Dauertest Yamaha FJR 1300 (100000 Kilometer) Marathon-Sprinter

Lange Strecken mit hohem Durchschnittstempo zu bewältigen ist eine Spezialität der Yamaha FJR 1300. Aber wie sieht die Technik nach 100000 Kilometern aus?

Foto: Bilski
FJR 1300 in Teilen: Der Yamaha-Marathon-Läufer hat 100 000 Kilometer absolviert
FJR 1300 in Teilen: Der Yamaha-Marathon-Läufer hat 100 000 Kilometer absolviert

Jetzt weiß ich, was dieses Lächeln auf dem Gesicht unseres Fuhrparkleiters Gerry zu bedeuten hatte, als er mir die Schlüssel der FJR 1300 in die Hand drückte. Jetzt, wo der Zeiger des Drehzahlmessers kurz vor dem roten Bereich steht, ich krampfhaft im Getriebe nach dem nicht vorhandenen sechsten Gang suche und sich mir das enorme Leistungspotenzial des Yamaha-Tourers erschließt, breitet sich auf meinem Gesicht ein ähnliches Lächeln aus. Eigentlich wollte ich nur ein Motorrad haben, mit dem ich relaxed Kilometer fressen kann, um von Stuttgart nach Köln zu fahren. Und nun das: Leicht geduckt hinter
der hochgefahrenen Verkleidungsscheibe, habe ich den Hahn voll gespannt und
damit quasi die linke Spur der Autobahn für mich gepachtet.
Obwohl es meine rechte Hand ist, die das Tempo bestimmt, bin ich mir keiner Schuld bewusst. Die FJR hat mich auf die linke Spur verführt. Das stabile Fahrverhalten, aber vor allen Dingen das bärenstarke Triebwerk mit der kurzen Übersetzung machen die Autobahnbolzerei zum reinsten Vergnügen. Dabei verhilft der 25 Liter große Blechtank, der Magnettankrucksäcken sicheren Halt bietet, zu beachtlichen Reichweiten von über 500 Kilometern. Natürlich nicht ständig unter Volllast. Da kann der Verbrauch schnell mal in den zweistelligen Bereich klettern.
Im Durchschnitt begnügt sich die Dauertest-FJR mit 6,9 Litern Normalbenzin. Angesichts der zur Verfügung stehenden Leistung und dem hohen Gewicht von 270 Kilogramm vollgetankt ein akzeptabler Wert. Wer es ruhig angehen lässt, erlebt die 1300er-Yamaha sogar als Spritknauserer. Von Werten um die fünf Liter ist im Fahrtenbuch zu lesen. Dabei sorgen zwei Dreiwege-Katalysatoren und ein Sekundärluftsystem dafür, dass die Umwelt nicht mehr als nötig belastet wird.
Zwiespältig sind die Meinungen über den in der Höhe verstellbaren Windschutz. Kleinere Fahrer freuen sich bei hochgefahrener Scheibe über einen guten Schutz, doch bei höherer Geschwindigkeit ermüdet eine Sogwirkung den Schulterbereich. Für großgewachsene Menschen ist es ratsam, den Windschild bei mittleren Tempi und aufrechter Sitzposition auf der Autobahn in der unteren Stellung zu lassen. So liegt der Helm zwar voll im Fahrtwind, was aber immer noch angenehmer ist als die lauten Verwirbelungen, welche die hochgefahrene Scheibe verursacht. Lästig bei längeren Touren mit gleich bleibender Geschwindigkeit sind die feinen Vibrationen in den Lenkerhälften bei 6500 Umdrehungen, die eingeschlafene Hände verursachen.
Alles andere als einschläfernd ist das Fahrwerk der FJR. Mit einer straffen Einstellung (voll vorgespanntes Federbein, Zugstufe acht Klicks geöffnet, die 48er-Telegabel bis auf zwei Ringe vorgespannt, Zug- und Druckstufe jeweils zehn Klicks geöffnet) wedelt sie behände über kurvige Sträßchen der Eifel, auf denen ich die restlichen Kilometer nach Köln zurücklege. Lediglich die bei sportlicher Fahrweise früh aufsetzenden Nippel an den Fußrasten mahnen beim Kurvenräubern zur Vorsicht. Besonders bemerkenswert ist das unverändert direkte und präzise Fahrverhalten, obwohl der Kilometerzähler kurz vor der magischen 100000er-Marke steht, die die Yamaha vom MOTORRAD-Dauertest-Stress erlöst.
100000 Kilometer, die für den Tourer nicht nur durch den hohen Vollgasanteil auf der Autobahn eine besondere Bewährungsprobe darstellten. Abgesehen von zwei kleinen Unfallschäden, die bei 43000 und bei 82000 Kilometern zu unplanmäßigen Werkstattaufenthalten führten, waren kurz vor Testende noch zwei nicht vorgesehene Boxenstopps fällig. Ein lautes Heulen im Antriebsstrang kündigte bei 76000 Kilometern ein defektes Wälzlager des Hinterachsritzels an, welches auf Garantie gewechselt wurde.
Der zweite Schaden betraf die Elektrik. Gewöhnlich sorgen die hellen Multireflektorscheinwerfer für Licht im Dunkeln. Nicht so jedoch bei 92555 Kilometern, als die komplette Beleuchtung ausgefallen ist und gleichzeitig noch die Benzinpumpe ihren Dienst versagte, was den FJR-Fahrer zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zwang. Mittels eines neuen Kabelstrangs war der Elektronikdefekt rasch behoben. Auch für diese Reparatur übernahm Yamaha die Kosten.
Fast eine Lappalie war die verzogene hintere Bremsscheibe, die die Werkstatt nach 39464 auf Garantie tauschte. Ebenso als normal gilt das Erneuern der
Kupplung bei Kilometerstand 83550. Der Wechsel von Lamellen, Stahlscheiben und Federn schlug mit 304,30 Euro zu Buche. Als kleiner Schönheitsfehler können die zu Testende einseitig abgenutzten hinteren Bremsbeläge verbucht werden. Durch einen Montagefehler lag ein Belag ständig an der Scheibe an. Mehr als ein Schönheitsfehler waren anfangs die undichten Wellendichtringe des Kardans. Nach einer Umrüstaktion war das Problem, von dem übrigens die Dauertestmaschine nicht betroffen war, behoben.
Ansonsten spulte die FJR 1300 ihr Marathonprogramm absolut zuverlässig und zum Teil unter widrigsten Bedingungen ab. Kälte, Nässe und sogar Schnee steckte sie locker weg. Dafür kann es
für den Yamaha-Treiber bei schönstem Sommerwetter im Stop-and-go-Verkehr unangenehm werden. Rahmen und Tank heizen sich bei hohen Außentemperaturen und mangelndem Fahrtwind dermaßen auf, dass im Fahrtenbuch sogar von einem »Eierkocher« die Rede ist. Ein Ärgernis, das vom großen, gekapselten Vierzylindermotor ausgeht und von der mächtigen Rahmenkonstruktion, die die Wärme weiterleitet, begünstigt wird.
Die Stunde der Wahrheit schlägt für die FJR beim Zerlegetermin. Nun wird schonungslos offen gelegt, wie es in ihrem Innersten aussieht. Beim Auseinanderbauen des Getriebes die erste Entdeckung: Die Mutter, die das Kegelrad auf der Vorgelegewelle fixiert, sitzt nur noch lose auf dem Gewinde, und das dazugehörige Sicherungsblech fällt uns in zwei Teilen entgegen. Die Verzahnung des Kegelrads und der Vorgelegewelle ist ausgeschlagen. Laut Yamaha hat wahrscheinlich die Verschraubung ihre Vorspannung verloren, wodurch das Sicherungsblech samt Verzahnung zerstört wurde.
Obwohl der Prüfstand nach 100000 Kilometern sogar ein Plus von zwei PS
attestierte, mahnte das Kompressionsdiagramm zur genaueren Betrachtung der Zylinder. Der erste Zylinder meldete einen Druckverlust von vier bar. Das Vermessen des Zylinders bringt die Ursache ans Tageslicht. Die Laufbahn hat sich oval um ein Zehntel verformt. Im Toleranzbereich wären fünf Hundertstel. Da die Lauffläche des betroffenen Zylinders und Kolbens aber sonst keine besonderen Spuren aufwies und auch kein erhöhter Ölverbrauch zu registrieren war, wäre der Motor mit diesem Phänomen vermutlich noch eine ganze Weile problemlos weitergelaufen. So ist allerdings ein neues Motorgehäuse fällig. Die Pleuellager liegen noch innerhalb der Betriebstoleranz, doch insbesondere das dritte zeigt eine starke Riefe sowie Verschleißspuren. Nicht Besorgnis erregend, aber mit einem Ausbruch an einer Zahnflanke zeigt sich das Ritzel des Kardans. Es scheint, als hätte sich ein Fremdkörper eingearbeitet.
Davon abgesehen präsentieren sich die Innereien der FJR in hervorragendem Zustand. Besonders dem Getriebe, der Ölpumpe sowie Kupplungskorb und -nabe
sind die 100000 Kilometer nicht anzusehen. Und so gut wie von innen präsentiert sich der Tourer auch von außen. Von mangelhafter Lackqualität, wie sie von mehreren Lesern moniert wird, kann bei der Langstrecken-Testmaschine nicht die Rede sein. Obwohl Tausende von Kilometern mit komplettem Gepäck wie Tankrucksack, Koffern und Gepäckrolle hinter ihr liegen, zeigt sich der Lack in erstaunlich gutem Zustand. Ebenso bescheinigt ein Experte bei einer Begutachtung im Rahmen eines Qualitätstests der Yamaha einen sehr hohen Standard. Schwierigkeiten bei der Lackierung der Koffer in Form von Staubpartikeleinschlüssen sind Yamaha dagegen bekannt. Entsprechende Koffer mit Lackmängeln werden anstandslos umgetauscht.
Die Bilanz nach 100000 Kilometern ist also insgesamt positiv. Sieht man mal vom verzogenen ersten Zylinder und der verschlissenen Vorgelegewelle im Getriebe samt Kegelrad ab. Der kraftvolle Tourer überzeugt mit hervorragenden Langstreckenqualitäten, einem hohen Qualitätsstandard und abseits der Autobahn mit einem tollen Handling.
Entsprechend gut verkaufte sich die Yamaha FJR 1300. Bis Ende August
dieses Jahres wurden 2500 Stück ausgeliefert. Erfreulich für die Käufer sind die langen Inspektionsintervalle von 10000 Kilometern. Wünschenswert für das Nachfolge-Modell wäre jedoch ein als Overdrive ausgelegter sechster Gang zur Drehzahlminderung beim Dahingleiten auf der Autobahn. Allerdings hätte ich dann keine Ausrede mehr, wenn ich das nächste Mal mit einer FJR die linke Spur belagere. Ich würde ja den beruhigend wirkenden Overdrive finden.

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