Dauertest-Abschlussbilanz: Aprilia NA 850 Mana 50000 Kilometer mit dem Automatik-Bike
Mana mana, badibidibbi: Wer die Sesamstraße kennt, erinnert sich auch an den gleichnamigen, witzigen Song von 1969. Rund 40 Jahre später kombiniert Aprilias 850er-Mana Motorrad-Design mit Roller-Antriebstechnik. Klappt der Spagat, hält das Automatik-Bike auf Dauer durch?
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Aprilia NA 850 Mana
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Der Bandit-Fahrer am Motorradtreff ist sich seiner Sache sicher. "Zu faul zum Schalten, was?" "Nein", entgegnet der Aprilia-Pilot trocken, mustert der Suzuki-Besitzer von oben bis unten. Hat mit Faulheit nichts zu tun. Doch sein Gegenüber hat auch recht: Stimmt, auf der Mana muss man nur noch Gas geben, ganz ohne Kupplung. Und stimmt nicht. Denn neben drei Automatik-Modi (Regen, Sport, Touring) stehen sieben feste, per Fuß- oder Handschaltung (Tiptronic) wählbare Schaltstufen zur Wahl. Dazu die Option, die getriebelose 850er auch im Automatik-Betrieb jederzeit einen "Gang" runterschalten zu können. Etwa vor Kurven. Doch am Anfang dominieren die Vorurteile gegenüber der "Manapulation". Vagabundierende Ängste vor Entmündigung und Kontrollverlust durch die stufenlose Variomatik.
Eine reizvolle Ausgangsbasis für einen Dauertest von MOTORRAD über 50000 Kilometer. Zumal die ungewohnte Technik neugierig macht. Halten die Bauteile aus dem Roller-Reich? So oder so fand die individuelle 850er in Deutschland bislang nur knapp 300 Käufer. Auch in der Redaktion standen sich Verächter und Verfechter des neuen Konzepts gegenüber, wobei die Zustimmung überwog. "Tolles Motorrad, komfortabel und extrem reisetauglich", bilanzierte der Autor dieser Zeilen nach einer 5850-Kilometer-Rundreise zum Schwarzen Meer.
"Klasse, die Mana macht richtig Spaß" schrieb ein Kollege ins Fahrtenbuch. Besonders begeistert war Roller-Experte Werner Enzmann: "Das Handling ist klasse, die Fahrstabilität reicht völlig aus und die Automatik ist ein Gewinn. Im Vergleich zu Rollern bietet die Mana durch den intensiveren Kontakt zum Fahrzeug (Knieschluss!) ein viel intuitiveres Fahr-Erlebnis, inklusive mehr Vertrauen beim Bremsen." Die Kritiker der Roller-Gene mokierten hingegen ironisch den jaulenden Scooter-Sound: "Endlich ein toller Roller - mit gutem Fahrwerk."
Der wassergekühlte 90-Grad-V2 mit Vierventilköpfen und Doppelzündung stammt, erweitert um die Schaltoption, aus dem Gilera-Roller GP 800. 76 PS soll er leisten. Davon kommen zwar nur maximal 59 PS am Hinterrad an. Doch bereits bei Tempo 60 traben 48 Pferde an: Die Variomatik hält die Drehzahl stets in einem optimalen, mittleren Bereich. Im Touring-Modus stürmt die oft unterschätzte Mana einfach so, per Dreh am Gasgriff, in nur 2,7 Sekunden von 60 auf 100 km/h - das ist Supersport-Niveau!
Moderate 5,3 Liter Super bleifrei je 100 Kilometer genehmigte sich die Italienerin über 50000 Kilometer. Dabei wurde sie viel über Autobahnen gescheucht, oft mit optionalem Koffersystem samt Topcase. Und das baut breit beziehungsweise hoch.
Mit dem effektiven aber lauten Windschild und dem voluminösen, stabilen Gepäcksystem wird die Mana zu einem Top-Tourer der oberen Mittelklasse.
Foto: Archiv
Die Mana machte sich käfermäßig, sie lief und lief und lief. Kam alle 10000 Kilometer zur Inspektion, brauchte kein Öl zwischendurch. Tribut der Rollertechnik: Alle 20000 Kilometer ist turnusmäßig der Antriebsriemen zu erneuern. Kosten: 130 Euro plus Montage. Ebenfalls alle 20000 Kilometer sind die Gleitschuhe der Antriebs-Riemenscheibe und die vier Zündkerzen zu wechseln. Ansonsten knauserte die 229 Kilogramm schwere Aprilia mit Verschleißteilen: Der Kettensatz hielt volle 30000 Kilometer; diese Distanz spulte die Mana flugs in den ersten sechs Monaten des Dauertests ab. Ein wartungsarmer Zahnriemen hätte das clevere Konzept mit großem Staufach in der Tank-Attrappe noch getoppt - der Sprit bunkert im Heck, der Einfüllstutzen liegt unterm klappbaren Soziussitz.
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Wie bei Harley prangt der Luftfilter neben dem V2, hier auf der linken Seite. Der Filter-Einsatz zu 13,60 Euro musste lediglich einmal gewechselt werden. Auch andere Aprilia-Ersatzteile fallen bemerkenswert günstig aus: Die nach 27659 Kilometern erneuerte hintere Dichtung des vorderen Auspuffkrümmers kostet ohne Einbau 22,95 Euro. Nicht hoch sind auch je 31,50 Euro für neue, einstellbare Hand- und Fußbremshebel nach einem Umfaller im Stand. Allerdings bemängeln etliche Mana-Fahrer (siehe Seite 42) Aprilias Lieferfähigkeit bei Zubehör, Sturz- und Verschleißteilen.
Je zwei Mal waren während des Dauertests die Bremsbeläge hinten (30,40 Euro) und vorn (Satz zu 70,50 Euro) zu erneuern. Und ein Paar Beläge der Parkbremse. Kurios: Verschleiß bei einer Bremse, die nur Wegrollen im Stand verhindert? Ob da ein Schelm die Feststellbremse beim Losfahren vergessen hat? Letztlich alles Bagatellen.
Kaum Verschleißspuren zeigen die Zylinderlaufbahnen. Es sind noch Honspuren zu sehen. Die beiden Kolben sind hingegen am Ende der Betriebstoleranz.
Foto: Archiv
Kaum überzeugen konnte die Erstbereifung: Der Dunlop Qualifier haftet mäßig bei Nässe und Kälte, fährt nicht neutral und rubbelt sich schnell runter. Viel besser fährt der famose Dunlop Roadsmart. Ebenfalls eine Empfehlung: Metzeler Z6 Interact und Pirelli Diablo Strada - siehe Dauertest-Zwischenbilanz in MOTORRAD 24/2008. Fast unauffällig spulte die Mana die Distanzen ab, hätte da nicht der Gaszug nach 10556 Kilometern gehangen. Gefährlich bei einem Motorrad, bei dem man nicht auskuppeln kann. Aprilia reagierte umgehend mit einem neuen Drosselklappenkörper und einer Rückrufaktion: Eine Abdeckung schützt seither vor Dreck am Seilzug.
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Im Winter 2008/2009 machten Startprobleme einen Tausch der Batterie erforderlich. Anschieben verbietet sich ja. Auch ging der bereits gestartete Motor hin und wieder beim Ausrollen auf den ersten Metern wieder aus. Lästig, da zum Starten eine Bremse betätigt werden muss. Beim Dauertest-Exemplar noch ohne ABS. Mittlerweile verkauft Aprilia in Deutschland überwiegend Mana mit ABS, inklusive der halb- verkleideten GT-Version. Kurz vor Testende schlug der Defekt-Teufel richtig zu. Die Öldruck-Kontroll-Leuchte flackerte hin und wieder im Teillastbereich trotz korrekten Ölstands. Kompliziert: die Ölstandskontrolle mit Schauglas fürs Ablesen von "Maximum" und separatem Peilstab für "Minimum".
Dazu nervten zum Schluss Quietschgeräusche beim Anfahren. Vermutlich erste Indizien für tiefe Spuren in den Riemenscheiben der Variomatik und zu viel Spiel an deren Führungsschuhen: Die Rollertechnik zeigt nach 50000 Kilometern Verschleiß.
Beim Tausch des defekten Kolbenbolzens samt Motorrevision hatten korrekte Werte aller beteiligten Bauteile Priorität.
Foto: Archiv
Noch vor deren Ablauf musste die Mana unters Messer: MOTORRAD-Fuhrparkleiter Rainer Froberg hörte zusätzlich tickernde Geräusche aus dem Motor. Nach 41918 Kilometern wurde der V2 daher zur Kontrolle zerlegt. Und siehe da: Der Kolbenbolzen des hintern Zylinders war oval. Er zeigte, wie das obere Pleuelauge, deutliche Laufspuren. Extrem schade. Denn auf dem echten V-Motor mit einem Hubzapfen sitzen die einteiligen Pleuel auf einer verpressten Kurbelwelle. Für ein neues Lager muss alles raus: Zwei neue Pleuel plus eine neue Kurbelwelle. Preis: akzeptable 630 Euro plus Einbau. Der Motorschaden kostet die Mana in der Dauertest-Wertung fünf Punkte, wirft sie auf den 17. statt des sonst erreichten neunten Platzes zurück. Immerhin noch vor der BMW R 1200 GS. Also: Mana-mana. Auch ohne badibidibbi.