Dauertest-Zwischenbilanz Yamaha YZF-R1 A la Carte

Wer meinte, Yamahas Vorzeigesportlerin YZF-R1 habe nur ein messerscharfes Sportmenü im Angebot, wurde über mittler-weile 35000 Kilometer eines Besseren belehrt. Auch für Berufspendler und Reise-Gourmets war etwas Feines dabei.

Foto: Sdun
Nein, die Zeiten, in denen rassige Supersportler im Alltag nur in Demutshaltung zu bewegen waren und sämtliche Bandscheiben spätestens nach dem zweiten Schlagloch das Weite suchten, sind noch nicht vorbei. Denn während die überaus gelungene Ergonomie für den Alltag sowie die geschmeidigen Umgangsformen der Yamaha R1 frühere Folterstunden schnell vergessen lassen, reicht eine Probesitzung auf der ebenfalls im MOTORRAD-Dauertest befindlichen Ducati 1098, um die alten Erinnerungen wieder aufzufrischen. Im Grunde reicht sogar ein kurzes Studium der Fahrtenbuch-Einträge allemal.

Die Milde und das Biest – unter dieser Überschrift lässt sich das Nebeneinander der beiden Sport-Feger im harten Dauertest-Einsatz wohl am besten beschreiben. Und sagt, was die Yamaha betrifft, doch nur die halbe Wahrheit, eben wegen deren guter Manieren. Die Yamaha drängt ihre unbestrittene sportliche Potenz niemandem auf. Weder dem unerfahrenen Gelegenheitsbiker die immense Leistung (Anfangsmessung 176 PS bei 12400/min und 112 Newtonmeter bei 9400/min) noch dem aufrechten Touristen eine Körperhaltung, die ihm den Spaß an der Ausfahrt spätestens beim zweiten Schlagloch vermiest. „Im ersten Moment wähnt man sich auf einer FJ oder FJR...Sind so große Spiegel und so eine breite Verkleidungskuppel“, schreibt Monika Schulz, stellvertretende Chefredakteurin, bei Kilometerstand 3840, und MOTORRAD-Unruheständler Sigi Güttner, damals noch frische 69 Jahre jung, nutzt die Sportlerin gleich zu einem ausgedehnten Trip an die Nordsee. „Stuttgart–Bremerhaven–Amrum–Kassel–Stuttgart“ lautet die Route. Der Niederschlag im Fahrtenbuch: null, nada, nichts. Nach über 2300 Kilometern. Wie sagt der Schwabe: Net brudle isch gnug globt. Oder so ähnlich.
Anzeige
Foto: Eisenschink
Einige schimpfen natürlich trotzdem. Vor allem die seilzugbetätigte Kupplung und das knochig zu schaltende Getriebe finden nicht nur Freunde – und Magazin-Autor Michael Orth die richtigen Worte. „Tatsächlich: ein Höhlentroll-Hebel“ bestätigt er in profunder Kenntnis der tolkinschen Monströsitäten die Einschätzung seiner Vorsitzer im R1-Sattel. Um dann umgehend die höchsten Gipfel motorradphilosophischer Betrachtung zu erklimmen. „Sonst aber eine Maschine, die daran erinnert, dass die einzige wirkliche Schwäche moderner Sportmotorräder wer ist? Der Mensch. Wer hat so viel Verantwortung und Beherrschung, dieser Macht nicht zu erliegen?“

Könnte ein Schlusssatz würdiger sein? Nein, damit ist alles gesagt. Schade nur, das an dieser Stelle noch nicht Schluss sein kann. Doch tatsächlich: Viel mehr gibt es nicht zu berichten. Die tadellos verarbeitete R1 tat brav, was man von ihr verlangte. Sprang morgens wie abends, winters wie sommers zuverlässig an, fuhr ausfall- und unfallfrei, schlug sich mit rund 8000 Kilometern auf der Uhr selbst beim ultimativen Härtetest für Vollblutsportler, dem Alpen-Masters, prächtig. Sie fraß kein Öl, mit runden sieben Litern im forcierten Landstraßenbetrieb allerdings nicht eben wenig Sprit. Am wichtigsten jedoch: Sie ging nie kaputt. Über 35000 Kilometer nicht. Kein Ausfall, kein Defekt. Okay, man könnte bei Kilometer 9965 aufführen, dass sich eine Schraube an der hinteren Fußrastenanlage löste. Und die beim aktuellen Kilometerstand leicht rubbelnde Bremsscheiben müssen sicher vorzeitig ersetzt werden. Zudem hakt das Zündschloss, der Gasgriff geht zunehmend schwerer. Das war es.
Anzeige
Foto: fact

Einfach wenig Mängel

Worüber also schreiben? Reifen! Auch die R1 benötigte ab und an neue Reifen. Zum ersten Mal bei Kilometerstand 3485. Die vortreffliche Erstbereifung Michelin Pilot Power ersetzte die Testmannschaft durch Pirelli Diablo Strada. Um bei 7100 Kilometern anlässlich des Alpen-Masters wieder auf die Erstbereifung Pilot Power zurückzugreifen. Bei 13331 Kilometern war erneut ein Hinterreifen fällig. 5000 Kilometer später der vordere. Hobby-Statistiker können jetzt hochrechnen, wie häufig im Schnitt ein Reifensatz hält. Alle anderen werden sich damit bis zur Abschlussbilanz gedulden müssen, aber begierig wissen wollen, wie man seine R1 sinnvoll "individualisiert".

In der Tat ein ernstes Problem. Sitzposition? Passt! Bremse? Passt! Fahrwerk? Passt! Auspuff, Sound? Passt auch. Leistung ist ohnehin eher zu viel als zu wenig vorhanden. Was also umrüsten? Die R1 müsste eigentlich das Grauen für die Zubehör-Gilde bedeuten.
Foto: fact
MOTORRAD hat trotzdem vieles aus-probiert, obgleich kein zwingender Bedarf bestand. Am ehesten noch nach besserem Windschutz, wobei die MRA-Spoilerscheibe (siehe Kasten Seite 50) gute Dienste leistete, bis ein Spannungsriss an einer der Plastik-Aufnahmen der Verkleidung auftrat. Eine weitere kleinere Problemzone der Yamaha: Zwar verfügt das 2007er-Modell serienmäßig über einen Lenkungsdämpfer, der jedoch weder einstellbar ist, noch speziell auf der Rennstrecke Kickback vollständig verhindert. In dieser Hinsicht sind die drei von MOTORRAD getestete Alternativen von Öhlins (345 Euro), WP (438 Euro) und Wilbers (268 Euro) leistungsfähiger, wobei der Wilbers-Lenkungsdämpfer eine hohe Losbrechkraft benötigt und sich bei langsamem Tempo negativ bemerkbar macht.

Was das übrige Zubehör angeht, ist es, wie so oft im Leben, reine Geschmackssache. Das gilt für die golden eloxierte Rastenanlage von Gilles ebenso wie für die Nachrüst-Lenker derselben Marke oder von LSL. Man mag das – oder man mag es nicht, so dass ein Votum niemals eindeutig ausfallen kann.

Dasselbe gilt übrigens auch hinsichtlich des Fahrwerks. Für den reinen Landstraßenbetrieb reicht das Serienfahrwerk allemal aus. Wer trotzdem umrüstet, findet bei den Federelementen von Öhlins, WP und Wilbers auf der Rennstrecke einen größeren Abstimmungsbereich in Richtung "sportliches Fahren", stößt mitunter aber auch auf ungeahnte Schwierigkeiten. Zum Beispiel die, dass beim Wilbers-Federbein die Einstellschrauben für die Druckstufe auf der falschen Seite liegen und wegen des davor verlaufenden Auspuffs unerreichbar sind. So gesehen passt ein Spruch wie kaum ein zweiter zur R1: Wer keine Schwierigkeiten hat, schafft sich welche.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote