Dauertest BMW K 1200 RS (Zwischenbilanz) Der Himmel muß warten

Nachdem die erste Langstreckentestmaschine viel zu früh verschied, soll die zweite nach 50000 Kilometern noch einmal die gleiche Distanz in Angriff nehmen. Hier die Zwischenbilanz.

»Ein Münchner im Himmel« hieß es in Heft 21/1997, als ein kapitaler Motorschaden den MOTORRAD-Dauertest der K 1200 RS vorzeitig beendete. Das zweite Exemplar hat mittlerweile 50000 Kilometer ohne größere Probleme überstanden und wird bis zum Erreichen der 100000-Kilometer-Schallmauer im Fuhrpark belassen. Der schnelle Bayern-Bomber ist damit die fünfte Maschine, die bei MOTORRAD diese Marke knacken soll. Ausschlagend für die Entscheidung war, daß die K 1200 RS häufig als komfortabler Sport-Tourer eingesetzt wird.
Auch bei MOTORRAD war die Gelbe auf ihren ersten 50000 Kilometern besonders für zügige Langstreckenetappen erste Wahl, was Einträge im Fahrtenbuch wie »ein Motorrad wie die S-Klasse« oder »Super-Reisemotorrad, besonders zu zweit« dokumentieren. Vor allem nach Montage der Komfortsitzbank und erhöhter Lenkerstummel aus dem BMW-Zubehörprogramm fühlen sich große wie kleine Piloten bestens untergebracht. Einzig die Position der Fußrasten stößt auf Kritik, Grafikerin Katrin Sdun-Heinlein sieht sich »fast gezwungen, mit hängenden Zehen zu fahren, da beim Zurücksetzen des Fußes der hintere Teil der Rastenanlage im Weg ist«. Großgewachsenen Fahrern fällt es zudem schwer, sich zwischen den beiden möglichen Stellungen der Verkleidungsscheibe zu entscheiden: Während die flache Stellung wenig Windschutz bietet, stören bei aufgestellter Position Verwirbelungen und laute Windgeräusche.
Geteilt sind die Auffassungen zum Fahrwerk mit Tele- und Paralever: Die einen mögen das Raumgleiter-ähnliche Fahrgefühl, die anderen finden es einfach sch.. . Speziell die Neigung, in Kurven über das Vorderrad zu schieben, mißfällt. Testerin Moni Schulz bemängelt: »So oft ist mir noch nie die Straße ausgegangen.« Ex-Rennfahrer Christian Aurnhammer stört sich am hohen Gewicht, der Unhandlichkeit und dem mangelnden Feedback, was ihn nach einer zweiwöchigen Tour über 6000 Kilometer sogar zu der Bemerkung hinreißen läßt, man solle das Ding den Kollegen von der Autozeitung geben, vielleicht könnten die etwas damit anfangen. Erstaunlich nur, daß selbst scharfe Kritiker immer wieder auf den gelben Riesen zurückgreifen, wenn es über lange Distanzen geht. Neben dem guten Platzangebot und der Reichweite von etwa 300 Kilometern wissen anscheinend auch sie den bärenstarken Motor zu schätzen.
Trotzdem blieb auch dessen Weste nicht ganz weiß. Die Quintessenz lautet hier: Leistungsentfaltung und Drehmoment top, Geräuschentwicklung und Ölverbrauch hopp. Eine breite Palette mechanischer Geräusche und Vibrationen aus den Tiefen des Verkleidungsbauchs, metallisches Schlagen im Antriebsstrang beim Überfahren von Fahrbahnabsätzen sowie der Schmierstoffbedarf von etwa 0,5 Litern auf 1000 Kilometer nerven seit Beginn des Langstreckentests. Erfahrungen, die auch viele Leser machten (siehe Kasten). Wichtig bei der Ölkontrolle ist, nach dem Abstellen des Motors etwas zu warten, bevor man den Pegel im Schauglas überprüft.
Zum Thema Reifen: Drei Paarungen wurden probiert, gravierende Kritikpunkte gab’s keine, aber unterschiedliche Auswirkungen aufs Fahrverhalten. Mit den Metzeler ME Z4 wird die BMW instabil und recht unhandlich, so daß sich Reifenexperte Mini Koch gar »auf einem 380 Kilo schweren Motorrad« wähnte. Lob gab es hingegen für die Haltbarkeit und den Abrollkomfort der Z4. Letzteres ist die Schattenseite der Alternativbesohlung Bridgestone BT 57. Die japanischen Gummis ließen harte Stöße deutlicher zum Fahrer durchdringen, verhalfen der K 1200 im Gegenzug aber zu einem etwas leichtfüßigeren Handling. Die dritte Paarung, Dunlop D 205, kristallisierte sich als guter Kompromiß heraus. Für alle drei Typen gilt, daß der Reifendruck im Sinne größtmöglicher Handlichkeit vorn 2,9 bar betragen sollte.
Ein echtes Ärgernis ist die stark vergammelte Blende des Auspufftopfs. Aufgewirbelter Schmutz und zum Teil sogar Kunststoff des Koffers brannten sich förmlich fest - ein Umstand, der auch von vielen Lesern bemängelt wird. Einige von ihnen kritisierten außerdem die starke Aufheizung des auspuffseitig montierten Koffers, einem K 1200-Besitzer verschmolz sogar die darin verstaute Regenkombi.
Erwähnt werden muß freilich noch, daß die Langstreckentest-BMW bei Kilometerstand 43500 nach einem relativ harmlosen Sturz während einer Frankreich-Tour, die sogar fortgesetzt werden konnte, ein teilweise neues Plastikkleid spendiert bekam. Aus Sicherheitsgründen wurden auch das vordere Laufrad, das Rahmenheck, Teile der Bremsanlage, Wasserkühler und einige Kleinteile erneuert. Ergab summa summarum 13900 Mark. Kleine Ausrutscher mit der K 1200 RS können also große Folgen haben.
Bleiben wir beim Geld: ICE-mäßiges Reisen kostet Expreß-Zuschlag, wobei der Benzinverbrauch von durchschnittlich sieben Litern auf 100 Kilometern angesichts von 285 Kilo Leergewicht, 130 PS und häufigem schnellen Zweipersonenbetrieb akzeptabel ist. Gleiches gilt für den Verschleiß an Reifen und Bremsbelägen, erstere waren etwa alle 5000 Kilometer fällig. Richtig nervend ist der hohe Ölverbrauch, neben den regulären Wechseln während der Inspektionen im 10000-Kilometer-Intervall kippte sich die Zwölfhunderter auf den 50000 Kilometern 8,7 Liter hinter die Binde - laut BMW kein Problem. Zu allem Überfluß ist das Nachfüllen auch noch eine kleckernde Angelegenheit.
Unterm Strich kann der Langstreckentest-BMW eine recht gute Kondition attestiert werden, von Pannen blieb sie verschont. Und die Meßwerte sowie das Kompressionsdiagramm lassen den Schluß zu, daß der Motorrad-Himmel noch eine ganze Weile auf die gelbe Münchenerin warten muß.

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