Rahmen betrifft laut Kawasaki nicht alle Farbvarianten, sondern nur die rot und schwarz lackierten. Je nach Stärke des Problems erklärt sich Kawasaki bereit, abhängig von Alter und Laufleistung des Motorrads, den Rahmen kostenlos lackieren zu lassen.

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