Dauertest Kawasaki ER-5 Twister NummER-5 lebt

Kleine, einfache Motorräder haben in der Regel ein langes und anstrengendes Leben. Die Langstreckentest-ER-5 macht da keine Ausnahme, hat aber nach nur 50000 Kilometern ihr halbes Leben noch vor sich.

Beinahe wären es genau zwei Jahre geworden: Am 1. Dezember 1996 tat die Kawasaki ER-5 Twister ihre ersten Schritte als Hubraum-Floh im Redaktionsfuhrpark, am 27. November 1998 setzte MOTORRAD-Schrauber Gerry Wagner den Schraubenschlüssel zur finalen Zerlegung an. 727 Tage, während derer die ER-5 lief und lief und vor allem durch brave Unauffälligkeit auffiel.
Gründe, die kleine Kawa für den MOTORRAD-Langstreckentest zu kaufen, hatte es viele gegeben. Bei ihrem Erscheinen im Herbst 1996 vervollkommnete die ER-5 den Reigen der Brot-und-Butter-Alleskönner, der seinerzeit vor allem aus Honda CB 500, Suzuki GS 500 E und der vierzylindrigen Yamaha XJ 600 bestand. Test (MOTORRAD 20/1996) und Vergleichstest mit eben diesen Gegnern (MOTORRAD 22/1996) bescheinigten der Kawasaki einen gelungenen Einstand. Denn nicht nur der günstige Preis sprach für die ER-5, auch das handliche Fahrwerk und der kultivierte Antrieb überzeugten, etwa mit den besten Durchzugswerten und den sanftesten Getriebemanieren im Vergleichstest. Moniert wurden schlappe Bremsen und eine schwach gefederte, beim Bremsen sich verwindende Gabel, was den guten Gesamteindruck aber nur unwesentlich trüben konnte. Der Verkaufserfolg bestätigt denn auch die Qualitäten: Allein 1998 investierten über 3000 deutsche Kradler in neue ER-Fünfen, womit die Kawasaki in der Verkaufsrangliste vor oben genannter Konkurrenz rangiert.
Der Parallel-Twin der ER-5 erblickte schon 1984 als halbierter GPZ 900-Triebling in der Z 450 LTD das Licht der Welt. Er beeindruckt denn auch weniger durch technische Besonderheiten als durch tausendfach bewährte, einfache Technik. Bereits 1988 absolvierte ein solches Triebwerk in einer GPZ 500 S einen MOTORRAD-Langstreckentest über 40000 Kilometer. Klar, daß interessierte, wie sich der Zwilling nach zehnjähriger Modellpflege schlägt. Damals war vor allem der Ventiltrieb durch starkes Pitting auffällig geworden. Dieser muß aber bei der GPZ 500 schärfere Steuerzeiten und einen größeren Hub der Nocken aushalten als bei der ER-5.
Leicht haben es die MOTORRADler dem ER-5-Zweizylinder während der 50000 Kilometer nicht gemacht. Etwa die Hälfte der Distanz legte die Kawasaki auf materialmordenden Kurzstrecken zurück. Heim und retour zur Redaktion, bei Wind und Wetter, auf salzbestäubten Winterstraßen wie bei sengender Sommerhitze. Die andere Hälfte wurde die ER-5 als Urlaubsgefährt genutzt, mit langen Autobahn-Vollgaspassagen und reichlich Beladung.
Doch zurück zu den Anfängen. Eingefahren wurde die Twister vom damaligen Fuhrparkleiter Helmut Faidt - der keinerlei Worte über den Neuzugang verlor. Danach nutzte Magazinredakteur Axel Westphal die kleine Kawa zur abendlichen Heimfahrt, und anschließend gleichen die Eintragungen im Fahrtenbuch einer Liste der Wohnorte von den Redaktionsmitgliedern: Stuttgart, Schorndorf, Berglen, Ludwigsburg, Vaihingen, Leonberg, Deckenpfronn - Kurzstreckenbetrieb über sage und schreibe 11500 Kilometer.
Bleibt die Feststellung »Tankdeckel undicht!« des Kollegen Kappes ein Einzelfall (Tank wurde auf Garantie getauscht), so wiederholt sich »Gabel und Bremsen schlapp« über die gesamte Distanz. Erstmals bereits bei Kilometer 1318 von Fahrwerksspezialist Mini Koch geäußert, bemängeln dies fast alle Testfahrer. Die Gabel wurde deshalb bei Tachostand 22000 probehalber durch White-Power-Gabelfedern nebst mitgeliefertem Gabelöl (SAE 5) aufgerüstet - mit Erfolg. Bei starker Verzögerung verwindet sie sich allerdings weiterhin.
Zur Ehrenrettung sei aber gesagt, daß dies vor allem sportliche Piloten bemängelten. In diesem Kreis wurden auch schon mal Stimmen laut, die einen schlechten Geradeauslauf oder ein indifferentes Gefühl beim Einlenken rügen. Solche Fahrwerksschwächen hingen meist mit abgefahrener Bereifung zusammen, worauf die ER-5 extrem empfindlich reagiert. Testerin Moni Schulz etwa urteilte: »Total nervös, überhandlich, wenig Gefühl fürs Vorderrad!« Sehr gut mit der Kawasaki harmonieren übrigens die Anfang 1998 präsentierten Bridgestone BT 45, die neben guten Allroundeigenschaften nicht nur das Fahrwerk beruhigen, sondern auch sportliche Haftungsreserven bieten (Reifenempfehlung in MOTORRAD xx/1998) .
PS-verwöhnte MOTORRAD-Tester lamentierten hin und wieder über mangelnde Motorleistung der braven ER-5. Während Grafikerin und Katana-1100-Fahrerin Katrin Sdun-Heinlein frotzelt:»Handlich wie ein Fahrrad, zieht aber auch genauso wenig«, philosophiert der bereits zitierte, rennfahrende Kollege Koch über »die Entdeckung der Langsamkeit«. Wie auch immer, dem überwiegenden Teil der Testmannschaft reichte die Kraft der Kawa völlig aus, auch wenn es mit ihr auf größere Tour ging.
Das passierte bei knapp 12000 Kilometern unglaublicherweise zum ersten Mal. mopped-Kollege Mike Schümann unternahm mit der ER-5 die erste »Fernfahrt«, Ziel war Regensburg »Säuft wie ein Loch!« schimpfte Mike, der - wie später einige weitere Kollegen - bei schneller Autobahnfahrt fast acht Liter Normal auf hundert Kilometern verfeuerte. Angesichts eines Durchschnittsverbrauchs über die gesamte Testdistanz von 5,6 Litern pro hundert Kilometer darf die Kawa aber als recht genügsam gelten. Dazu paßt, daß nicht ein einziges mal außerhalb der Wartungsintervalle Öl nachgefüllt werden mußte.
Ein wahrer Reisemarathon führte die ER-5, jetzt mit kleiner und wirklich Fahrtwind-schützender Lenkerverkleidung von JF Motorsport ausgerüstet, mehrfach nach Italien, zunächst in die Dolomiten, gleich darauf in die Toskana und schließlich nach Sardinien. Über die eisigen Weihnachtstage wurde sie ins etwas mildere Südfrankreich entführt. In fortgeschrittenem Alter lernte die Twister schließlich doch noch etwas mehr von Deutschland kennen, als nur Stuttgart und seine Umgebung. Krönender Abschluß ihrer touristischen Karriere: Die ER-5 wurde zweimal als Begleiterin für Alpentouren gewählt.
Bei einer der Deutschland-Touren bemängelte Reporter Fred Siemer mal wieder die »lasche Federung und Dämpfung«, vor allem aber den im Zweipersonenbetrieb zu hohen Verbrauch. Erstaunlicherweise freute sich direkt anschließend Gastfahrer Frieder Harbusch über den auch im Soziusbetrieb niedrigen Verbrauch und die insgesamt hervorragenden Fahreigenschaften. Nun, so verschieden sind eben Geschmäcker und Fahrstile. Unterschiedlich wurde auch die Qualität der Sitzbank bewertet. Beklagten einige schlechten Halt und unbequeme Polsterung, lobten andere auch nach langen Etappen den kommoden Sitz. Eindeutig fällt hingegen die Beurteilung der kurzen Spiegelausleger aus, die selbst kleinste Piloten zur Rücksichtslosigkeit verdammen .
Unterm Strich? Von den eingangs gemessenen 50 PS der ER blieb nach 50000 Kilometern noch 48 übrig, die Kompression des zweiten Zylinders ließ etwas nach. Beides kann dem bei der Motordiagnose als undicht festgestellten Einlaßventil eben jenes zweiten Zylinders angelastet werden. Ansonsten zeigte sich das Triebwerk nach der Demontage in zwar gebrauchtem, aber durchweg maßhaltigem und gutem Zustand, wie die Tabellen auf den Seiten 40 und 41 belegen.
Und die brave ER-5 ließ niemlas einen ihrer Piloten im Stich. Einen Umfaller auf Glatteis verzeichnet das Fahrtenbuch. Einmal brach eine Tachowelle, ein anderes Mal ein Kupplungszug - glücklicherweise in der Redaktionstiefgarage. Das war’s an ausgewöhnlichen Vorkommnissen. Somit ist die Kawasaki nach 50000 fahrspaßreichen Kilometern mit ein paar Mark und ein paar Stunden Arbeit für für die zweite Hälfte ihres Lebens bestens gerüstet.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote