Dauertest Honda VTR 1000 F Hochbetrieb

50 000 Kilometer in 15 Monaten: Die Honda VTR 1000 F absolvierte den MOTORRAD-Dauerlauf in Rekordzeit.

Souveräne Motorleistung, exzellenter Windschutz, entspannte Sitzposition, Platz für Gepäck, großzügige Tankreichweite - Eigenschaften, die ein Motorrad innerhalb des Langstreckentest-Fuhrparks zu einem begehrten Wanderpokal machen.
Derlei Voraussetzungen für hurtiges Kilometer-Sammeln hat die Ende März 1997 gekaufte und in Dienst gestellte VTR 1000 F nicht zu bieten, sieht man einmal von den Fahrleistungen der mit 114 PS gut im Futter stehenden Maschine ab. Ihr kleiner, nicht einmal 16 Liter fassender Tank engt im Zusammenspiel mit einem nicht gerade bescheidenen Benzinverbrauch den Aktionsradius in bisweilen beängstigender Weise ein. Im Extremfall - bei strammer Autobahnfahrt - steht alle 45 Minuten eine Stop-and-go-Strafe ins Haus. Ein Umstand, den allenfalls engagierte Raucher als Pluspunkt werten.
Auch die Gegebenheiten an Bord scheinen nicht angetan, die VTR in die engere Wahl eifriger Kilometerfresser geraten zu lassen. Das niedrige Verkleidungsoberteil mit beinahe nicht existentem Windschutz und die in ungünstigem Winkel angestellten Lenkerstummel zehren auf längere Sicht an der Kondition. Die Abneigung der Maschine schließlich, sich Gepäck aufhalsen zu lassen (keine Haken, keine Ösen), animieren auch nicht gerade, die Firestorm als Reisebegleiter zu wählen.
Ein Tor also, der auf Tour mit der VTR geht? Mitnichten, wird Annette Johann einwenden, die es als »Unterwegs«-Chefin schließlich wissen muß. Kreuz und quer auf der Iberischen Halbinsel unterwegs, kommt ihr die Honda keineswegs spanisch vor. »Schnelle Landstraßen sind bei diesem Durchzug, den guten Bremsen und der sportlich-komfortablen Sitzposition einfach nur Genuß. Eigentlich der perfekte Sporttourer«, hält sie im Fahrtenbuch fest. Ohne freilich - siehe oben - die Punkte Verbrauch, Reichweite und Gepäckunterbringung kritisch zu würdigen. Rund 4000 Kilometer spult sie in ganzen zehn Tagen ab - ein spektakulärer Einzelfall von Reise- und Einsatzfreudigkeit. Aber eben ein Einzelfall und keine Begründung für die Schnelligkeit, mit der die Honda die 50 000-Kilometer-Pflichtdistanz hinter sich bringt.
Die liefern eher Leute wie Test-Kollege Matthias Schröter. Als Pendler zwischen Schwarzwald und Stuttgart nutzt er die Langstreckentestmaschine nach Kräften. 200 Kilometer täglich, je zur Hälfte Autobahn und kurvige Landstraße. Ohne Gepäck, ohne lästige Zwischenstopps, und immer schnell, schnell. Das scheint so viel Spaß zu machen, daß ihn das Motorrad irgendwann unter Androhung von Gewalt weggenommen werden muß.
Andere wollen schließlich auch mal den gelben Blitz bewegen. Meistens für den Weg zur Arbeit oder für paar hundert genußvolle Kilometer übers Wochenende. Oder für ein paar schnelle Runden auf abgesperrter Strecke: Tester und Hobby-Rennfahrer Jörg Schüller erfüllt sich einen Herzenswunsch und verbringt die Weihnachtstage im Kreisverkehr von Cartagena, während Horst von Saurma-Jeltsch, seines Zeichens Instruktor im ACTION TEAM-Perfektionstraining, dem Dauerläufer auf dem Nürburgring Beine macht.
Wobei keine neuen Erkenntnisse zutage treten: Die Federelemente, vor allem die Gabel, sind zu weich abgestimmt, und die Bremsen könnten kräftiger zubeißen. Keine Frage: Wenn es um sportlichen Einsatz geht, wird das VTR-Fahrwerk zu einer Spielwiese für experimentier- und bastelfreudige Zeitgenossen - eine Einschätzung, die von den eingegangenen Leserzuschriften bestätigt wird.
Die Langstrecken-VTR bleibt von derlei Doping-Maßnahmen verschont, Eingriffe gibt`s nur mit der Zielsetzung, die Alltagstauglichkeit zu verbessern. Mit schönen Erfolgen: Ein Paar Tarozzi-Lenkerstummel (Firma Wilbers) erweisen sich als deutlich schonender im Umgang mit den Handgelenken als die Originalteile, eine kuppelförmig aufragende Scheibe (Hein Gericke) verbessert den Windschutz nachhaltig, wird gleichwohl aus ästhetischen Erwägungen umgehend wieder abmontiert. Ein Scottoiler schließlich kümmert sich derart liebvoll um die Schmierung des Sekundärtriebs, daß die Kette erst nach 45 000 Kilometern ausgemustert werden muß.
Benzin einfüllen, Reifen erneuern, die Maschine turnusmäßig zur Inspektion bringen - kein aufregendes Leben für den VTR-Beauftragten in der Redaktion. Außer Spesen also nichts gewesen? Doch. Zu Anfang ihres Kilometermarathons verweigert die VTR dann und wann nach einem Besuch an der Tankstelle mit spotzendem Motor den Dienst. Schuld ist ein schlecht verlegter Schlauch der Tankentlüftung - ein Problem, dem Honda schnell auf die Schliche kommt. Schließlich macht gegen Ende der Testdistanz die vordere Bremse durch unschönes Rubbeln auf sich aufmerksam. Resultat: zwei neue Scheiben und Unschuldsbezeugungen seitens des Importeurs (Siehe Kasten »Honda nimmt Stellung«).
Ob es in Sachen Dauerhaltbarkeit weiteren Erkärungsbedarf geben wird, muß sich schlußendlich am Operationstisch der MOTORRAD-Werkstatt zeigen. Dank des Brückenrahmens kann das komplette Fahrwerk nach Lösen der entsprechenden Schrauben vom Triebwerksblock abgehoben werden. Vorher muß freilich die Hinterradschwinge demontiert werden, die im Motorgehäuse gelagert ist.
Ohne Spezialwerkzeug bemühen zu müssen - sieht man von einem Polradabzieher ab, ist das V2-Aggregat ruckzuck zerlegt. Erster Eindruck nach in Augenscheinnahme der ausgebreiteten Einzelteile: Ist halt eine Honda. Natürlich gibts hier und da Spuren, die von der bewegten Vergangenheit der Motor-Getriebe-Einheit künden, wäre ja auch noch schöner. Aber keine Anzeichen außergewöhnlichen Verschleißes.
Zweiter Eindruck, nachdem die Meßgeräte wieder in ihre Schatullen gewandert sind und die Bestandsaufnahme in nackten Zahlen auf dem Papier steht: Ist halt eine Honda. Will heißen: Motor, Kupplung und Getriebe haben die Dauerprüfung mit Bravour überstanden, die komplette Antriebseinheit kann ohne jeden Griff ins Ersatzteilregal (sieht man von den Dichtungen ab) wieder zusammengebaut werden. In ein Fahrwerk, das den Dauerstreß - bis auf die Sache mit den Bremsscheiben - ebenso klaglos verkraftet hat. Schlechte Karten also für die VTR, in absehbarer Zeit zur Ruhe zu kommen.

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