Dauertest-Zwischenbilanz: Aprilia RSV4 Aprilias Supersportler im Test
Man kann als Redakteur auch Pech haben. Sitzt da, vor sich die Protokolle von Tausenden von Kilometern. Und nichts steht drin, weil nichts passierte. Bei der weißen Aprilia RSV4 R bestand diese Gefahr nie. Irgendetwas war immer - meistens kaputt. Doch auch wenn alles heil war, wurde es nie langweilig.
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Bevor wir tief eintauchen in rund 30000 Kilometer mit der Vollblut-Sportlerin, bevor wir die zahlreichen Defekte und Werkstattaufenthalte auflisten und über die unübersehbaren Schwächen schreiben, eines vorweg: Wir danken Aprilia für den Mut, mit dem der Motorrad-Zwerg die Mammut-Aufgabe RSV4 anging. Eine neue, radikale Sportlerin mit eigenständigem V4-Motorkonzept in einer Leistungsliga, in der selbst die vielfach bewährten japanischen Reihenvierzylinder nach Luft schnappen - das muss man sich erst einmal trauen. In Noale hat man es getan, während die japanischen Hersteller auch in der kommenden Saison auf kleine und kleinste Schritte setzen und man vergeblich auf eine Supersport-V4-Honda oder eine Technikoffensive von Suzuki in der Königsklasse wartet. Dass dabei in Noale hier und da anscheinend die notwendige Sorgfalt auf der Strecke blieb, ist bei allem Verständnis nicht zu akzeptieren. Und dennoch leidet man bei jedem neuen Defekt ein wenig mit.
Doch jetzt zum RSV4 R-Alltag. Einer der ersten Fahrtenbucheinträge: Autobahn-Speed 250 km/h, Verbrauch unglaubliche 15,1 Liter. Notiert ins Fahrtenbuch von einem anonymen Heizer schon kurz nach Ende der Einfahrzeit. Dass es sich hierbei weder um Prahlerei noch um einen Rechenfehler handelt, wird dem Autor nur 1000 Kilometer später unmissverständlich klar gemacht. „Unglaublich! Nach nur 100 Kilometern auf Reserve. Das ist ja wie seinerzeit bei der Suzuki TL 1000 S“, notiert er.
116 Kilometer, 15,36 Liter, Durchschnitt von 13,24 Liter - die RSV4 R saugt den 17-Liter-Tank förmlich leer, zwingt auf einer Strecke von rund 1000 Kilometern siebenmal zum Tankstopp. Auch, weil italienische Reservereichweiten erfahrungsgemäß für jede (negative) Überraschung gut sind.
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Doch der hohe Spritkonsum beschränkt sich keineswegs auf schnelle Autobahn-etap-pen, sondern gilt auch für normalen Betrieb. Die Verbräuche können kaum unter die sieben Liter gedrückt werden, pendeln sich aber gerne mal deutlich jenseits der acht Liter ein. „Säuft wie ein Loch“ und dezentere Formulierungen bezüglich des Spritkonsums sind daher auch die häufigsten Einträge im Fahrtenbuch, dicht gefolgt von lautmalerischen Anmerkungen bezüglich des mächtigen V4-Sounds. Jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: Die Meinungen darüber, ob der donnernde Klangteppich, den die Aprilia spätestens mit dem Einlegen des ersten Gangs über sich und die weitere Umgebung legt, gehen auseinander. Er fasziniert die einen, ist den anderen einfach nur peinlich.
Darüber hinaus werfen beide Eigenschaften natürlich die alte Frage auf, ob die italienischen Homologationsvorschriften sich mit denen Resteuropas decken. Kaum vorstellbar, dass zum Beispiel BMW mit diesem satten Bass beim TÜV vorstellig würde. Nicht einmal in der tiefsten bayerischen Provinz. Vermutlich haben die Aprilia-Strategen die Behörden darauf hingewiesen, dass zukünftige RSV4-Besitzer angesichts der formalen Qualitäten des Schalldämpfers ohnehin auf ein Nachrüstteil umschwenken werden. Oder sie haben auf die fragwürdige Lackqualität hingewiesen, denn schon nach wenigen Tausend Kilometern blätterte der schwarze Anstrich des Edelstahl-Topfes flächendeckend ab.
Apropos Schalldämpfer: Es ist ziemlich sicher eine Premiere in der über einhundertjährigen MOTORRAD-Geschichte, dass sämtliche ausprobierten Nachrüst-Tüten deutlich leiser ausfallen als das Original-Brüllrohr, ohne dass die RSV4 damit gleich zum Flüsterfloh avanciert. Im Gegenteil: Auch ohne den infernalischen Krach der Originalanlage fällt die weiße Italienerin sowohl durch ihren außergewöhnlichen V4-Sound als auch durch ihr gelungenes Design allenthalben auf. Gerne genommen wird sie aber nicht nur deshalb, sondern auch, weil sie zweifellos Qualitäten hat, die quer durch alle Fahrerschichten für Begeisterung sorgen. „Rückmeldung, Handling und Zielgenauigkeit des Fahrwerks sind einfach traumhaft“, notiert Testredakteur Thomas Schmieder anlässlich einer Tour ins Rheinische ins Fahrtenbuch und fasst damit zusammen, was viele Kollegen vor und nach ihm anzumerken hatten. Aber auch er kommt nicht umhin, neben der Aufzählung der Primärtugenden eines Sportmotorrads („Vortrieb ab mittleren Drehzahlen einfach irre, untermalt vom herrlichen V4-Knurren“) den Buchhalter-Rotstift zu zücken. „Tempolimitiertes Rumzuckeln mag der V4 nicht, Verbrauch viel zu hoch, Federbein straff bis unkomfortabel, Leerlaufsuche ein ewiges Hin und Her zwischen erstem und zweitem Gang, Bremsscheiben rubbeln, V4 ist in der Stadt ein ziemlicher Eierkocher, Bordcomputer lügt!“ Die Elektronik zeigte ihm einen Durchschnittsverbrauch von nur 7,4 Litern an, das Nachrechnen per Hand ergab jedoch 8,65 Liter. Keine Ausnahme übrigens, denn andere Fahrer werden ebenso in die Irre geführt. Dennoch nehmen die meisten immer wieder gerne Platz und gönnen sich das Erlebnis RSV4 R. Jedenfalls dann, wenn der Weg nach Hause über Land führt.
Wer reinen Stadtverkehr oder aber eine ausgedehnte Urlaubstour vor sich hat oder gar zu zweit unterwegs ist, findet hingegen im Testfuhrpark geeignetere Fahrzeuge. Welche, bei denen die Kupplung richtig trennt, die Chance besteht, den Leerlauf innerhalb einer Rotphase zu finden, der Blinkerschalter sauber arretiert, der Lenkungsdämpfer beim Rumrollen nicht die Linie versaut (getauscht bei 4922 Kilometern) und sich in den Rückspiegeln der rückwärtige Verkehr beobachten lässt. Auf größere Urlaubstouren geht die Aprilia in der Folge daher nur zweimal, während sie auf Autobahnsprints immer wieder gerne genommen wird. Trotz der Mini-Reichweite, denn die begeisternde Fahrwerksstabilität macht Tempi jenseits der 200 km/h zum Genuss. Eine flotte Autobahnkurve anpeilen, einlenken, durchziehen - das ist neben der Hausstreckenhatz oder ein paar Runden auf der Rennstrecke die RSV4-Paradedisziplin. Dann brechen zweifellos die guten Aprilia-Zeiten an. Momente, in denen man die schlechten glatt vergessen kann.
Leider rücken sie spätestens mit dem nächsten Inspektionstermin wieder in den Vordergrund. Rubbelnde Bremsscheiben und der erwähnte desolate Zustand des Auspuffs - das sind die außerplanmäßigen Anliegen bei der 10000-Kilometer-Durchsicht. Beides wird auf Garantie getauscht, während die Werkstatt bei der nicht sauber trennenden Kupplung (der erste Gang lässt sich nur noch mit lautem Knall einlegen, die Leerlaufsuche wird immer schwieriger) keinen Handlungsbedarf sieht.
Doch die Klagen in dieser Hinsicht mehren sich, nur 3000 Kilometer später notiert Fuhrparkleiter Rainer Froberg: „Wir werden versuchen, die Sache mit Einstellmaßnahmen in den Griff zu bekommen.“ Das geht schief, die Kupplung trennt zusehends unwilliger, bei 17991 Kilometern bestellt die Werkstatt einen neuen Kupplungssatz, bei 18458 wird mit Ausnahme des Kupplungskorbs und der Stahlscheiben die gesamte Kupplung (inklusive Kupplungszug) getauscht. Ergebnis: Die Kupplung trennt in der Folge besser, aber nicht richtig gut.
Bei der folgenden 20000er-Inspektion ist das jedoch kein Thema mehr, ein anderes Malheur rückt in den Vordergrund. Die Einlassnockenwellen zeigen deutliches Pitting und müssten nach Meinung der MOTORRAD-Techniker getauscht werden.
Es reist eigens ein Techniker vom deutschen Importeur in Kerpen an und entscheidet, die Nockenwellen weiter zu verwenden. Getauscht wird trotzdem allerhand. Die Frontverkleidung zum Beispiel, an der stellenweise der Lack abblättert. Oder das eingelaufene Lenkkopflager. Oder die Zu- und Ableitungen des Ölkühlers, die langsam brüchig werden. Alle Schlauchschellen des Kühlwassersystems. Oder der Kettensatz.
So gerüstet, geht die RSV4 die nächsten 10000 Kilometer an, doch schon kurz danach ein neues Problem: Der Stellmotor der Auslassklappe ist defekt, wird getauscht. Gleichzeitig wird ein neues Mapping (das der APRC-Version) aufgespielt, um den unmäßigen Spritverbrauch zu senken. Das gelingt auch (bis zu zwei Liter auf 100 Kilometer braucht die RSV4 R nun weniger), aber nur um den Preis einer ruppigen, verzögerten Gasannahme, die den Fahrspaß immens trübt. Also Kommando zurück, bei Kilometerstand 29753 findet im Zuge der 30000er-Inspektion das alte Mapping neue Verwendung. Der Kupplungskorb wird nun erstmalig getauscht, die Bremsscheiben vorn zum zweiten Mal. Ebenso wie der Auspuff, weil dort zwischenzeitlich wieder der Lack ab war. Jetzt, nach rund 33000 Kilometern, soll die dritte Version aber endgültig halten. Ob damit endlich auch abseits des serienmäßigen Brüllrohrs alles im Lack ist? Wir sind gespannt!
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