"Trommelt den Beat der Verbrennung Ins Sitzkissen“

Eine Warnung vorab: All jene, die sich dem Ethos der Leistungsgesellschaft bedingungslos unterworfen haben, sollen hier aufhören zu lesen. All jene, die auf
der Autobahn der Vernunft durchs Leben eilen und denen unauffälliges Funktionieren zu Weg und Ziel zugleich geworden sind, sollen gleich umblättern.
Denn da macht die Buell XB12S nicht mit. Sie lässt das Diktat unauffälligen Funktionierens hinter sich und erhebt
gerade die Auffälligkeit zur Funktion. Das kann man mögen oder eben nicht. Fakt aber ist: Was auffällt, regt an, und es regt auf. Mit einem Wort: Es unterhält.
Eine lange Autobahnetappe zum Beispiel, gefahren im ekelhaftesten aller vorstellbaren Wetter, bietet auf der Buell herzerwärmende Momente. Wenn das Tempo unter hundert fällt, der Drehzahlmesser irgendwas zwischen 2000 und 2500 Umdrehungen anzeigt und dann das Gas
aufgezogen wird. Wenn der Langhuber losrumpelt, satt aus diesem Kanonenrohr von Auspuff brummt und in immer schnellerer Folge sanft den Beat der Verbrennung in das Sitzkissen trommelt, dann bringt das ein Gefühl von »mein Motorrad und ich – ich und mein Motorrad«, das keine Vollverkleidung, keine Sitzheizung und keine 160-PS-Leistungsspitze jemals zu erzeugen imstande sind. Vielleicht liegt es daran, dass sich auf der Buell – bockhartes
Federbein hin oder her – 300, 500 und
sogar 700 Kilometer völlig schmerzfrei absitzen lassen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Sitzbank schlicht bequem ist, obwohl sie nicht danach aussieht.
Weil jedoch wohl niemand eine XB12S kauft, nur um sich von ihrem Motor den Allerwertesten massieren zu lassen, ein weiteres Beispiel, eines aus dem Stadtverkehr. Wo sich die unglaublich kompakte Buell einem Roller gleich durch den
Verkehr dirigieren lässt. Wo es zwar nach kurzer Zeit schon schmerzt, an den Kupp-
lungshebel zu langen und ihn zum Lenker zu zerren. Wo jedoch unmittelbar darauf
jeder Schmerz vergessen ist, wenn im Leerlauf an der Ampel stehend dieser Klotz zitternd das Versprechen bulliger Kraft wummert. Und dieses Versprechen hält, sobald die Kupplung einrückt.
Noch schöner wäre das, wenn sich in das Wummern nicht stets ein anderes
Geräusch mischte, das so gar nicht zu
diesem Motorrad passen will. Ein Summen, in etwa wie das einer Trockenhaube oder eines Haarföhns – der Lüfter für den hinteren Zylinder. Läuft und läuft und
läuft – und nervt. Nervt mehr, viel mehr, als das zwischenzeitliche Konstantfahrruckeln oder die manchmal, wegen der mageren Motorabstimmung im unteren Bereich, unwillige Gasannahme.
Die indes bringt am Scheitelpunkt
enger Kehren die ein oder andere Über-
raschung mit sich. Erster oder zweiter Gang, Hand an der Kupplung, Fuß auf der Bremse die Schwungmasse bändigend – und dann will der Haufen anstatt auf die Gerade rauszuziehen stumpf nach innen
fallen. Es ist von daher gar nicht mal schlecht, dass die Buell auf kurviger
Landstraße ohnehin ein Handling an den Tag legt, mit dem nach Betrachtung der Fahrwerksdaten absolut nicht zu rechnen war. Theoretisch: handlich, flink, mühelos. Praktisch: Zwang, rackern, Arbeit, alle Hände voll zu tun. Denn in eine Richtung zu laufen, die mit der Ideallinie wenig zu tun hat, findet die XB12S tausend Gründe. Das heißt aber auch: Sie bietet tausend Chancen, das wunderbar befriedigende Gefühl zu erleben, ihr schließlich doch den eigenen Willen aufgezwungen zu haben. So mögen andere Motorräder schneller sein, kommoder, handlicher, bedienungsfreundlicher und weiß der Teufel was. Man könnte sogar sagen, dass andere Motor-
räder besser seien als die Buell XB12S. Unterhaltsamer sind sie sicherlich nicht.

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