Dauertest Triumph TT 600 Der englische Patient

Leichte Asthma-Sympthome hatte sie schon bei ihrer Einlieferung. Und richtig kuriert wurde die Triumph TT 600 auch während der 50000 Kilometern im MOTORRAD-Langstreckenfuhrpark nicht.

Foto: fact
Langstreckentest Triumph TT 600
Langstreckentest Triumph TT 600
Nach Jahren der intensiven Auseinandersetzung mit Motorrädern jeder Couleur reichen die Aussagen zu technischen Unzulänglichkeiten ihrer Probanden in der MOTORRAD-Redaktion mitunter an die Sachlichkeit einer ärztlichen Diagnose heran. »Motor kalt unfahrbar.« Tag der Aufzeichnung: 20. April 2000. Autor: Christian Vetter, Mitglied der Testabteilung, der Polemik gänzlich unverdächtig und auf TT-Jungfernfahrt gen Freiburg unterwegs. Und dann gehen doch die Gäule mit ihm durch. »Fahrwerk, Bremsen, Reifen super!«
Ein guter Anfang? Kein guter Anfang? Man weiß es nicht recht. Ein Gefühlszustand, der über rund eineinhalb Jahre anhält. Letzter Eintrag im Fahrtenbuch, notiert von Testredakteur Rolf Henniges, Datum 20. Oktober 2001: »Ich bleibe dabei. Mein Vorschlag für den Dauertest-Slogan: DER ENGLISCHE PATIENT. Nach diversen Umrüst-Maßnahmen ist der Drehmomentverlauf so agil wie ein Lavastrom. (...) Trotzdem: Meine Huldigung an das extrem handliche Fahrwerk, die grandiosen Bremsen und die Leichtigkeit, mit der die TT Kurven aller Art bezwingt.«
Zwischen beiden Einschätzungen liegen knapp 50000 Kilometer, liegen ausgedehnte Urlaubstouren quer durch Europa, liegt jede Menge öder Stadtverkehr ebenso wie kurzweilige Rundstreckenhatz. Spanien, Portugal, Italien, Schweiz, Frankreich: Überall war die TT 600 – und beinahe jedes Mal anders konditioniert. Denn zwischen Kilometer 22 und 50000 liegen auch nicht weniger als drei intensive Versuche, die TT mittels modifizierten Zündkennfeldes oder gar neuer Nockenwellen zu therapieren. Die erste bereits bei Kilometerstand 3757. Mit wenig Erfolg. »Fährt sich im unteren Drehzahlbereich besser, aber noch nicht gut. Kaltstartverhalten nach wie vor eine Katastrophe«, notiert der Chronist ins Fahrtenbuch. Nach 28266 Kilometern dann der zweite Anlauf, den aber wohl selbst die Triumph-Leute als untauglich ansahen, denn runde 8000 Kilometer später stand das nächste Update auf dem Programm, dieses Mal in Verbindung mit neuen Nockenwellen und einer Krümmeranlage, bei der die Rohre des ersten und vierten sowie des zweiten und dritten Zylinders mit Interferrenzrohren verbunden sind. Alles im Dienst einer fülligeren Leistungs- und Drehmomentkurve im unteren und mittleren Drehzahlbereich – und alles nicht wirklich überzeugend.
Kein Wunder also, dass sich die Liste der zwiespältigen Fahreindrücke als roter Faden durchs Fahrtenbuch zieht und die Kolleginnen und Kollegen je nach Neigung und Tagesform mal zu literarischen Höhenflügen, häufig auch zu eher deftiger Ausdrucksweise animiert. »Viel Lärm um nichts«, bemüht Reiseredakteur Michael Schröder den berühmtesten aller Briten, um die Kombination der Antriebsschwäche und des signifikanten Ansaug- und Auspuffgeräuschs dieser Britin zu würdigen. In seiner nicht sehr schmeichelhaften Aufzählung – gesammelt auf einer Dienstreise in den Süden Spaniens – folgen die mangelhaften Möglichkeiten, Gepäck zu verstauen, die unbequeme Sitzposition und – am schlimmsten – das unter südlicher Sonne beinahe permanent laufende Lüfterrad. Aber es folgt auch ein lakonisches »Gut: Fahrwerk, Bremsen, kein Ölverbrauch.«
Ein ähnlich positives Urteil erntet die TT auch, wenn es um die Sitzposition ging. Jedenfalls, wenn sie übers Wochenende unterwegs war. Vielfahrer Henniges jedoch schimpfte wie ein Rohrspatz. »Ich habe die Schnauze gestrichen voll von der TT 600. 5400 Kilometer, 20 Tage. Extreme Wirbelsäulenprobleme. Arztbesuch aufgrund unbequemen Sitzens – wo gibt’s denn so was?« Das surrende Lüfterrad hingegen war immer wieder Anlass kreativerer Ergüsse. »Lindau, 30 Grad, leichter Wind – der Lüfter läuft. Stilfser Joch, 18 Grad, die Sonne scheint – der Lüfter läuft. Livigno, 12 Grad, es ist dunkel – der Lüfter läuft.« Autor: AKTIOn-TEAM-Instruktor Martin Quenkert. Und auch hier schließt sich wieder die Feststellung an, dass Fahrwerk und Bremsen gut seien.
Kilometerstand zu jener Zeit: knapp 19000. An der Arbeitswut des Lüfterrads sollte sich bis zum Abschluss des Dauertestes nichts ändern. Erst für das Modelljahr 2002 hat Triumph Besserung gelobt (siehe Kasten »Triumph nimmt Stellung«). Und will dann – nach nunmehr zwei Jahren Erfahrung mit dem kleinen Vierzylinder – auch die motorischen Probleme endgültig in den Griff bekommen. Mehr Leistung und mehr Drehmoment über den ganzen Drehzahlbereich werden avisiert.
Zu wünschen wäre es den Briten. Weil das Fahrwerk durchaus geeignet ist, in dieser Klasse Maßstäbe zu setzen. Handlich, agil, stabil. Dazu nicht unkomfortabel, aber mit ausreichend Reserven selbst für den Einsatz auf der Rennstrecke. Und weil die TT 600 trotz ihrer motorischen Unzulänglichkeiten prinzipiell durch hohe Zuverlässigkeit glänzte. Zwar dreimal liegenblieb, aber nur an Marginalien wie einem defekten Radlager (Tachostand 20345), einem losen Ritzel-Sicherungsring (29075) und einem gerissenen Gaszug (40600) scheiterte, der Motor selbst aber nie den Dienst verweigerte.
Angesichts der Abschlussdiagnose kein Wunder, denn die Motorinnereien präsentierten sich in Anbetracht der Laufleistung in ordentlichem Zustand (siehe Kasten Verschleiß). Alle von MOTORRAD gemessenen Bauteile befinden sich innerhalb der Betriebstoleranz, weisen jedoch durchaus unterschiedliche Laufbilder auf. Besonders auffällig: das einsetzende Pitting an den Nockenwellen. Auffällig deshalb, weil eben jene Nocken ja im Rahmen der Umrüstaktion bei 36000 Kilometern getauscht wurden und somit erst 14000 Kilometer hinter sich haben. Noch auffälliger deshalb, weil der erste Nockenwellensatz diese Spuren nicht zeigte. Keineswegs ungewöhnlich nach 50000 Kilometern hingegen die starken Laufspuren an den Kurbelwellenhauptlagern und den Pleuellagern, die leichten Fressspuren an den Schaltgabeln, die Brandspuren und die erweiterten Sitze der nicht mehr ganz dichten Auslassventile, die Rattermarken am Kupplungskorb und die Verfärbungen der Kupplungsstahlscheiben. In gutem Zustand hingegen präsentierten sich die Getrieberäder, die vergleichsweise filigranen Kolbenbolzen (deren Desaxierung in den Kolben wird im nächsten Modelljahr verändert, um das Kolbenkippen und somit die oftmals beanstandeten mechanischen Geräusche zu minimieren).
Von der Schwinge lässt sich Letzteres leider nicht behaupten. Aber nicht, weil ihr der Allwetterbetrieb zugesetzt hätte, sondern weil ein Mechaniker den Schlaf der Gerechten schlief. Der Werkstoff der Gleitschiene hält der Antriebskette nicht dauerhaft stand. Daher wurde beim ersten Kettenwechsel (Kilometerstand 19297) auch der Schleifschutz gewechselt, beim dritten Kettensatz (Kilometerstand 46549) wurde das versäumt. Die restlichen 3500 Kilometer reichten der Kette dann aus, um einen deutlichen Tätigkeitsnachweis im Aluminium zu hinterlassen.
Einen ebenso nachhaltigen Eindruck hinterließ die Sitzbank gegen Dauertestende bei allen Piloten. Durchgesessen und nicht mehr fest verankert, nervte sie Fahrer aller Statur- und Gewichtsklassen, während sich die TT bei der Reifenfrage durchaus unkapriziös zeigte. Sie verschliess insgesamt sechs Hinter- und fünf Vorderradreifen. Dabei harmonierte die Erstbereifung Michelin Pilot Sport bis auf das bekannte Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage ebenso mit der Britin wie Pirelli MTR 21/22. Als sehr gute Empfehlung geht auch der Bridgestone BT 010 durch. Der Verschleiß bewegte sich je nach Einsatzzweck mit 6000 bis 9000 Kilometern am Hinterrad auf durchaus erträglichem Niveau. Ebenso wie der Benzinverbrauch mit durchschnittlich 6,6 Litern, wobei schnelle Autobahnetappen mit über neun Litern zu Buche schlugen, während sich der Vierzylinder bei gemütlichem Landstraßentempo durchaus mit fünf Liter zufriedengab. Auch beim Ölverbrauch zeigte sich die Triumph knauserig, benötigte über die ersten 30000 Kilometer praktisch keinen zusätzlichen Schmierstoff, danach homöopatische Dosen.
Schade, das die durchaus rigideren Behandlungsmethoden seitens Triumph in Sachen Motorcharakteristik nicht ausreichten, um den Patienten TT 600 der völligen Genesung zuzuführen, sondern keine der Maßnahmen durchschlagende Wirkung zeigte. So wird die sportliche Britin in die Dauertest-Analen trotz ihres beachtlichen Stehvermögens als Problemfall eingehen, der weiterer Therapie bedarf.

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