Dauertest BMW K 1200 RS Wuchtbrumme

Happy End für die BMW K 1200 RS: Nach Motorschaden spulte der drehmomentgewaltige Vierzylinder im zweiten Anlauf die 100000-Kilometer-Distanz problemslos ab. Die Bilanz des Marathons: fast makellos.

Der erste Versuch, das bayerische Sporttourer-Flaggschiff BMW K 1200 RS einem Langstreckentest zu unterziehen (siehe MOTORRAD 21/1997), verlief alles andere als glücklich. Motorschaden bei Kilometerstand 18100 im September 1997, weil das Pleuel des ersten Zylinders den Hubzapfen angefressen hatte und hernach Kolben, Kurbelgehäuse, Ventile sowie einige andere Kleinteile zerstörte. Das Pleuellager des dritten Zylinders zeigte ebenfalls Fressspuren. Ganz klarer Fall, konstatierte BMW, Mangelschmierung, verursacht von der Redaktion MOTORRAD durch fehlende Ölstandskontrolle.
Waldemar Schwarz, technischer Leiter von MOTORRAD, war da ganz anderer Meinung, konnte er doch mittels Fahrtenbuch lückenlos die Ölstandskontrolle und das Nachfüllen des Schmierstoffs belegen. Kollege Schwarz sah die Ursache für den Motorschaden »mit hoher Wahrscheinlichkeit« in einer kurzzeitigen Verstopfung des Hauptölkanals, was die Pleuellager schädigte und den späteren Motorschaden quasi programmierte. BMW wollte das Ganze dennoch nicht als Garantiefall anerkennen: selbst schuld, selbst bezahlen. Das tat die Redaktion auch. Aber nicht die Reparatur der ersten K 1200 RS, sondern die Anschaffung einer zweiten. Einmalig für das Langstreckentest-Prozedere: Diesmal sollte es eine gebrauchte Maschine sein, unbedingt aus der ersten Serie, möglichst schon mit einigen Kilometern.
Wiederaufnahme des Dauertests nach eingehender Inspektion der »neuen« K 1200 RS Mitte Juni 1998, Tachostand knapp 15000 Kilometer, Planziel 50000. Die hatte »die Dicke«, wie sie von vielen Fahrer genannt wurde, schnell auf der Uhr (siehe MOTORRAD 13/1999): Nach knapp einem Jahr war das Soll erfüllt. Doch dann begann das Grübeln. Das Ergebnis: weitermachen, schließlich sind K-Fahrer überdurchschnittlich viel unterwegs (siehe auch Kasten Seite 44). In der Redaktion erfreute sich die BMW ebenfalls großer Beliebtheit, wenn es darum ging, schnell lange Strecken zu bewältigen. Und das möglichst bequem.
Weshalb die K 1200 RS gleich zu Beginn ihres Tests eine Komfortsitzbank und erhöhte Lenkerstummel aus dem BMW-Zubehörprogramm spendiert bekam. Eine lohnenswerte Investition, denn serienmäßig müsen sich vor allem kleinere Fahrer zu weit über den Tank spannen, um die Lenkerhälften zu erreichen. Umgerüstet erhielt die K größtenteils gute Noten für den gebotenen Komfort. Harry Biehl, Gasttester und Vielfahrer, darf stellvertretend schwärmen: »RS steht für Rennsofa. Mühelos schnell fahren klappt prima, nach 2000 Kilometern gab es ein dickes Lob von der Sozia.« Biehl erwähnt positiv das verstellbare Windschild, moniert jedoch in der erhöhten Position Verwirbelungen am Helm und die Geräuschkulisse, ein Kritikpunkt, der sich häufiger im Fahrtenbuch findet.
Geteilt sind die Meinungen über das Fahrverhalten. Wähnen sich doch viele von der Fahrbahn entrückt und vermissen das richtige Gefühl für die Front, was vor allem an der Telelever-Vorderradführung liegt. Und die gefällt – oder eben nicht. Zudem wird häufig kritisiert, dass die gewichtige BMW in Kurven schon mal gern weitere Wege fahren möchte, als es ihrem Piloten eigentlich Recht ist. Zwar zeigten sich viele Fahrer über die Handlichkeit des bayerischen Riesen erstaunt, aber 290 Kilogramm Lebendmasse sind nicht wegzudiskutieren. Und bei langsamen Tempi eiere die K 1200 etwas um die Längsachse. »Wer mal Eigenlenken erleben möchte, soll mit dem Ding die Redaktionstiefgarage hochfahren.« Zum Zeitpunkt dieses Fahrtenbucheintrags war die 1200er mit Metzeler ME Z4 bestückt. Speziell mit diesem Vorderrad legt sie bei niedriger Geschwindigkeit ein seltsames Fahrverhalten an den Tag, fast so, als habe sie einen Plattfuß.
MOTORRAD-Reifenexperte Werner Koch ging der Sache auf den Grund und riet: »Vorne Luftdruck von 2,5 auf 2,9 bar erhöhen, dann fährt sie leichter ums Eck.« Richtig gut ist dennoch anderes. Wie sich spätestens dann herausstellte, als Metzeler einen Reifen mit der Sonderspezifikation »B« auf den Markt brachte. Wegen dessen steiferer Karkasse fährt sich die K deutlich besser, aber immer noch nicht sonderlich handlich. Das gehört einfach nicht zu den Stärken des ME Z4, der bei Abrollkomfort und Laufleistung – im Schnitt über 10000 Kilometer pro Satz – Pluspunkte sammelt. Wer es sportlicher angehen lassen möchte, wählt die Bridgestone-Paarung BT 56/57, muss dafür Abstriche bei der Lebensdauer machen. Ein guter Kompromiss zwischen Sportlichkeit und Laufleistung ist der Dunlop D 205.
Kilometerstand 60000: Schon seit längerem häufen sich die Beschwerden über eine durchrutschende Kupplung, sie muss im Rahmen der turnusmäßigen Inspektion getauscht werden. Ein teurer, weil zeitintensiver Spaß. Ansonsten verhält es sich mit der K beinahe wie mit einem guten Rotwein: je älter, desto besser. Für Fernreisende von Vorteil: die 10000er-Inspektionsintervalle. Nicht selten ist die BMW 5000 und mehr Kilometer auf Tour.
Wobei im Reisegepäck ein ausreichender Ölvorrat nicht fehlen darf, die Kontrolle des Ölstands ist für K-Fahrer oberste Pflicht. Im Schnitt genehmigt sie sich einen halben Liter Schmiermittel auf 1000 Kilometer. Mehr als gewöhnlich, sagt BMW, normal brauche sie 0,2 bis 0,3 Liter (siehe auch Kasten Seite 48). Wichtiger Punkt beim Nachfüllen: Das Motorrad auf dem Hauptständer abstellen – geht kinderleicht – und dann lange genug warten, bis sich alles Motoröl in der Ölwanne gesammelt hat. Sonst läuft man Gefahr, mehr Öl einzufüllen, als eigentlich nötig ist. Eine weitere Eigenart der K: Steht sie längere Zeit auf dem Seitenständer, stößt sie nach dem Start unschöne Qualmwolken aus, im Fachjargon Blaurauch genannt.
Bei Tachostand 61592 braucht die Langstreckenmaschine zwei neue Laufräder, die alten haben einen kräftigen Schlag. Kollege Lengwenus hatte auf einer belgischen Autobahn bei strammem Tempo und voller Zuladung einen mächtigen Fahrbahnabsatz unter die Räder genommen, wobei die Felgen bleibenden Schaden davon trugen und sich, weit schlimmer, das vordere Schutzblech im Bugspoiler verhakte. Die Lenkung war also nicht mehr freigängig. Ein Phänomen, das sich wenig später nach dem Durchfahren eines Schlaglochs in den Alpen wiederholte.
Rund 25000 Kilometer heißt es dann fahren, tanken, fahren, die Marathonläuferin spult problemlos ihre Kilometer ab, genehmigt sich im Schnitt gut sieben Liter Super. Angesichts der überaus souveränen Fahrleistungen ein absolut akzeptabler Wert. Dank des Tankinhalts von 21 Litern sind Reichweiten von knapp unter 300 Kilometern möglich.
Kilometerstand 86770 – ein Schreckmoment. Der erste Zylinder baut keine Kompression mehr auf. Kein Wunder, das zweite Auslassventil ist ausgebrochen und hat die Zündkerze beschädigt, aber ansonsten gottlob kein weiteres Unheil angerichtet. Reparaturkosten: 1248,82 Mark. Sieht man einmal von einem defekten Öldruckschalter ab, verlaufen die restlichen Kilometer bis zum Testende absolut problemlos.
Ob Vorahnung auf das gute Ergebnis oder nicht, Testchef Lindner notiert bei 90000 Kilometern: »Für diese Laufleistung fährt das Ding einfach fantastisch, da wackelt nichts, da klappert nichts«. Abgesehen von den Geräuschen, die dem Sporttourer von Anfang an eigen waren. Aus den Tiefen der voluminösen Verkleidung meldet sich der drehmomentstarke Vierzylinder eigentlich immer zu Wort. Und die metallischen Geräusche aus dem Antriebsstrang, hörbar vor allem bei Überfahren von Fahrbahnkanten, sind ebenfalls stets vernehmbar.
Jedoch ohne Folgen für den gesamten Kardanantrieb, wie sich nach dem Zerlegen der K in ihre Einzelteile herausstellte. Überhaupt ein überaus erfreuliches Bild, das sich den Technikern beim Vermessen bot. Größter Kritikpunkt: Pleuel Nummer vier, dessen Lager stark verschlissen ist. Fehler bei der Montage, das Lager wurde mit Versatz eingebaut, attestieren die BMW-Ingenieure beim Besichtigungstermin in der Redaktion. Weiterer Mangel: Die Kupplung ist nach 40000 Kilometern schon wieder verschlissen. Überbeanspruchung bei der abschließenden Ermittlung der Fahrleistungen, argumentiert BMW, im Normalfall läge die Laufleistung der Kupplung bei rund 100000 Kilometer.
Das war’s dann schon. Was zunächst unter einem unglücklichen Stern zu stehen schien, hat doch noch ein Happy End gefunden. Willkommen im Club der 100000er, K 1200 RS.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote