Erschienen in: 22/ 2015 MOTORRAD

Suzuki V-Strom 1000 Dauertest-Zwischenbilanz

Fazit nach 43.500 Kilometern

Die Suzuki V-Strom 1000 ist sicher kein Reißer, weder optisch noch technisch. Ihre Stärken spielt sie im Alltag aus - auch im MOTORRAD-Dauertest.

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Bridgestone BW 501/502: Die Erstausrüster-Pneus der Suzuki V-Strom wirken antiquiert. Sie nehmen dem Motorrad ihre Leichtfüßigkeit und Lenkpräzision. Speziell bei hohem Tempo lenkt der Reifen unwillig ein. Dafür brilliert er mit dem besten Geradeauslauf. Die Nasshaftung liegt hinter der der Konkurrenz, und auch die Rückmeldung dürfte besser ausfallen.

Bildergalerie der Suzuki V-Strom 1000 im Dauertest.   23 Bilder

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aus MOTORRAD 22/2015
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Einem Ostwestfalen gibt man zwar ungern Recht, aber in dieser Sache hatte Kollege Stefan Kaschel den richtigen Riecher. „Das wird 'ne flotte Nummer“, prophezeit der Redakteur bei der Begrüßung der Suzuki V-Strom 1000 im Dauertestfuhrpark. Das war im Mai 2014. Vor wenigen Wochen herrscht dann plötzlich helle Aufregung: Eher zufällig kullert der Kilometer-Stand der Suzuki über den Redaktions-Schreibtisch. Zwischen Ober- und Unterlippen der Tester-Truppe klafft ein Riesenloch. Kann das sein? Ganz heimlich, still und leise 43.500 Kilometer abgespult? Haben wir etwa die Zwischenbilanz versäumt? Dabei gibt es doch viel über Zubehör, Reifen und Verlässlichkeit zu berichten.

Seit seiner Ankunft in der Redaktion pausiert die Suzuki V-Strom 1000 tatsächlich nur, um sich alle 12.000 Kilometer frisches Öl abzuholen. Wo andere Dauertester tagelang in der Werkstatt übernachten, um auf Teile und baldige Genesung zu warten, flitzt die V-Strom putzmunter durch die Welt. Das Ganze beginnt Mitte 2014 mit der Teilnahme am Alpen-Masters. Dort hebt die V-Strom erfolgreich die Allroundeigenschaften einer 1000er Reiseenduro hervor: Langstreckentaugliche Ergonomie, drehmomentstarker Motor, unkapriziöses Fahrverhalten, nicht zu schwer – einfach draufsetzen und losbollern.

Easy und berechenbar trotz vollgestopfter Koffer

Keine Momentaufnahme, wie der Blick in das Fahrtenbuch des Dauertesters zeigt. Ob im Sommer oder Winter, ob bei Regen, Schnee oder Sonnenschein – die Suzuki V-Strom 1000 überzeugt die MOTORRAD-Mannschaft durch Solidität und grundehrliches Fahrgefühl. Gerade wenn Regen auf den Asphalt tröpfelt und sandiges Geröll in Schmierseife verwandelt, kann man sich glücklich schätzen, die V-Strom unter dem Hintern zu haben. Sie verzeiht kleine Fahrfehler, setzt späte Kurskorrekturen gutmütig um und lässt sich dank ihres niedrigen Gewichts von 229 Kilogramm spielerisch dirigieren. Ihre Handlichkeit rangiert dabei im oberen Drittel der Reiseenduros. MOTORRAD-Autor Ralf Schneider freut sich, dass daran sogar vollgestopfte Koffer nichts ändern: „Kurvenswingen bleibt ein Genuss.“

Gut so, denn das im Serienzustand karg ausgestattete Bike hat mittlerweile ordentlich Pfunde zugelegt. Hauptständer (Suzuki-Zubehör), Koffer, Tankrucksack, Motor- und Tankschutzbügel (alle von Hepco & Becker) werten die Suzuki V-Strom 1000 immens auf. Auch eine Oxford-Griffheizung und eine universelle Navi-Halterung dürfen für die komfortsensitiven Testernaturen nicht fehlen. So ausgerüstet bringt es die Japanerin auf üppige 260 Kilogramm. Doch der V-Strom scheint es egal zu sein. So wirft sie sich trotz Bäuchlein weiterhin motiviert in die Kurve, fährt, wie ein Alltagsmotorrad fahren muss: easy und berechenbar.

Höhere Tourenscheibe aus dem Zubehörprogramm

Das gilt auch für lange und schnelle Autobahnetappen. Testchef Gert Thöle scheucht die Suzuki V-Strom 1000 mehrmals im Eiltempo von Stuttgart nach Cloppenburg und zurück. Für eine hochbeinige Reiseenduro bleibt die 1000er stabil in der Spur, neigt trotz der breiten Koffer nicht arg zum Pendeln. Das serienmäßige, dreifach in der Neigung einstellbare Windschild gefällt zwar den wenigsten Fahrern – vor allem größere Piloten berichten von lästigen Windverwirbelungen und ohrenbetäubender Geräuschkulisse – aber mit der breiteren und gut 40 Millimeter höheren Tourenscheibe aus dem Suzuki-Zubehörprogramm verstummt diese Kritik schneller als sie auftrat.

In Sachen Sitzkomfort gibt es ähnlich wenig zu meckern. Die Sitzbank wird für ihre optimale Polsterung gelobt, die Ergonomie taugt auch für Mammutetappen. Lediglich bei Stop-and-go-Fahrten nerven die ungünstig platzierten Fahrerrasten. Beim Absetzen der Füße bleibt man stets an ihnen hängen. Das ist ärgerlich und tückisch zugleich. Vor allem kleinere Piloten haben große Mühe beim Wenden der Suzuki V-Strom 1000.

Suzuki V-Strom 1000 ist nicht gerade sparsam

Die Tourenqualitäten des Bikes stehen außer Frage, allerdings mahnt die Tankuhr des 20-Liter-Spritfasses meist vor der 300-Kilometer-Marke zum Nachfüllen – zu früh für eine Reiseenduro. Auf der Autobahn, vollgepackt und mit flottem Tempo schluckt die Suzuki V-Strom 1000 schon mal neun Liter. Auf der Landstraße sind es meist knapp unter sieben. Nicht gerade wenig für einen auf Drehmoment und Fahrbarkeit ausgelegten Motor. Der in seinen Grundfesten noch auf dem alten DL-1000-Motor von 2002 basierende V2 liefert darüber hinaus wenig Stoff für aufregende Garagengespräche. Am meisten gefällt sein punchiger Antritt aus dem Drehzahlkeller. Zwischen 3000 und 8000 Touren liegen stets über 90 Newtonmeter an der Kurbelwelle an. Ausdrehen macht dabei weder Sinn noch Spaß, der Wohlfühlbereich liegt eher zwischen 2500 und 5000 Umdrehungen.

Manierliches Ansprechverhalten und gezähmte Lastwechselreaktionen komplettieren das Bild. Allerdings mit Einschränkungen: In den Gängen vier, fünf und sechs will der V2 nicht unter 3000 Touren betrieben werden, quittiert untertouriges Dahinpötteln mit hartem Schlag beim Gasanlegen und Kettenpeitschen. Ein ganz eigenes Kapitel schlägt man mit der Fahrwerksabstimmung der 1000er auf. Bei sportlicher Fahrweise offenbaren sich Vorder- und Hinterradführung als unharmonisch. Unisono wird von den Fahrern von Beginn an die zu straff gedämpfte Upside-Down-Gabel kritisiert. In Kombination mit einem mäßigen Ansprechverhalten dringen harte Stöße unwirsch über den breiten, aber nur 22 Millimeter dünnen Lenker zum Fahrer durch, verhageln dabei auf holpriger Piste die Linienwahl. Auch die Gummilagerung der Lenkerstange kann dagegen nichts mehr ausrichten.

Die richtige Besohlung macht's

Weil die Suzuki V-Strom 1000 ein seltener Gast in der MOTORRAD-Tiefgarage ist, bekommt Fahrwerks-Spezialist Werner „Mini“ Koch die Suzi erst bei rund 30.000 Kilometer zwischen die Finger, um nach einer einfachen und schnellen Modifikation der golden eloxierten Gabel zu suchen. Beim Wechseln des Gabelöls ist MOTORRAD-Urgestein Mini aber verblüfft. Denn das Gabelöl zieht sich wie Kleister um die Gabelfedern, erinnert von der Viskosität eher an Honig (siehe MOTORRAD 19/2015). Nach dem Einfüllen von 7,5er-Gabelöl und der Verringerung des Luftpolsters von etwa 135 auf exakt 100 Millimeter fährt Redakteur Peter Mayer auf ausführliche Testfahrt. Gute 1500 Kilometer pilotiert er die Suzuki V-Strom 1000 quer durch Italien. Sein Umbaufazit: „Das Dämpfungsverhalten ist viel besser, das harte Ansprechverhalten deutlich geschmeidiger geworden. Ein Hoch auf Mini.“ Sicher, eine perfekte Abstimmung erhält man durch diese Maßnahme nicht, dafür eine sehr günstige und effektive.

Seither braust die Suzuki V-Strom 1000 deutlich angenehmer und geschmeidiger über Stock und Stein – vorausgesetzt, man hat die richtige Besohlung montiert. Denn über die Distanz zeigt sich, dass die Suzi nicht mit jedem Pneu engagiert ums Eck gehen will, nicht jedes Gummi ausreichend Feedback von der Front vermittelt. Das gilt vor allem für den Erstausrüster-Reifen. Die angegrauten Bridgestone BW 501/502 nehmen der V-Strom einen Großteil ihrer Leichtfüßigkeit und Neutralität. „Diese Reifen hat das Motorrad nicht verdient“, liest man dazu im Fahrtenbuch.

Abblendlicht viel zu niedrig

Das gilt gleichermaßen für das Licht. Wer mit der Suzuki in die Abenddämmerung braust, sollte besser ein Nachtsichtgerät einpacken. Trotz mehrmaliger Einstellungsversuche leuchtet das Abblendlicht viel zu niedrig, direkt vor das Vorderrad. Das Fernlicht hingegen strahlt in Richtung Baumwipfel. Ein Zusammenhang mit dem einzigen Defekt der Dauertest-Suzuki V-Strom 1000 bei jungfräulichen 2400 Kilometern – einer angekohlten Lampenfassung, die kurzzeitig das Scheinwerferglas wie nikotingeplagte Brillengläser aussehen ließ – kann ausgeschlossen werden.

Was sonst noch war? Bei der letzten Durchsicht wurde das Lenkkopflager nachgestellt, nachdem es sich mit zartem Knacken beim Einfedern zu Wort gemeldet hatte. Eine Kleinigkeit. Die 24.000er-Inspektion, bei der auch das Ventilspiel justiert wird, schlägt derweil mit üppigen 800 Euro zu Buche. Auf der Rechnung findet sich allerdings ein neuer Kettensatz, den sich Suzuki V-Strom 1000 materialseitig mit 297,85 Euro entlohnen lässt. Zwei neue Zündkerzen kosten gar 79,90 Euro. Ob die aus Gold sind? Nun gut. Dafür liegen die anderen beiden Inspektionen mit 250 bzw. 350 Euro im Rahmen.

ABS-Regelverhalten überzeugt im Grenzbereich nicht

Außerhalb des Rahmens agiert hingegen die Bremsanlage. Wie im Toptest und Alpenmaster bemerkt, verbeißen sich die Vierkolben-Festsättel zwar energisch in die Bremsscheibe, das ABS-Regelverhalten kann aber im Grenzbereich nicht überzeugen. Bei einer Vollbremsung hebt das Hinterrad der Suzuki V-Strom 1000 selbst mit Sozius ab, während der Vorderreifen wimmernd schwarze Striche auf den Asphalt malt. Im Vergleichstest gegen die Honda Crossrunner ließ sich diese Eigenheit beliebig oft reproduzieren. Das kann im Ernstfall nach hinten losgehen und mahnt zur Achtsamkeit.

Emotionale Bemerkungen über die V-Strom sucht man lange. Doch es gibt sie. Ratgeber-Chef Jörg Lohse erkennt in der Suzuki neben den allseits gelobten Reisequalitäten auch einen spaßigen „Urban-Traffic-Jam-Killer“, den weder Bordsteine noch Bürgersteige am Fortkommen hindern können. Ganz nach dem Motto: Alles geht, nichts muss. Andere Motorräder können schneller fahren, viele Bikes sehen besser aus, aber nur wenige spulen mit dieser Lässigkeit Kilometer ab. Ein echter Held des Alltags – und der Straße.

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15.10.2015 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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