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Spätestens hier verliert MOTORRAD meist den Kontakt zur Maschine.

Die Wiedergeburt der Kawasaki W 650 Historie einer ehemaligen Dauertest-Maschine

Zwölf Jahre nach dem Dauertest über 50.000 Kilometer taucht die Ex-MOTORRAD-Kawasaki W 650 als cooler Scrambler-Umbau auf der Custombike-Messe in Bad Salzuflen wieder auf. Was hat sie in der Zwischenzeit alles erlebt?

„Und das Beste, man glaubt es kaum: Diese W 650 hier hat eine glänzende Historie! Sie hat bei der größten Motorradzeitung einen 50.000-Kilometer-Dauertest absolviert. Ehrlich. Ungelogen.“ Der Mann, der das im Dezember 2012 in Bad Salzuflen sagt, steht neben einer Kawasaki W 650, die er zum Scrambler umgebaut hat. Er heißt Dirk Oehlerking und konstruiert Custombikes. Der Mann, zu dem er das sagt, ist MOTORRAD-Fuhrparkleiter Rainer Froberg. Der schaut erst dumm aus der Wäsche und dann kurz in den Rahmen der W 650. Er sucht nach einer Feder. Eine Feder, die ursprünglich einmal Bremsbacken zurückzog und jetzt am Bremslichtschalter sitzt. Jene verräterische Feder, die er selbst vor elf Jahren dort eingesetzt hat. „Stimmt“, brummt Rainer, „kein Zweifel, das hier ist die Ex-Dauertestmaschine von MOTORRAD.“

Die Welt ist klein. Jedes Jahr werden drei bis vier Maschinen nach einem 50.000-Kilometer-Marathon in der MOTORRAD-Werkstatt zerlegt. Nach dem Vermessen und Begutachten wird der Restwert bestimmt, und das zerlegte Motorrad wird intern zum Verkauf ausgeschrieben. Spätestens hier verliert MOTORRAD meist den Kontakt zur Maschine.

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Mit 67.000 Kilometern geht die Reise weiter

Bei der Kawasaki W 650 war das nicht der Fall. Fünf Fans bekundeten im März 2001 Kaufinteresse. Das Los entschied, und der glückliche Besitzer hieß Rainer Froberg, damals noch freier Mitarbeiter, heute Fuhrparkleiter. Rainer baute das Motorrad wieder auf. Die fehlende Rückholfeder des Bremslichtschalters ersetzte er kurzerhand durch eine Feder, die gemeinhin in Trommelbremsen ihren Dienst verrichtet. „Ich habe damals die erstbeste genommen, die gepasst hat“, sagt Rainer. Als das Schätzchen wieder läuft, trägt sie ihren neuen Besitzer auf Kurzstrecken zur Arbeit, täglich etwa 100 Kilometer. Nicht selten holt er seine Tochter mit der Kawasaki W 650 vom Kindergarten ab oder nutzt die W als Packesel, wenn er einkaufen fährt.

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Foto: Froberg
Zehn Jahre und 17 000 km später wird sie noch mal geputzt und wieder verkauft.
Zehn Jahre und 17 000 km später wird sie noch mal geputzt und wieder verkauft.

„Ich hatte diese puristische, klassische Fahrmaschine vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen“, sagt Rainer wehmütig. Denn 2010 zwingt ihn ein finanzieller Engpass zum Verkauf der Kawasaki W 650. Mit 67.000 Kilometern auf der Uhr steht sie fortan in der Garage von Marion Sinz, einer eingefleischten SR-500-Pilotin, die das Ankicken leid war. „Ich habe mich gleich in die 650er-Kawa verliebt“, erinnert sie sich. „Ich musste sogar meine Begeisterung zügeln, um nicht unvorteilhaft in die Preisverhandlung zu gehen.“ Marion und ihre neue Liebste gehen auch gleich auf Tour nach Südtirol. Staller Sattel, Kreuzbergpass, Alta Badia, Penser Joch, Großglockner – das ganze Programm. 5000 problemlose Kilometer in knapp zwei Jahren. Bis zum Sturz am Riedbergpass. „In der letzten Kehre ist mir der Rollsplitt zum Verhängnis geworden.“ Sturz mit 50 km/h.

Während die Prellungen an Marions Körper verheilen, sieht es um die Kawasaki W 650 schlechter aus. Scheinwerfer, Blinker, Spiegel, Fußraste, Schalthebel – verkratzt, verbogen. Auch die Gabelstandrohre sind verzogen. Der Schaden übersteigt den Wert des Motorrades. Ein Schrotthändler ruft auf ihre Anzeige an. Marion bringt es nicht übers Herz. Der zweite Interessent beteuert, die W ganz neu aufbauen zu wollen. „Da habe ich gleich ein gutes Gefühl gehabt“, sagt Marion. Es sollte sie nicht täuschen.

Aus der Kawasaki W 650 wird ein edles Einzelstück

Denn der Aufkäufer ist kein Geringerer als Dirk Oehlerking, der unter seinem Label Kingston Custom aus gebrauchten klassischen Motorräder edle Einzelstücke fertigt. „Ich war schon lange auf der Suche nach einer W 650“, erinnert er sich. „Hier haben Preis und Zustand gepasst.“ Denn es ist genau das kaputt, was Oehlerking sowieso entfernen wollte.

Die Mutation der Kawasaki W 650 vom Straßenbike zum Scrambler dauert rund vier Wochen. „Um den Shark-Endschalldämpfer montieren zu können, mussten die Krümmerschleifen selbst gebogen und geschweißt werden“, erinnert er sich. Dirk säubert das Rahmenheck, spendiert seinem Einzelstück neue Verschleißteile, frische Betriebsstoffe, eine handgefertigte Ledersitzbank, pulverbeschichtete Felgen, einen K&N-Filter, eine Wave-Bremsscheibe, handgedengelte Schutzbleche, einen neuen Scheinwerfer und selbstverständlich auch eine frische Lackierung. Derart aufgedonnert steht die Ex-Dauertestmaschine im Dezember 2012 auf seinem Messestand in Bad Salzuflen. Vor ihr ein Schild: „For Sale. VB 9400 Euro. Einzelstück mit Historie.“

Der Zufall treibt Rainer Froberg an jenem Tag auf den Stand von Dirk Oehlerking. Rainer, immer noch Fan der W 650, gefällt der Umbau sofort. Als er die Maschine anhand der Feder tatsächlich als seine Ex identifiziert, ist ein Bier fällig. Oder zwei. Übrigens: Die W fährt derzeit wieder. Ein Unternehmer aus Lüneburg hat sich in das Schätzchen verliebt.

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