Dauertest-Abschlussbilanz Harley-Davidson Road King Dauertest-König Road King

Zisch! Frisch prickelt das kühle Blonde im Stielglas, hell leuchten die Augen. Nach 50000 Kilometern, nach Demontage und akribischer Begutachtung wird bei Harley-Davidson gefeiert. Der neue Dauertest-König heißt Road King. MOTORRAD gratuliert.

Foto: Bilski
Die unvermeidlichen Besserwisser – dieses Mal gab es sie nicht. Selbst die üblichen Verdächtigen hielten sich wohltuend zurück. Jene, die nachher schon immer alles vorher gewusst haben wollen. Selbstverständlich wurden Erklärungsversuche unternommen. Etwa, dass so ein 96-Kubic-Inch-Big-Block (das entspricht 1585 Kubikzentimetern) die stattlichen 78 PS ganz locker abliefere. Die einzelnen Bauteile sich dementsprechend zwar von den kernigen Vibrationen ordentlich geschüttelt, aber von den auftretenden Belastungen in hohem Maße ungerührt zeigten. So in der Art. Trotzdem: Dass sich eine Harley in Sachen Verschleiß, Zuverlässigkeit und – ja auch und ganz besonders – Fahrfreude derart überzeugend präsentiert, damit hatte niemand gerechnet. Vielleicht lag es an den magischen Beschwörungsformeln, die Fuhrparkchef Gerry Wagner gleichsam als "Owners manual" auf der Schutzhülle der Fahrzeugpapiere vermerkt hatte. Nein, nichts mit "good vibrations" oder anderer wohlbekannter Harley-Lyrik. "Öl-warm-Seitenständer-eingeschraubt" lautet die kryptische Beschwörungsformel an die Fahrer, worauf sich die schwarze Road King vermutlich umgehend entschloss, etwaigen Fehlbedienungen zusätzlich mit einem nicht messbaren Ölverbrauch zuvorzukommen. Jedenfalls war so gut wie nie Verlust zu verzeichnen, wenn man den Ölstand im separaten Öltank vorschriftsmäßig mit ganz eingeschraubtem Peilstab überprüfte und die Road King dabei auf dem Seitenständer stand. Alles andere – also das Ausbalancieren des Kolosses in der Vertikalen mit einer Hand, während die andere sich am Peilstab zu schaffen macht – hätte angesichts der Masse von versammelten 349 Kilogramm vollgetankt zumindest im Alleingang ohnehin ins Unglück geführt. Im Gegenzug bemühte sich die Road King nach Kräften, ihre Fahrer glücklich zu machen.
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Foto: Jahn

Fahrgefühl und Zuverlässigkeit

Und zwar alle. Die Buchhaltertypen ebenso wie die Genießer, die Tourer gleichermaßen wie die Abenteurer. "Nie habe ich ein Zweirad zärtlicher bewegt", schreibt ein Road-King-Treiber, der normalerweise eher groben Stollen oder schönen Frauen zugeneigt ist, von großen Gefühlen im Fahrtenbuch. "So kann man gleiten, so vergisst man Zeit und Raum. Und altert in Würde." Damals (bei Kilometerstand 11000) konnte der Poet noch nicht wissen, dass die Road King es ihm gleichtun würde. Die Dicke aus Milwaukee lief und lief und lief – und sah (abgesehen von den angelaufenen Felgen, die aber angesichts der Putzliebe "normaler" Besitzer nur in den seltensten Fällen zum Alterungsprozess zählen dürften) am Ende der Testdistanz aus wie aus dem Ei gepellt. Besser noch: Sie fühlte sich auch so an. Im Gegensatz zu manch anderem Dauertestmotorrad nahmen mit den zurückgelegten Kilometern nämlich weder die Vibrationen zu, noch ließen die federnden und dämpfenden Qualitäten des Fahrwerks nach.

Okay, die ausgeprägte Pendelneigung jenseits der Autobahnrichtgeschwindigkeit war ein Thema – aber bereits von Anfang an. Ebenso wie das Beschlagen der Tankanzeige, das Quietschen der Bremsanlage oder die mangelhafte Haftung der Dunlop-Pneus bei Nässe. In dieser Beziehung funktionierte der bei 45377 Kilometern aufgezogene Avon Venom deutlich besser. Defekte traten während der 50000 Kilometer nur zwei auf, nämlich ein Riss im Auspuffkrümmer, welcher bei 32800 Kilometern auf Garantie getauscht wurde, und die Auflösungserscheinungen am rechten Schalldämpfer, ebenfalls auf Garantie ersetzt bei Kilometerstand 47377.

Allein mit dieser Bilanz hätte die Road King in der MOTORRAD-Dauerteststatistik ganz weit vorne gestanden. Doch neben der Zuverlässigkeit punktet die Harley außerdem mit erstaunlich geringen Unterhaltskosten und des Weiteren mit einem nahezu tadellosen Zustand aller Bauteile, wie die abschließende Demontage zeigt. Aber der Reihe nach: Die Road King konsumierte über die Distanz Benzin, Öl (bei den Ölwechseln), Luftfilter, Bremsbeläge, Reifen und andere Kleinteile für 6640,46 Euro. Dazu addierten sich Inspektionskosten (alle 8000 Kilometer) von 1370,32 Euro. Macht unterm Strich 8010, 78 Euro. Ein sehr guter Wert, was weniger am überdurchschnittlich geringen Benzinkonsum – der bewegte sich mit durchschnittlich 6,5 Litern auf angemessenem Niveau –, sondern vielmehr am geringen Reifenverschleiß liegt. Zusammen mit dem sensationell niedrigen Wertverlust von 5110 Euro – was 25,3 Prozent des Kaufpreises von 20210 Euro entspricht und nach intensiver MOTORRAD-Recherche ein absolut realistischer Wert ist – ergeben sich unerwartet geringe Kosten pro Kilometer. Ohne Wertverlust sind es 16 Cent pro Kilometer, mit Wertverlust 26 Cent.
Foto: Jahn

Finale Bestandsaufnahme

Da offenbarte sich schnell, dass die Road King den 50000-Kilometer-Marathon nahezu unbeschadet überstanden hat. Bei der Leistungsmessung läuft sie zu nicht gekannter Höchstform auf und drückt 81 statt der anfangs gemessenen 79 PS ab. Bei der Kompressionsprüfung verliert sie auf jedem Zylinder vernachlässigbare 0,5 Bar, die Fahrleistungen variieren im Zehntelsekunden-Bereich.

Am wichtigsten jedoch: Fahrwerk und Motorinnereien präsentieren sich in nahezu einwandfreiem Zustand. Natürlich gibt es Zeugnisse der zurückgelegten Distanz wie Laufspuren auf den Gleitlagern der Nockenwellen oder Brandspuren auf den Auslassventilen. Doch Harley- wie auch MOTORRAD-Techniker bezeugen unisono die bedenkenlose Weiterverwendung. Etwas anders liegt der Fall beim Kolbenlaufspiel. Harley-Davidson gibt hier eine recht knappe Toleranz von 0,076 Millimetern an, so dass trotz des guten Laufbilds mit einem Laufspiel von 0,10 und 0,11 Millimetern diese Grenze eindeutig überschritten ist und die Kolben getauscht werden sollten. Die Zylinder wiederum sind noch innerhalb der Betriebstoleranz und können, obgleich leicht unrund, weiterverwendet werden. Dasselbe gilt für den Kurbeltrieb, die Getrieberräder, Schaltwalze und Schaltgabeln sowie die Kupplung und das gesamte Fahrwerk. Selbst der Zahnriemen, der beim Dauertest der Buell XB12S für einigen Verdruss sorgte, hielt problemlos durch und zeigt keinen Verschleiß.

Alles gut also? Im Grund schon, denn mit den kleinen Unpässlichkeiten der Road King lässt sich zweifellos gut leben. Mit der Tatsache, dass die Reifen in ihrer ungewöhnlichen Dimension im freien Handel kaum verfügbar sind und in der Regel beim Harley-Händler des Vertrauens geordert werden müssen, arrangiert man sich angesichts des geringen Verschleißes. Dass die Ölkontrolle bei warmen Motor wie vorgeschrieben aufgrund des heißen Alu-Peilstabs nur mit Handschuhen möglich ist, darüber werden sich im Wissen um den praktisch nicht vorhandenen Verbrauch die Gemüter sicher nicht erhitzen. Stattdessen werden sie sich daran ergötzen, dass der Road King und somit auch ihrem Fahrer nahezu überall Sympathie entgegenschlägt. Kein Wunder also, dass sich nicht nur die Redaktionsmitglieder, sondern auch die meisten Leser nach der Tour ein Bier aufmachen und sich königlich fühlen.

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