Dauertest-Motorrad KTM 1190 Adventure Eindrücke vom Nicht-Tester

"Fuchsi, fährst du am Wochenende? Die Dauertest-KTM 1190 Adventure braucht noch vierhundertfünfzig Kilometer. Bitte nicht über sechtausend drehen. Am Montag steht die Erstinspektion an." Klar, mach ich.

Foto: Fuchs

Vor zwei Wochen hatte ich dem Herrn Oberstabsfuhrwebel Froberg die neue Dauertest-GS für 1500 Kilometer in die Dolomiten und zurück abgeschwatzt, jetzt bietet er mir die KTM 1190 Adventure an. Das schreit nach einem Vergleich im Geiste – was aber komplett unfair wäre; die Rahmenbedingungen sind einfach zu verschieden: Tiefenbronn, Hayingen und Stetten a. k. M., statt Timmelsjoch, Hahntennjoch und Sellajoch.

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Wahrscheinlich verhält es sich mit der GS und der KTM 1190 Adventure eh wie mit Bayern und Österreich: Die Einwohner halten sich für das komplette Gegenteil der jeweils anderen, aber aus der Distanz betrachtet sind sie gar nicht so verschieden. Hat man ja öfter: Kölner und Düsseldorfer, Schwaben und Badener, Schleswiger und Holsteiner. Aber dass mir niemand Pfälzer mit Saarländern in einen Topf wirft, ist das klar?!

Die KTM 1190 Adventure wartet ohne Koffer und ohne Tankrucksack. Prompt funktioniert auch das Aufsteigen geschmeidiger als bei der GS. Nur deshalb? Kaum. Ist die Sitzbank vielleicht niedriger? Laut Datenblatt nicht. Oder schmaler? Bestimmt. Oder liegt's daran, dass kein Boxer-Zylinder die Stellfläche für meinen linken Fuß einschränkt? Egal, ich sitze gut und hab sicheren Stand. Der Lenker ist vergleichsweise schmal; das könnte anstrengend werden. Außerdem trägt er eine ... hm ... komische Nuance in der Kröpfung. Entweder man gewöhnt sich dran, oder man dreht ihn ein paar Grad in der Klemmung.

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Foto: Fuchs

In einer Art Senke zwischen Gabelbrücke und Cockpit erwartet die KTM 1190 Adventure den Zündschlüssel. Kurzfingerige müssen kurz fingern, bis der Schlüssel zündet. Eine Lappalie, warum fällt mir das überhaupt auf? Hat mich die GS-Erfahrung quengelig gemacht? Wenige Knöpfe an den Armaturen, dank Tagfahrlicht und Scheinwerferautomatik kein separater Schalter hierfür, links eine Art Steuerkreuz, dazu ein gut gefülltes Display.

"ACHTUNG Lesen Sie vor der ersten Inbetriebnahme des Fahrzeuges die gesamte Bedienungsanleitung aufmerksam durch!“ befiehlt ein Aufkleber in insgesamt fünf Sprachen. Herr Aufkleber, Sie können mich auch mal aufmerksam durchlesen; hier sitzen neun Semester Nebenfach-Informatik. Bedienungsanleitung? Pah! Das Fahrwerk der KTM 1190 Adventure auf Eine-Person-ohne-Gepäck-Modus stellen, die Dämpfung bleibt auf "Street".

Aber merkwürdig: Computertastaturen kriegen immer mehr Zusatzknöpfe, damit man auf oft genutzte Funktionen des PCs leicht zugreifen kann. Motorräder kriegen immer mehr Funktionen im Bordcomputer, aber immer weniger Knöpfe an den Armaturen. Die KTM 1190 Adventure bildet da keine Ausnahme, selbst die Trivialaufgabe „Tageskilometer zurückstellen“ verbirgt sich in einer der Menüebenen. Zum Glück ziemlich weit oben. Schwamm drüber, Abfahrt – Motor, bitte melden!

Der Motor der KTM 1190 Adventure

Der V2 der KTM 1190 Adventure steht Gewehr bei Fuß: "Jaichbinwachundallzeitbereit! Fahrenwirgleichlos? Japrimalassunslosfahren! Bindabeisofortaufderstelle! Landstraßenaufmischensuperklassesuperklassesuper!" Meine Güte, was für ein Hektiker. So was brauch ich ja wie Halsweh. Noch dazu im Feierabendverkehr. Nee, Junge, du sollst erstens eh nicht so hoch drehen, und für unsere ersten Meter benimmst du dich zweitens ein bisschen ruhiger. Wo versteckt sich das Regenmapping? Ah, hier.

Raus aus dem Stadtkessel! Welche Frostbeule hat denn im August die Sitzbankheizung aktiviert? Niemand, das kommt allein vom Motor. Na super. Die KTM 1190 Adventure erst einmal daheim abstellen, lieber morgen alles in Ruhe und gründlicher ausprobieren.

Der Samstag empfängt die KTM 1190 Adventure mit 20 Grad Celsius und einer trockenen B 27. Irgendwie ist das Regenmapping doch ein bisschen sehr defensiv – zurück zur Street-Abstimmung. Und schon benimmt sich die KTM 1190 Adventure wie ein Leichtathlet, dem man endlich das Theraband von den Knöcheln nimmt. Unter 3000/min zwar ein bisschen ruppig, aber ab da bis 6000 echt kernig. In diesem Drehzahlfenster – besser: in dieser Drehzahlscharte – werden sich die nächsten Stunden abspielen. Der erste Gang reicht so laut Tacho bis 50 km/h, der zweite bis 70, der dritte bis 90. Ich erkenne ein Muster. Vierter bis 110, fünfter bis 130, sechster bis - ätsch! - 160.

Foto: Fuchs

Mit der Geschwindigkeit nimmt es die KTM 1190 Adventure sehr genau, die LCD-Ziffern zappeln wild im Dienste der Präzision. Dabei ist es mir ja vollkommen wurscht, ob ich nun grade 98 oder 103 km/h schnell bin. Ein Hoch auf Analoguhren! Die sind zwar teurer und anfälliger, brauchen mehr Platz und kennen nur eine Funktion. Aber sie sehen besser aus und verbreiten nicht so einen Aktionismus. Beim Drehzahlmesser geht’s doch auch!

In der LCD-Box links daneben zeigt die KTM 1190 Adventure „Favoriten“ an, das sollen meine fünf Lieblingsinformationen sein: Fahrmode STREET, ABS Ein, Lufttemp 24.4°C, ODO 693 km, Trip 1 131.3 km.

ODO ist der Gesamt-Kilometerzähler, den ich an der KTM 1190 Adventure auf 1000 bringen soll. Wieso eigentlich „ODO“? Klar, von Odometer – aber warum heißt das auf Englisch so? Klingt doch eher nach einem Geruchsmessgerät. Ist ODO eine Abkürzung? Für „Overall Distance O… - irgendwas?“ Wer’s weiß, darf sich mit einem klugen Grinsen zurücklehnen; ich hab nachgeschaut. Die alten Griechen sind schuld: „hodós“ – der Weg; „metron“ – das Maß. Ganz unspektakulär.

Foto: Jahn

KTM 1190 Adventure - das Fahrerlebnis

Genug vom Display, wichtich is auffer Straße. Ich geb’s ja nur ungern zu, aber die KTM 1190 Adventure ist ein scharfes Teil. Schlimmer noch: Das gefällt mir. Von wegen „Orange trägt nur die Müllabfuhr“. Das, was bei Standgas in der Tiefgarage verglichen mit, sagen wir mal, einem Zweizylinder-Boxermotor unnötig hektisch klingt, entwickelt beim Beschleunigen ein loderndes Soundfeuer. Der Boxer geht da bald in ein klanglich mäßiges Schnarren über, der V2 der KTM 1190 Adventure schreit nach mehr. Aber ich darf doch nur bis 6000 drehen!

An die Nuance der Lenkerkröpfung habe ich mich längst gewöhnt, und die Einlenkkräfte sind nicht der Rede wert. Keine Ahnung, warum man da einen längeren Hebel wollen könnte. Die KTM 1190 Adventure wirkt in schnellen Kurven (oder was ich eben so nenne) zwar nicht ganz so restlos konsequent in die Spur genagelt wie ihre weiß-blaue Genre-Schwester, aber weitab von unpräzise oder schaukelig.

Foto: Fuchs

Beim Tankstopp nach 285 Kilometern fließen knapp 16 Liter Super in den Tank der KTM 1190 Adventure – macht 5,6 Liter pro 100 Einfahr-Kilometer. 23 Liter passen laut Datenblatt in den Tank, was theoretisch für 410 Kilometer gut ist. Die Praxis: Auf der Schwäbischen Alb gibt’s nicht so arg viele Tankstellen, deshalb lieber früher nachtanken.

Nach einigem Rumdrücken auf dem Steuerkreuz der KTM 1190 Adventure hat mein linker Daumen der Favoriten-Anzeige erklärt, dass ich die Außentemperatur selbst hinreichend gut einschätzen kann und ab sofort lieber eine Restreichweitenanzeige hätte.

Zur Wahl stehen außerdem: ØGeschw1, ØVerbr1, Fahrzeit1, MTC (die Traktionskontrolle), Dämpfung, VR, HR (Reifenluftdruck vorn und hinten), Batterie und Heizgriffe. Heizgriffe? Na, von mir aus. Aber nicht heute. Da wir gerade Knöpfchen drücken: Spaßeshalber stelle ich den Schaltblitz auf 6000/min ein, mit Vorwarnung bei 5500.

Foto: Fuchs

KTM 1190 Adventure - oder doch lieber GS?

Mopped volltanken, putzen und zurückgeben. Es wartet die Gewissensfrage: KTM 1190 Adventure oder GS? Die MOTORRAD-1000-Punkte-Wertung hat mit 21 Punkten Vorsprung pro BMW votiert (siehe Enduro-Vergleichstest in MOTORRAD 7/2013); persönlich bin ich nicht so sicher.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer dunklen Gasse zwei bösen Buben gegenüber. Hätten Sie dann lieber Terence Hill oder Bud Spencer zur Unterstützung an Ihrer Seite? „Kommt drauf an“, antworten Sie – und zwar mit Recht. Als entspanntes, souveränes Reisemotorrad ist die GS für mich wohl die bessere Wahl, als Spaß-am-Samstag-Hobel die KTM 1190 Adventure. Aber beide finde ich auch in der jeweils anderen Disziplin enorm stark.

Es bleiben ein paar Fragen offen: Was passiert wohl zwischen 6000/min und dem Ende des Drehzahlmessers bei 12000/min? Wie klingt das? Wieviel Kram passt in die Koffer der KTM 1190 Adventure? Wie fährt sie sich dann? Und vibrieren die Haltestreben knapp links und rechts des Soziusplatzes stark genug, um Zellulitis zu lindern? Herr Oberstabsfuhrwebel Froberg, ich muss bei Gelegenheit nochmal ausrücken. Mit einer KTM 1190 Adventure ohne Drehzahllimit. Bitte!

Alle Teile des Reiseenduro-Vergleichstest 2013

Foto: Fuchs

Technische Daten KTM 1190 Adventure

Antrieb: Zweizylinder-Viertakt-75-Grad-V-Motor, Bohrung/Hub: 105/69 mm, Verdichtung 12,5:1, 110 kW (150 PS) bei 9500/min, 125 Nm bei 7500/min, Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping)

Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend, 48-mm-Upside-down-Gabel mit 190 mm Federweg, direkt angelenktes Federbein mit 190 mm Federweg am Rad, Sitzhöhe 860/875 mm

Bremsen: 320-mm-Doppelscheibe vorn, 267-mm-Einzelscheibe hinten, Teilintegral-Bremssystem mit ABS

Räder: 120/70 ZR 19 Continental Trail Attack 2 "K" auf 3.50x19er-Drahtspeichenrad vorn, 170/60 ZR 17 auf 5.00x17er-Drahtspeichenrad hinten

Maße und Gewichte: Radstand 1560 mm, Lenkkopfwinkel 64,0 Grad, Nachlauf 120 mm, Gewicht vollgetankt 238 kg, Zuladung 202 kg, Tankinhalt/davon Reserve 23,0/3,5 Liter

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit (Werksangabe): 250 km/h, 0–100 km/h: 3,7 sek, 0–140 km/h: 5,6 sek, 0–200 km/h: 10,9 sek; Durchzug (gemessen im 6. Gang) 60–100 km/h: 3,6 sek, 100–140 km/h: 3,6 sek, 140–180 km/h: 4,1 sek; Verbrauch Landstraße: 5,6 Liter/Super, Reichweite 411 km.

Grundpreis: 13995 Euro

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