08.12.2011 Von: Andreas Bildl
Erschienen in: 26/ 2011 MOTORRAD

Dauertest-Zwischenbilanz: BMW S 1000 RR Der Supersportler von BMW im Dauertest

Auf der einen Seite ist die BMW S 1000 RR ein fast schon unvernünftig mächtiges Sportgerät. Auf der anderen Seite lammfrommer Begleiter im Alltag. Einerseits enorm zuverlässig, andererseits... Ach, lesen Sie selbst.
In diesem Artikel: BMW S 1000 RR

BMW S 1000 RR

Auf der Rennstrecke zuhause - BMW S 1000 RR.  

Foto: Jkuenstle.de  

Zwei Ansichten prallten aufeinander, als die BMW S 1000 RR ihren Dienst in der MOTORRAD-Redaktion antrat. Da waren diejenigen, die sich schon die Hände rieben, weil sie es kaum erwarten konnten, diesen High-Power-Express endlich selber unter den Hintern zu nehmen. Und es gab jene, die sich die Hände rieben, weil sie sicher waren, dass ein Motorrad mit 200 PS Literleistung, zudem ein Erstling, nie und nimmer über die Testdistanz kommt.

Von alldem unbeeindruckt, nahm die BMW also am 27.5.2010 ihren Dienst auf. Und tat fortan das, was sie am besten kann: fahren. Schnell, souverän, überzeugend. Jeder wollte sie in die Finger kriegen, diesen Vulkan einmal ausprobieren. Zur Ruhe kam die BMW nicht, war ständig unterwegs. Kaum vier Wochen da, ging es schon zum Alpen-Masters.

Geschont wurde die BMW nie, Verschnaufpausen waren Mangelware. ABS- und Traktionskontrollen-Vergleich im Contidrom, Konzeptvergleich auf der Nürburgring-Nordschleife, Herbstausfahrt. Und dazwischen die täglichen Fahrten ins Büro, Wochenendtrips, Urlaub oder abends einfach mal kurz in den Schwarzwald. Oh ja, die BMW war ein gefragter Freizeitbegleiter. Dem überwältigenden Reiz ihrer enormen Kraft, die mit unerwarteter Alltagstauglichkeit einhergeht, erlagen offenbar viele. „Wow, was für ein Fast-forward-Tourer“, war Service-Guru Jörg Lohse nach einem Kurztrip ans Ijsselmeer baff. Und Kollege Eirich notierte: „unkompliziert wie ’ne olle CBR 600 - nur doppelt so stark“.

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BMW  S 1000 RR  Dauertest  Supersportler 

Für lange, schnelle Autobahnetappen hätte man sich vielleicht auf Querfugen durchaus mal ein komfortabler ansprechen-des Federbein gewünscht, dennoch: In kürzester Zeit hatte sich die BMW nahezu ungeteilten Respekt erarbeitet. Und das nicht wegen, sondern trotz ihrer schieren Gewalt, durch ihre Umgänglichkeit und ihre Manieren. Mittlerweile hatte eine höhere Verkleidungsscheibe noch für besseren Windschutz gesorgt, was die Beliebtheit der BMW noch steigerte, wenn es galt, zügig größere Etappen zu bewältigen.

„Es ist immer wieder erstaunlich, wie die BMW den Spagat zwischen bravem Alltags-Schaf und reißendem Sport-Wolf schafft“, befand Kollege Eirich. Kritik gab es, wenn, dann spärlich. So fanden sich vereinzelt Einträge über die doch spürbaren Vibratio-nen und der ein oder andere Vermerk zum Verbrauch, der in der Regel zwischen fünf und sieben Litern pendelte. Doch wer viel leistet, muss schließlich ordentlich futtern. Im Schnitt waren dies bis Halbzeit 6,4 Liter, was angesichts des Potenzials des Motors in Ordnung geht. Und ein Fahrer monierte ein leichtes Rubbeln der vorderen Bremse beim Anlegen der Beläge. So kurbelte die S 1000 RR unentwegt Kilometer herunter und hatte nach einem Jahr bereits die Hälfte der Testdistanz hinter sich gebracht. Der einzig größere Zwischenfall in dieser Zeit: Bei Kilometerstand 19 978 mussten im Rahmen der Inspektion die vorderen Radlager getauscht werden. Ansonsten verbucht die Akte BMW noch einen auf Garantie erneuerten Fernlichtschalter (der alte hatte sich bei km 14 442 selbstständig gemacht), und bei km 21 623 hatte die Weiß-Blaue ihren ersten Satz Bremsbeläge vorne aufgerieben. Bis hierhin war der Dauertest mit der BMW also ein ziemlich problemloses Vergnügen, und so hätte es eigentlich weitergehen können. Tat es aber nicht. Just nach dem Gipfelfest, als die 25000er-Marke passiert war, mehrten sich die mechanischen Geräusche.

BMW S 1000 RR Winter

Herbstausfahrt im Schnee, da hilft weder ABS noch TC.  

Foto: Archiv  

An das kurze, kräftige Rasseln nach dem Kaltstart, bis der Steuerkettenspanner vollen Öldruck bekam, hatte man sich ja inzwischen gewöhnt. Doch nun kam noch ein Tickern aus dem Ventiltrieb hinzu, das rasch an Intensität zunahm. Also war bei Kilometerstand 25 616 dringend der Gang in die Werkstatt angeraten.

Dabei kam eine defekte Einlassnockenwelle zum Vorschein. Eine Nocke war mächtig abgetragen, weitere Nocken zeigten beginnenden Verschleiß. Laut BMW ein Defekt, der auf zu hohe Toleranzen bei der Oberflächenrauigkeit fußte und nur wenige Exemplare der ersten Serie betraf. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die etwas knarzig laufenden Gaszüge - zum zweiten Mal bereits - getauscht. Der Austausch der Nockenwellen ging auf Kulanz, und Ralf Schneider befand: „Nach der Reparatur läuft das Motorrad wieder sehr schön und verhältnismäßig ruhig.“

Wenig später hatte dann der Kettensatz endgültig die Grenze seiner Leidensfähigkeit erreicht. Immerhin 27 832 Kilometer hatte er der enormen Power getrotzt. Ein respektables Ergebnis. Bei dieser Gelegenheit bekam sie auch ein Feststoff-Schmier-element von CarbonForBikes verpasst, das das Schmieren der Kette überflüssig machen soll. Und ab ging’s zu einem weiteren Vergleichstest auf die Nordschleife. Nach ihrer Rückkehr war die BMW reif für den 30 000er-Kundendienst. Bei der Gelegenheit war die verschlissene hintere Bremsscheibe fällig.


 BMW: alle News, Tests und Foto-Shows


Doch nur 1800 Kilometer später war erneut der Gang in die Werkstatt nötig. Um das Rasseln des Motors nach dem Kaltstart einzudämmen, tauschte die Niederlassung die Kappe des Steuerkettenspanners. Außerdem hatte die vordere Bremse immer stärker durch Vibrationen auf sich aufmerksam gemacht. Neue Bremsscheiben brachten keine Besserung, und so wurde das Vorderrad wegen zu viel Seitenschlags als Übeltäter entlarvt. Ein neues musste her. Damit war aber noch lange nicht Ruhe im Karton.

Bei Kilometer 32 860 notierte MOTORRAD action team-Tourguide Dani Lengwenus auf einer Schweiz-Tour: „Motor nimmt zwischen 6000 und 8000/min teils verzögert Gas an, unangenehm.“ Musste allerdings im selben Atemzug eingestehen: „Bin ja kein Freund der gebückten Haltung, aber das Fahrwerk ist fantastisch. Und dann dieser Motor, WOW. Fazit: Es war mir ein Vergnügen, gerne wieder, aber bitte nicht mehr in der Schweiz.“


 Weitere Power-Bikes im Test: BMW S 1000 RR, Kawasaki ZZR 1400 und Yamaha Vmax


Dies ist eine ihrer großen Stärken: dass sie abseits ihrer abartigen Kraft durch ihre übrigen Qualitäten selbst Fahrer für sich zu gewinnen weiß, die ansonsten eher aufrechtes Fahren bevorzugen. Wie Grafikerin Katrin Sdun, die das „vorbildliche Handling und die Stabilität“ lobte, zwar die deutlichen Vibrationen rügte, aber ansonsten auch nach Regenfahrten befand: „Gefällt mir echt gut.“ Danach führte der Dauertest die BMW über dreieinhalbtausend problemlose Kilometer nach Kroatien.

BMW S 1000 RR Ausfahrt

Obwohl kein Weltmeister im Gepäckschleppen, war sie ein gern genommener Begleiter auf Touren.  

Foto: Archiv  

Aber lange währte das ungetrübte Vergnügen nicht. Denn kaum wieder in heimischen Gefilden, traten schon wieder Ruckeln im Teillastbereich und schlechte Gasannahme zutage. Der Tausch von Zündspulen und Kerzen sollte helfen, tat es aber nicht endgültig. Denn bei der anschließenden Urlaubsfahrt von Kollegin Silke Röber nach Frankreich zickte die BMW erneut, nahm warm gefahren nur noch widerwillig Gas an, worauf nach ihrer Rückkehr in der Werkstatt nicht nur beide Lambdasonden, sondern auch gleich der komplette Abgasstrang bis zum Vorschalldämpfer gewechselt wurden.

Der Grund: Die Lagerung der Stellklappe am Interferenzrohr der Krümmer war ausgeschlagen. Und da diese zusammen mit dem Vorschalldämpfer ein einziges Teil bilden, wird der komplette Austausch nötig. Ein Unding! Seit dieser Operation läuft der Motor nun wieder klaglos, rasselt nach dem Kaltstart kurz fröhlich mit seiner Steuerkette und erfreut seine Piloten. Nur einmal noch musste die S 1000 RR danach in die Werkstatt, wo ihr wahrscheinlich inzwischen eine eigene Hebebühne frei gehalten wird. Das Lenkkopflager zeigte mit leichtem Rasten in Mittelstellung etwas Verschleiß und wurde bei Kilometerstand 41 286 gewechselt. Wobei hier zur Ehrenrettung der BMW gesagt werden muss, dass nach dieser Laufleistung ein Tausch des Lenkkopf-lagers durchaus mal drin sein kann.

Dennoch überrascht nach den völlig problemlosen ersten 25 000 Kilometern die anschließende Häufung der Mängel. Doch letztlich haben bis jetzt die Piloten Milde walten lassen, kein Daumen hat sich bisher gesenkt. Dazu hat sie bislang dann doch zu viel Spaß gemacht.


 Interview mit Hendrik von Kuenheim zur BMW S 1000 RR

 Tracktest: Europäische Superbikes 2011


Den kompletten Abschlussbericht zum Dauertest der BMW S 1000 RR, lesen Sie in MOTORRAD Ausgabe 04/2012 (ab 3. Februar im Handel).



 Vergleichstest Sportler: BMW S 1000 RR gegen Honda Fireblade

 Fahrbericht: IDM-BMW S 1000 RR


MOTORRAD 12/2012

Megatest: Reiseenduros, Teil 2
Krater Noster

Neuheiten: BMW-Erlkönige
BMW-Offensive geht weiter

Vergleichstest Big Bikes: BMW K 1300 S HP und Honda VFR 1200 F DCT
Sport, Stil, Spannung

Fahrbericht: Victory Judge
Das jüngste Gericht


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