Dauertest-Abschlussbilanz KTM 690 SM - 50000-Kilometer-Test
Inzwischen wissen wir es: Der markante Schnabel der 690 SM hat nie der Fahrstabilität gedient. Er war schlicht ein Design-Gimmick. Diese und weitere Wahrheiten, vor allem aber, ob der Welt leistungsstärkster Serien-Single bis zum Ende durchhielt, erfahren Sie in diesem Bericht.
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KTM 690 Supermoto
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Trau, schau, wem! Wer kennt die Redewendung nicht? Im Fall der KTM 690 SM schaut die Motorradwelt kritisch auf den österreichischen Hersteller mit seinem neuen Single. Kritisch deshalb, weil es bis heute noch keine Motorradschmiede gewagt hat, einen 65 PS starken Einzylinder in Großserie zu produzieren. MOTORRAD äugte sogar doppelt kritisch, weil die zuvor von den Österreichern produzierten LC4-Motoren nicht gerade den Ruf der Langlebigkeit genossen - 1998 wurde der MOTORRAD-Langstreckentest der KTM 620 LC Enduro wegen starker mechanischer Geräusche aus dem Motor bei Kilometerstand 40000 vorzeitig abgebrochen. Als Verursacher kamen eine verschlissene Steuerkettenschiene und der beschädigte Nadelkäfig des unteren Pleuellagers infrage.
Ein Wiederholungsfall? Mechanische Geräusche verunsicherten auch die Fahrer der KTM 690 SM bis zuletzt. Nach der Demontage des Motors ließ sich allerdings nur ein bestimmtes Geräusch exakt zuordnen: das helle, metallische Scheppern, das etwa ein bis zwei Sekunden nach dem Startvorgang zu hören ist. Hierbei handelt es sich um die Steuerkette. Deren Vorspannung erfolgt über einen hydraulischen Spanner durch Öldruck. Bis dieser aufgebaut wird, verstreicht besagte Zeit, die Kette hat etwas Spiel und scheppert. Das irritierte viele Piloten. MOTORRAD griff das Thema sogar nach 25000 Kilometern in der Überschrift der Zwischenbilanz auf und titelte: Ri-Ra-Rappelkiste.
Das Scheppern begleitete die 690er vom ersten bis zum letzten Tag. Intensiver wurde es nie. Die Techniker von KTM erklärten es auf Nachfrage so: „Bedingt durch den leisen Auspuff und stark gedämpfte Ansauggeräusche konzentriert sich das Ohrenmerk auf normale technische Abläufe in einem Hochleistungs-Einzylinder-Verbrennungsmotor." Übersetzt vom Österreichischen ins Deutsche: Der Fahrer hört die Flöhe husten.
Bei einer Fahrt auf nasser Fahrbahn sollte man auf gute Kleidung achten, da der Regenschutz der KTM eher mau ausfällt.
Foto: Archiv
Ein instabiler Motorlauf bei Leerlaufdrehzahl war bereits bei Halbzeit einer der Hauptkritikpunkte. An Ampeln ging der Single gern mal schlagartig aus. Mehrfach wurde auf das Problem bei anstehenden Inspektionen hingewiesen. Und angeblich behoben. Mal hieß es, die Ursache sei zu kleines Ventilspiel gewesen, ein andermal hatte der Gaszug angeblich zu wenig Spiel, so dass die Drosselklappen immer etwas geöffnet waren. Schlussendlich schob man den Schwarzen Peter bei Halbzeit des Dauertests auf die kurzzeitig montierte Titan-Auspuffanlage von Akrapovic und das in diesem Zusammenhang geänderte Kennfeld. Doch auch nach dem Rückbau auf die Originalanlage trat das Phänomen immer wieder auf. Und zwar bis zum letzten Tag der 50000 Kilometer.
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Seit Mitte September steht den KTM-Händlern nun ein überarbeitetes Mapping zur Verfügung, das den Einzylinder angeblich endgültig von dieser Macke befreien soll. Betroffene Motorräder bekommen das Upgrade kostenfrei aufgespielt. Ebenso ärgerlich: Fünf Mal schüttelte der Single die Glühbirne der Kennzeichenbeleuchtung kaputt, und drei Mal musste die komplette Rücklichteinheit aus-getauscht werden. Die an die Platine geklebten Kabel waren abvibriert, eine Reparatur war nicht möglich.
Darüber hinaus riss das Cockpit drei Mal ein und wurde ebenfalls auf Garantie gewechselt. Sowohl Cockpit als auch Rücklichteinheit sind im Lauf der Serienproduktion qualitativ verbessert worden, sodass diese Schäden der Vergangenheit angehören sollten. Weiteres Ärgernis: Der Entenschnabel bietet so gut wie keinen Schutz bei Regenfahrten. Bei der Pressevorstellung vor zwei Jahren wurde die Form folgendermaßen gerechtfertigt: „Der Schnabel ist aerodynamisch wichtig, er dient dem Abtrieb." Die schlichte Wahrheit, so kürzlich ein KTM-Mitarbeiter: „Er ist bloß ein Design-Gag."
Trotz ausgeprägter Riefen kann der Zylinder nach leichtem Nachhonen weiter verwendet werden: Ölverbrauch gering, Kompression völlig okay.
Foto: Archiv
Zum Thema Sitzkomfort notiert ein Fahrer: „Diese Bank ist so was von hart das ist tatsächlich eine SM-Bank." Wobei hier wahrscheinlich nicht Supermoto gemeint ist. Da die Klagen sich häuften, hat MOTORRAD zwei Alternativen ausprobiert: die Gel-Komfortbank aus dem KTM-Zubehör sowie eine speziell angefertigte von der Firma Jungblut (Telefon 02425/901470 oder www.alles-fuern-arsch.de). Fazit: Beide sind empfehlenswerter als das Original, machen aus der Supermoto aber noch lange kein Fahrzeug, mit dem man stundenlang auf der Autobahn gleiten möchte.
MOTORRAD hat das trotzdem getan. Hierbei wurde die verhältnismäßig kleine Windscheibe (KTM) wegen ihrer Wirkung oft gelobt, der Tankrucksack (KTM) jedoch getadelt: Nach einem Jahr riss das Material. Besonders hervorzuheben ist der geringe Verbrauch: Der niedrigste Wert wurde mit 3,6 Litern auf 100 Kilometer, der höchste mit 5,7 Litern notiert. Mit durchschnittlich 4,6 Litern führt die KTM die Langstreckentest-Tabelle an und liegt damit noch vor der Yamaha XT 660 X, die mit vergleichsweise mageren 48 PS daherrollt. In diesem Punkt haben die Österreicher ihre Hausaufgaben mit Bravour erledigt.
Starke Brandspuren an den Auslassventilsitzen – KTM bezeichnet sie als unbedenklich, da die Ventile bis zum Schluss abgedichtet haben. Einfach neu einschleifen und weiterfahren.
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Ebenso mustergültig haben sie die Anti-Hopping-Kupplung hinbekommen, die auf der gesamten Distanz nicht nur einwandfrei funktionierte, sondern auch so leichtgängig arbeitet, dass kaum mehr als zwei Finger zur Bedienung nötig sind. Kinderleicht.