Dauertest-Zwischenbilanz: Triumph Thunderbird Bilanz nach 36 000 Kilometern

Triumphs fahraktiver Cruiser hat auf fast 36 000 Kilometern viel erlebt und erduldet: grandiose Urlaube in Griechenland und Italien, aber auch einen schweren Unfall und einige kleinere Defekte.

Foto: Archiv

Das Unglück kam aus heiterem Himmel. In Form eines Renault Clio mit links abbiegender Fahranfängerin darin. Dieses Gespann nahm im Oktober 2010 MOTORRAD-Redakteur Stefan Kaschel die Vorfahrt. Die Folge für Stefan: Bruch am linken Fuß, Krankenhaus und Krücken. Die erst ein Jahr alte Triumph Thunderbird zog sich ebenfalls erhebliche Frakturen und Blessuren zu, es waren viele Teile beschädigt oder zerbeult.

Die gute Nachricht: Der deutsche Importeur rettete den 1600er-Donnervogel mit bereits 30 000 Kilometer Laufleistung noch per Notoperation. Er verpflanzte das unbeschädigte, verplombte, riesige Reihentwin-Herz in einen neuen Rahmen. Die schlechte Nachricht: nach der Organtransplantation drangen schlimme Geräusche aus dem Inneren des 1,6-Liter-Motors. Die Ursache kam nach der Motordemontage ans Licht: Ein Stück Schelle der Ansaugbrücke war abgebrochen und in einen Brennraum gelangt. So etwas passiert. Also auch Kolben, Ventile und Zylinderkopf neu.

Bis dahin hob die T-Bird auf vielen Reisen zu Höhenflügen ab. Bereits bei der Herbstausfahrt 2009 an den Gardasee fiel auf, wie ausgewogen und locker die Triumph fährt, trotz 338 Kilogramm Gewichts. Offenbar soll sie die englische Stahlindustrie im Alleingang retten."Bequem und mächtig, mit einer super Sitzposition", schrieb ihr ein Fahrer ins Fahrtenbuch. Und: "Wenn die Fußrasten etwas weiter hinten wären, hätte man das Gefühl, auf einem normalen Motorrad und nicht auf einem Cruiser zu sitzen." Im Gegensatz zu fast allen anderen Flacheisen lässt sich die Thunderbird richtig flott bewegen, verdammt leichtfüßig, handlich und präzise.

Ein echter Kurvenkratzer. Das "Kkrrkk, Kkrrkk" der aufsetzenden Rasten holt einen in die Realität zurück. Triumph tat gut daran, einen moderaten 200er-Hinterreifen auf die Sechs-Zoll-Felge zu montieren. Wo breiter besohlte Cruiser sich auf Asphaltbuckeln aufrichten und Längsrinnen nachlaufen, zieht die T-Bird neutral und gelassen ihre Bahn. Prima funktioniert das konventionelle, gut ausbalancierte Fahrwerk. Die stabile Gabel spricht fein an, filtert viel raus.
Etwas derber arbeiten die Federbeine, springen schon mal über krasse Buckel. Bei kurz aufeinanderfolgenden Bodenwellen sackt das Heck ziemlich in sich zusammen. Dann setzt auch mal der Vorschalldämpfer auf, mit der Gefahr des Aushebelns. Deutlich mehr Reserven bieten die Wilbers-Federbeine. So oder so ist die Thunderbird eine echte Fahrmaschine. Dies belegte eine 5000-Kilometer-Tour nach Griechenland. Im Schlepptau einer BMW R 100 GS erduldete die Thunderbird Hunderte Kilometer über albanische und griechische Schotterpässe. Sie tat es mit Bravour, absolut langstreckentauglich. Man hält es tagelang im breiten Sattel aus, nur 71 Zentimeter überm Erdboden, ganz ohne Verspannungen. Nicht nur auf Tour in Olympia ein göttlicher Cruiser!

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Foto: Schmieder

Der breite Lenker liegt prima zur Hand, die Beine liegen satt am fetten Tank an. So gehört das. Hoch fällt die Handkraft der vorderen Doppelscheibenbremse aus. Darunter leiden Dosierbarkeit und Biss der ABS-bewehrten Vierkolbensättel. So bremst man oft hinten mit. Nicht ohne Folgen: Etwa alle 8000 bis 10 000 Kilometer sind hinten neue Bremsbeläge fällig; bei Kilometerstand 17 445 inklusive der Scheibe. Ein reiner

Quell der Freude ist der riesige 1,6-Liter-Reihentwin. Wassergekühlte Zylinder im Lkw-Format garantieren gesunden Thermohaushalt. Reichlich Drehmoment schaufeln die 103er-Kolben ans Hinterrad: über 130 Newtonmeter von 2000 bis 4500 Touren. Viel Bumms von ganz tief unten also.

Das Triebwerk hat "tolle Laufkultur" (Eintrag im Fahrtenbuch), pulsiert stets spürbar, aber niemals nervtötend. "Das Motorrad trifft mitten ins Herz", meint ein Fahrer, "fährt unspektakulär" ein anderer. Passend ist seine Schwungmasse gewählt, der Twin läuft schön rund im Drehzahlkeller, schwingt sich aber auch locker zu 5000 Touren und dann 85 PS auf.

Noch kräftiger drückt die mattschwarze Schwester Thunderbird Storm mit 1,7 Liter und 98 PS. Der 1,6-Liter-Dauertest-Motor verbraucht überhaupt kein Öl. Satte 350 Kilometer Reichweite erlaubt der 22-Liter-Tank bei 6,3 Liter Durchschnittsverbrauch.

Zwei Tripmaster, die detaillierte Tankuhr und die Restreichweitenanzeige helfen beim Planen der Tankstopps. Letztere blieb allerdings unterwegs einmal hängen, vermeldete bei staubtrockenem Stahltank noch 75 Kilometer Restreichweite.

Leicht lässt sich die Kupplung ziehen, gut dosieren. Nun, vor allem beim Wechsel der Gänge eins bis drei kalonkt es gern mal aus der Gangschachtel. Doch dafür rasten die sechs Gangstufen trotz des 40 Zentimeter langen Schaltgestänges stets exakt.

Im Stand schiffsdieselt der Big Twin sonor, wummert und blubbert dezent aus den lang gestreckten Auspufftüten. Die 17 Kilogramm schwere Kurbelwelle imitiert mit ihrer 270-Grad-Zündfolge den Tonfall eines 90-Grad-V2. Noch ein anderes Geräusch charakterisiert den Donnervogel: Er zwitschert, auf englisch twittert er also. Twitterbird statt Thunderbird?

Ursache ist der pflegeleichte und prima vor potenziell eindringenden Steinchen abgeschirmte Zahnriemen. Ihn ziehts im Fahrbetrieb stets ein wenig aus der Mitte heraus. Daher liegt er an der Kante der hinteren Riemenscheibe an, meist rechts - und quietscht dann bedauernswert. Das wirkt beim Ampelstart nicht sehr cool. Behandeln mit Silikonspray brachte jeweils nur kurzzeitige Linderung. Das Sich-am-Riemen-reißen hat der Haltbarkeit nicht geschadet, nach 36 000 Kilometern arbeitet immer noch das erste Exemplar. Womit wir bei den kleinen Eigenheiten der wertig gebauten, fein verarbeiteten Triumph wären.

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Foto: Schmieder

Einerseits ist hier alles Metall, was glänzt, bis hin zu Blinkergehäusen mit edlen weißen Gläsern. Hell und zuverlässig leuchtet das Rücklicht aus vielen kleinen Leuchtdioden. Von feiner Qualität ist die Zweifarblackierung, mit herrlichem weißem Längsstreifen. Andererseits sind beide Handhebel nicht einstellbar, der selbstredend dick verchromte Schraubtankdeckel ist nicht abschließbar. Das nach Altväter Sitte separate Lenkschloss kommt aktuell seiner Schutzfunktion nicht mehr nach.

Tja, einige kleinere Wehwehchen ereilten die Thunderbird mittlerweile. Noch im Jahr 2009 wurde ihr Kühlsystem leicht inkontinent. Das war durch Festziehen von Schlauchschellen allein nicht zu beheben. Daher gabs bei Kilometerstand 5061 neue Kühlwasserschläuche. Bei dieser Gelegenheit wurden auch gleich die recht schwergängigen Gaszüge getauscht.

Mitten in Albanien erlahmte bei Kilometerstand 23 339 der Vortrieb komplett. Am Gasgriff brach die Führung des Gaszugs ab, welcher die Drosselklappen öffnet. Nach improvisierter Reparatur auf dem Balkan gabs zu Hause einen neuen Gasgriff. Dessen Heizfunktion fiel kurz darauf aus; vermutlich wegen eines schlecht verlegten Kabels.

Abgerutschte Schläuche am Einspritzsystem verursachten unrunden Leerlauf mit zeitweiligem Absterben nach rund 33 000 Kilometern. Vielleicht auch eine Folge des Motorumbaus nach dem Unfall. Bedauerlich, dass immer wieder Cent-Bauteile den tollen Cruiser T-Bird kurzzeitig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben.

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Defekte im Test

Motorschaden
Nach dem unverschuldeten Unfall wurde der intakte Motor in einen neuen Rahmen gepflanzt. Dabei kam es zum Werkstatt-GAU. Offenbar hatte sich an der Schelle eines der beiden Ansaugkanäle eine schlecht angeschweißte innere Abdeckleiste gelöst. Kleine Ursache, große Wirkung: Das Teil wurde in den Brennraum gesogen, landete auf dem Kolbenboden und zerdengelte in kurzer Zeit Zylinderkopf und Kolben. So musste noch eine Motorrevision erfolgen.

Gaszugführung abgebrochen
Ein Cent-Bauteil stoppte den wertig gebauten Donnervogel nach 23 339 Kilometern auf Tour. An der Gasgriffhülse brach die Haltenase des öffnenden Gaszugs ab. Als improvisierte Reparatur diente Stilllegen des schließenden Gaszugs und Einhängen des öffnenden in dessen Führung.

Riss im Scheinwerfer
Nach 10 245 Kilometern zog sich ein langer Riss quer durchs Scheinwerferglas, ein kleinerer von oben nach unten. Erkennbare Zeichen von Steinschlag fehlten. Vermutlich handelte es sich um Spannungsrisse, als Folge nicht 100-prozentig exakter Einpassung beim Zulieferer. Auf Garantie gab es ein neues Glas.

Gaszüge ausgetauscht
Die Gaszüge, je einer zum Öffnen, einer zum Schließen der Drosselklappen, ließen sich nur schwergängig ziehen, obwohl sie vorschriftsmäßig verlegt waren. Daher gabs bei Kilometerstand 5061 neue. Die Reparatur lief auf Garantie, genau wie die parallel erneuerten Kühlwasserschläuche.

Kühlwasserschläuche
Bereits nach 2110 Kilometern trat Kühlwasserverlust auf, bedingt durch eine lose Schelle. Auch nachdem diese und weitere Schrauben festgezogen wurden, traten noch leichte Spritzer von Kühlwasser hinter den Zylindern auf. Letztlich wurden dann wegen Gewebebruchs bei Kilometerstand 5061 Kühlwasserschläuche getauscht.

Vorfahrt durch Autofahrerin missachtet

Im Herbst 2010 (Kilometerstand 30039), übersah eine Autofahrerin die mächtige Triumph und ihren Piloten, keine zwei Kilometer von der Redaktion entfernt. Die Folge: Der Redakteur im Hospital ("Weber-B-Fraktur"), die Thunderbird in der Werkstatt. Sie brauchte reichlich Neuteile, um wieder fliegen zu können - Rahmen, Tank, Gabel, Vorderrad, Scheinwerfer, Schutzblech, Lenker, Auspuff, Rasten, Hebel, Blinker. Schlimmer wirkte der Folgeschaden des Werkstattaufenthalts.

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Zubehör im Test

Funktion

Sissybar/Gepäckträger
Nun, die Sissybar erntete für vermeintlich schwülstiges Aussehen Kritik. Fakt ist aber, dass sie den Komfort für den Sozius erhöht. In Kombination mit der angedockten Gepäckbrücke erlaubt sie überhaupt erst Touring mit Fracht zu zweit. Sie kostet 431 Euro und ist ohne Werkzeug im Nu demontiert.

Heizgriffe
Die zweistufigen ("warm"/"heiß") Heizgriffe zu 189 Euro machen Fahrten bei Kälte zum Vergnügen. Jedoch wirkt der Schalter trotz innerhalb des Lenkers laufender Kabel arg nachgerüstet.

Roadster-Scheibe
Bei Regen nimmt das riesige Nachrüstwindschild von Triumph die Sicht, ab Tempo 90 treten Turbulenzen auf, die den Helm beuteln. Dafür entlastet es den Nacken bei flotter Autobahnfahrt. Einmal montiert, ist die 415 Euro teure Scheibe ruck, zuck abgenommen.

Wilbers-Federbeine
Das Beste, was man der Thunderbird fürs Touring antun kann, sind zum Paarpreis von 949 Euro die Wilbers-Federbeine TS (Bestellnummer: 640-0968-00). Sie sind rund 1,5 cm länger als die Originalteile, erhöhen dadurch die Schräglagenfreiheit. Vor allem sprechen sie feiner an und sind satter gedämpft. Für Soziusbetrieb bieten sie viel mehr Reserven. Ihre Federbasis ist per Hakenschlüssel, die Zugstufe ganz ohne Werkzeug per Rändelschrauben zu variieren. Infos: www.wilbers.de.


Optik

Verchromte Räder
Eine glänzende Erscheinung sind die verchromten Alu-Räder zu 845 Euro mit je fünf Doppelspeichen. Dank des sauberen Zahnriemenantriebs bleibt die hintere Felge sogar lange fleckenlos. Auch sonst offeriert Triumph wahre Orgien in Chrom für das Customizing: Blenden, Hebeleien, Abdeckungen.

Lampenmaske
Eine optisch ganz andere Anmutung, drahtig, in Richtung Muscle-Bike, bietet die fertig lackierte "Verkleidung für den Hauptscheinwerfer" aus dem Werks-zubehörprogramm. Preis: 185 Euro.

Foto: Schmieder

Fahrer Meinung / Reifen Empfehlung

Jörg Lohse, Testredakteur:

Ein Cruiser ohne V2 ist kein Cruiser? Mitnichten. Die Thunderbird geht ihren erfrischend anderen Weg, will keine Harley-Kopie sein. Mit dem riesigen Reihentwin setzt sie auf unver-wechselbaren Auftritt. Das passt schon mal. Der Rest kommt an Bord. Erstaunlich sportlich zieht der Donnervogel ab. Und wie sehr er auf Kurven steht. Wo andere längst mit kratzenden Rasten aufgeben, hält die Engländerin nochein paar Grad Schräglage in petto. In der Regel sehen Cruiser bequem aus, sind es aber nicht. Auch hier ist die Triumph anders: Kreuzbequem ist sie, macht auch nach 600-Kilometer-Etappen Laune.
 

Rainer Froberg, Fuhrparkleiter:
 
Zunächst ist es meist nicht ganz leicht, den Cruiser für längere Fahrten an den Mann zu bringen. Am Anfang überwiegt wohl die Skepsis vor den 338 Kilogramm. Doch jeder, der einmal im bequemen, fetten Sattel sitzt, merkt schnell, wie gut ausbalanciert die Thunderbird ist. Sie fährt leichtfüßig, lässt sich sogar fast sportiv bewegen. Selbst in Kehren bleibt die Triumph prima auf Linie, sogar auf Schotter gutmütig. Der Reihentwin bietet ein wunderschönes Drehzahlband, kommt kräftig von tief unten. Das Einzige, was mich stört, sind die ziemlich dicken (Heiz-)Griffe und die hohe Handkraft der Bremse. Fazit: ein komplett unterschätztes Motorrad!


Reifen Empfehlung:
 
Pneu-Monokultur
Der speziell für die T-Bird entwickelte Metzeler Marathon ME 880 funktioniert gut, Hand-ling, Haftung und Laufleistung (vorn ca. 15 000, hinten 10 000 km) stimmen. Er ist jedoch nicht immer lieferbar. Die Dimensionen 120/70 ZR 19 und 200/50 ZR 17 lassen kaum alternative Paarungen zu; nur Avon Cobra AV 71/Storm 2 Ultra AV 56 (Test folgt) und alte Dunlop Sportmax D 208 F/J.

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