Dauertest Zwischenbilanz BMW F 800 S Auffällig unauffällig

Für die lautstarken Lastwechsel wurde die F 800 gescholten, für das problemlose Fahrwerk und den äußerst kräftigen Motor auf den ersten 25000 Kilometern gelobt.

Foto: Künstle
Den ersten Schritt auf unbekanntes Gebiet unternahm BMW nicht vorsichtig oder zaghaft. Ausgesprochen selbst-bewusst haben die Münchner mit der F 800 Neuland betreten. Mit ihrem ersten Reihenzweizylinder. In einem unten offenen Alu-Brückenrahmen montiert, mit Schwenkpleuel zum Massenausgleich bestückt. 85 PS stark und mit ebenso adretter wie prakti-scher Einarmschwinge und Riemenantrieb ausgestattet. Alle Achtung.

Ein für weißblaue Verhältnisse so außergewöhnliches Konzept, das schreit natürlich nach einem Dauertest. Und so kaufte die Redaktion MOTORRAD vor knapp elf Monaten eine feuerrote F 800 (Listenpreis 9735 Euro inklusive Extras und Neben-kosten). Aber der Weg in die Herzen der Fahrer war für das jüngste Münchner Kindl zunächst ein steiniger.

Hatte die BMW bereits im Top-Test (MOTORRAD 12/2006) für die archaisch bis beunruhigende Geräuschkulisse aus der Zahnradbox gehörig Schelte bekommen, gaben sich die Piloten auf den ersten Seiten des Fahrtenbuchs zu diesem Thema regelrecht den Füller in die Hand, um sich über eben dieses Gebaren auszulassen.

Kleiner Auszug gefällig? »Getriebe eine Katastrophe«,»Klapperkiste«, »Wie ein Betonmischer mit Lagerschaden« oder »Unglaublich, welche Geräusche ein Motorrad machen kann« stand da zu lesen. Und Monika Schulz vermutete gar: »Getriebe hält maximal 20000 Kilometer.« Dazu gesellten sich aus dem Motor nach dem Anlassen für ein, zwei Sekunden Geräusche, die empfindliche Naturen spontan auf einen Lagerschaden oder eine völlig schlappe Steuerkette tippen ließen.

Nun, die Hälfte der Dauertest-Distanz ist erreicht und das Getriebe noch nicht explodiert. Und nachdem die Flut an Einträgen zu diesem Thema im Fahrtenbuch allmählich abebbte, sprossen so nach und nach zaghaft die ersten positiven Eintragungen empor.

»Klingt sch..., sieht sch...aus, fährt aber super«, notiert ein Kollege aus der Testabteilung unverblümt und mit rauer Herzlichkeit. Und bringt es damit ziemlich gut auf den Punkt. Kollege Schmieder sieht die Sache etwas lyrischer, lobt das Fahrwerk für einen Nicht-Supersportler als transparent und präzise. »Ein fast sinnliches Fahren ist das«, schließt er seinen Eintrag. Und Reisefrau Annette Johann notiert nach einer ausgedehnten Eifel-Tour: »Magisches Fahrwerk.«

In der Tat macht die F 800 S das lockere Kurvensurfen zu einer entspannten Angelegenheit. Das passt einfach, egal, welche Qualität an Fahrbahnbelag oder Kurven-radius es zu meistern gilt, durch die Bank fühlten sich Piloten quer durch alle Redaktionsstuben gut aufgehoben. » Wie ein guter Carving-Ski«, lautet ein Eintrag.

Doch gerade weil sich die F 800 so problemlos durch die Landschaft schwenken lässt, ihr Motor vor allem ab mittlerer Drehzahl sehr gut geht, reizt sie dynamische Naturen, ihren sportlichen Tatendrang auf ihr auszuleben. Dafür aber sind die kom-fortablen Federelemente beileibe nicht gedacht. Es fehlt ihnen für die stramme Gangart schlicht an Dämpfung, und zwar deutlich. Weshalb verschiedene Zubehör-Lösungen ausprobiert wurden. Doch zu-nächst ging die F 800 mit auf die alljährliche MOTORRAD-Herbstausfahrt (siehe Heft 23/2006).

Bereits im normalen Alltagstrott, sprich Berufsverkehr und Kurztrips, begnügt sie sich meist mit um die fünf Liter Sprit auf 100 Kilometer. Aber auf dieser Tour zeigte sie, dass auch problemlos Werte deutlich darunter machbar sind. Nur 4,4 Liter ließ sie durch die Einspritzdüsen rinnen. Genügsam hat sie also drauf. Leistungsmäßig verabreicht sie dennoch keine Magerkost. Auch wenn einigen der ganz dicke Punch unten herum fehlt, so gibt es an ihrer Power in der zweiten Hälfte des Drehzahlbands ebenso wenig zu kritteln wie an der Umsetzbarkeit der gebotenen 94 echten PS – trotz hin und wieder monierten Konstantfahrruckelns. Für die zügige Bewältigung des Alltags jedenfalls bietet die BMW allemal Leistung genug. Allein dem weichen, knautschigen Sitz-polster blieb das Prädikat »langstreckentauglich« verwehrt.

Schelte handelte sich im Fahrtenbuch außerdem immer wieder der sehr stramm agierende Lenkungsdämpfer ein, der die Lenkung der F 800 vor allem nach kühlen Nächten wie eingefroren wirken lässt.

Was sonst noch war? Ein Koffersys-tem von Hepco & Becker für 709 Euro steigert die Langstreckentauglichkeit. Und ein Superbike-Lenker von Wüdo sorgt für mehr Übersicht und komfortableres Sitzen. Allerdings auf Kosten der Rücksicht, denn die Spiegel zeigen trotz der (auch mit den serienmäßigen Lenkern sinnvollen) Spiegelverbreiterung hauptsächlich die Ellbogen des Fahrers. (Bezugsquellen: AC Schnitzer, Polo je 59 Euro, Louis 49 Euro; Infos: www.ac-schnitzer.de, www.polo-motorrad.de, www.louis.de).

Ach ja, und natürlich musste die BMW während der ersten Hälfte der Testdistanz zur Inspektion. Dreimal. Die Kosten dafür lagen zwischen 104 und 180 Euro und damit im sattgrünen Bereich. Der Zahn-riemenwechsel ist ja erst bei 40000 Kilometern fällig. Überhaupt zeigte sich die F 800 bislang ausgesprochen freundlich zum Geldbeutel. Nach Öl verlangte sie auf den gut 25000 Kilometern praktisch nicht, und Verschleißteile wie Bremsbeläge wa-ren ebenfalls noch nicht fällig.

Kurz nach der 20000er-Inspektion dann die Erlösung: Im Zuge einer Umrüstaktion zur Minimierung der Getriebegeräusche kommt auch unsere F 800 in den Genuss eines Ruckdämpfers auf dem Ritzel. Und fortan ist sie wie verwandelt. Vom Klong-Körper zum Musterknaben. Fast zumindest. Das eigentümlich schnarrende Rasseln nach dem Starten ist geblieben. Ansonsten: Kein Krachen beim Einlegen des ersten Ganges, annähernd geräuschlose Gangwechsel, und die deftigen Lastwechsel sind zumindest gemildert.

Allerdings mutmaßt Neuheiten-Spezialist Ralf Schneider, dass die BMW seit der Umrüstung auch ein neues Mapping für das Steuergerät spazieren fährt, da das Konstantfahrruckeln nahezu verschwunden ist. Was BMW aber nicht bestätigt hat.

Wie bitte? Sie vermissen etwas? Außerplanmäßige Werkstattaufenthalte, Defekte, Schäden? Damit kann die BMW nicht dienen. Sie hat einfach nur die Hälfte des Dauertests ohne zu zicken abgespult. Es gibt also schlicht nichts weiter zu berichten.

Halt, doch. Kurz vor Halbzeit erwischte es Ralf Schneider nach einer etwas längeren, sehr zügigen Autobahnetappe mit entsprechend hohen Dauerdrehzahlen. Eine Glühlampe des Scheinwerfers hatte vor den Vibrationen kapituliert. Und die Bremsscheiben zeigen seit kurzem erste Anzeichen für Verschleiß in Form von leichtem Rubbeln. Was nach dieser Laufleistung eigentlich noch nicht sein sollte. Das war’s. Somit stehen die Zeichen gut für weitere angenehm ruhige 25000 Kilometer.

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