Test: MV AUGUSTA F4 1000 S

Motor: wassergekühlter Vierzylinder-Reihenmotor, 122 kW (166 PS) bei 11750/min; Fahrwerk: Gitterrohrrahmen aus Stahl;
Maße und Gewichte: Gewicht vollgetankt 221 kg, Tankinhalt 21 Liter; Preis: 20634 Euro inklusive Nebenkosten

Der Blick bleibt immer wieder an den schönen Details der MV Agusta F4 1000 S hängen. Alles nur Ablenkung? Als Trost für die anstehenden Leiden? Schließlich ist man nicht mehr ganz so jung. Allein die Sitzhaltung. Lang über den Tank gestreckt, die Lenkerstummel so verdammt tief. Peter auf der XT lacht. Embryohaltung – so Unrecht hat er gar nicht. Das Los der Fans heißer Öfen. Was die MV übrigens hätte nicht so wörtlich nehmen müssen. Stadtverkehr Koblenz: Die Hitze des V4-Motors strömt zwischen Verkleidung und
Gitterrohrrahmen unaufhaltsam nach oben. Die direkt unter der Sitzbank verlegte Auspuffanlage tut ein Übriges zur mobilen Heißmangel. Mit dem Thema Rücksicht hat’s die egozentrische Italienerin offensichtlich nicht so.
Auch nicht im Wortsinn. Keine Chance, in den eng anliegenden Rückspiegeln mehr als die eigenen Unterarme zu erkennen. Die erste Fotokurve, das erste Wendemanöver auf der Bergrennstrecke bei Alken: Aua, das waren meine Finger zwischen Tank und Lenkerstummel.
Dafür treten auf der nächsten Geraden durchtrainierte 166 Pferde an, stellen das Ross blitzschnell auf die Hinterbeine. Au backe, ein freundlicher Polizist winkt zur Verkehrskontrolle und ist erstaunt. »301 km/h Höchstgeschwindigkeit, wirklich?« Auf dem Papier, mein Herr. Nur dort. Mehr als 290 km/h geht die nie. Braucht am Stammtisch ja keiner zu wissen. Ja, ich weiß, kein Wheelie mehr auf der Bundesstraße. Noch ’nen schönen Tag, mein Herr.
Zurück zum Alltag. Unterhalb von 2000/min nimmt der Vierzylinder das Gas unwillig an, um dann mit Vehemenz zu
beschleunigen. Dafür flutscht jeder Gangwechsel exakt und blitzschnell, lässt keinen Gedanken mehr daran, dass bereits das dritte und vierte Gangradpaar gewechselt wurde.
Was so viel Leistung hat, muss auch anständig verzögert werden. Die Nissin-
Sechskolbenanlage richtet’s. Klares Urteil: Spitze. Lediglich die elektronisch geregelte Standgas-Erhöhung lässt die Motor-
bremse bei Bergabfahrt speziell vor engen
Kehren vermissen. Mittlerweile schmerzen meine Handgelenke, der Nacken und die Schultern. Ich frage die Kollegen, ob wir nicht mal tauschen können – und ernte ein mildes Lächeln. Dann eben nicht.
Geradeauslaufstabilität ist die Domäne der MV. Sie ist durch nichts zu beeindru-
cken, kann es aber nicht lassen, den Fahrer ordentlich durchzuschütteln. Resultat einer sehr straffen Grundabstimmung.
Die bringt auch Profis bisweilen zum Verzweifeln. Porta Nigra, das Ende der Tour. Erst zu Hause schlagen die Schmerzen voll durch. Artgerecht bewegt werden kann dieses Motorrad nur dort, wo es entwickelt wurde: auf der Rennstrecke. Und zwar in Misano, nicht in Klotten.

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