Herbstausfahrt 2004 Waterworld

Manchmal passiert es einfach. Dauerregen. Land unter. Knietief. Und dir bleibt keine andere Wahl als Augen auf und durch. Die Story über einen unfreiwilligen Extremtest, der eigentlich als gemütliche Herbstausfahrt geplant war.

Foto: Künstle
Oktober 2004: Auf dem MOTORRAD-Plan steht Herbstausfahrt mit fünf der profiliertesten Bikes aus verschiedenen Kategorien. Die Kernfragen: Wie unterschiedlich wird die gleiche Tour aus den Perspektiven der Fahrer erlebt, und welches Motorrad schlägt sich abseits von Messwerten in der Hölle des Alltags am besten? Das Ziel heißt Borgo Val di Taro, Italien. Laut hochpräziser Wettervorhersage der einzige trockene Ort in ganz Europa. Ein von Kurven umschlungener zudem. Die Motorräder: die luxuriöse BMW K 1200 LT, die extravagante Buell Lightning XB12S, die hypersportliche Kawasaki ZX-10R, die abenteuerliche KTM 950 Adventure sowie die vernünftige Suzuki V-Strom 650.

Parkplatz Bad Dürrheim, A 81. 150 Kilometer sind bereits abgespult, rund 550 liegen noch vor uns. Es gießt wie aus Kübeln. Dazu: Sturm. Der Guss kommt waagrecht. Tropfen wie flüssiges Blei. Das triste Grau des Regens verwischt die Grenze zu den tief hängenden Wolken. Schaurig. Depressiv. Ausladend. Getreu dem Motto »geteiltes Leid ist halbes Leid« lassen wir uns den Fahrspaß nicht vermiesen. Überholen uns wechselweise auf der Autobahn. Winken, gestikulieren. Wringen während der Fahrt Wasserströme aus den Lederhandschuhen. Berechtigte Fragen: Bekommt Rainer es auf der voll verschalten 1200 LT genau so dicke ab wie Michael auf der Buell? Schlafen Georg in seiner Embryonalstellung nicht die Arme ein? Sind die Koffer von Gerds kleiner V-Strom dicht? Wird mich die KTM wieder heimbringen? Sie klappert so merkwürdig. Egal. Das Wetter kann nur besser werden. Schließlich geht es gen Italien.

A1, Ausfahrt Lodi, rund 45 Kilometer südöstlich von Mailand. Es ist dunkel. Wir sind klitschnass – und mitten unter einem Wolkenbruch. Innerhalb einer Stunde fallen 38 Liter pro Quadratmeter. Von einer
Straße ist kaum noch was zu erkennen. Fahren in einem See ist angesagt. Auf dessen Grund verbergen sich Bordsteine, Grasnarben, Gullideckel. Absolutes Vertrauen zum Vorderrad ist jetzt wichtiger als jedes zusätzliche PS.

Ein Unglück kommt selten allein: Nur ein einziges Hotel ist bereit, fünf Wassermänner aufzunehmen. Rudimentär bemalter Beton, bröckelige Fliesen, zerfetzte Türzargen, kalte Dusche, Autobahnblick. Schlappe 85 Euro. Ohne Frühstück. Vor dem Zubettgehen erfolgen die besten Tipps zum Trocknen: Stiefel mit Zeitung ausstopfen, Handschuhe föhnen, Jacke und Hose in der Dusche aufhängen, Heizung volle Pulle – äh, Moment mal, Rainer?

Rainer ist der Einzige, der trocken ist. BMW? Nein, simple Regenkombi! Trotz aller Membran-Gimmicks: Für solche Gewaltschauer gibt’s nichts Besseres.

Der nächste Morgen empfängt uns mit zaghaften Sonnenstrahlen. Abfahrt Fidenza. Schnell eine Mittagspizza, dann hinein ins Getümmel. Denn wir sind am Ziel: die Landstraße Nr. 359 zwischen Salsomaggiore und Borgo Val di Taro. Rund 85 Kilometer, zusammengesetzt aus allerfeinsten italienischen Gourmetkurven und -kehren. Es ist wie beim Essen. Wenn man tierischen Hunger hat, schmeckt es doppelt so gut.

Kuppeln, Schalten. Gezieltes Bremsen. Kokettieren mit Grip. Lässige Wucht der Beschleunigung. Das Wiegenlied der Schräglage. Dazu Verkehr wie beim Finale der Fußball-WM – wir sind allein. Allerdings war der letzte Winter nicht tatenlos und hat seine Frostkrallen in den Asphalt geschlagen. Die rissige, mit Senken und Überhöhungen gespickte Strecke ähnelt einer zerbombten Achterbahn und überführt jedes Fahrwerk. Während die KTM-Federelemente sämtliche Bodenangriffe abwehren, denke ich an Michael und die ultrakurzen Federwege der Buell. Und an Rainer, der seinen 400-Kilo-Dampfer auf Kurs halten muss.

Alles nur Kinderkram gegen das, was uns am dritten Fahrtag erwartet. Die kleine Straße zum Paso di Brattello ist im Blättermeer versunken. Zwar hat der Herbst seine schönsten Farben ausgepackt, doch leider auch Unmengen von Laub und Kastanien von den Bäumen geschüttelt. Regen und Reifen haben daraus eine teilweise zentimeterdicke, hochglitschige Masse geformt, die die komplette Straße bedeckt. Das Fahren gleicht einem Drahtseilakt ohne Netz. Vorsichtig tasten wir uns voran.

Auf dieser Tour kommen alle Umstände zusammen. Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, immer schon mal wissen wollten, wie viel Liter Öl eine KTM aus dem Haarriss des Öldruckschalters verliert oder ob eine extrem mager laufende Buell Höhenluft verträgt, ZX-10R-Fahrer bei Glatteis um Hilfe schreien, es Menschen gibt, die eine V-Strom 650 attraktiv finden oder ob man von der Sitzheizung der BMW K 1200 LT Brandblasen bekommt, dann blättern Sie um. Am Ende dieses Abenteuers werden alle Fragen beantwortet sein.

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