03.02.2011 Von: Gerhard Eirich
Erschienen in: 04/ 2011 MOTORRAD

Dauertest-Abschlussbilanz: Suzuki SFV 650 Die 50000 Kilometer der Suzuki Gladius

Schön fanden sie die wenigsten, aber mit der treuen, japanischen Begleiterin um die Häuser zu ziehen, das gefiel den meisten dann schon. Ernsthafte Probleme hat die Gladius nie bereitet.
In diesem Artikel: Suzuki Gladius

Suzuki Gladius zerlegen

Das verlässliche Entlein: Suzuki Gladius.  

Foto: Archiv  

Die inneren Werte sind es wohl, welche die Gladius auszeichnen. Vor allem besitzt sie ein gutes Herz. Jenen V2 nämlich, der schon in seiner Urversion in der Vorgängerin SV 650 oder auch im Reise-Allrounder V-Strom 650 zu begeistern wusste. Anfängliche Klagen über das eigenwillige Design inklusive zahlreicher, billig wirkender Plastikblenden verstummten bald. Einfach nicht hingucken, aufsitzen und fahren. Denn das tat die quirlige Suzuki bis zum Schluss ohne Totalausfälle, größere Defekte oder ernsthafte Probleme. Klagen kamen, wenn überhaupt, von größeren Fahrern und sensibleren Naturen, welche die zusammengefaltete Sitzhaltung und den schmalen, recht hohen Lenker nicht sonderlich passend fanden.

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Suzuki  Gladius  Dauertest  Naked Bike 

Die zugunsten niedriger Sitzhöhe flache und karg gepolsterte Sitzbank wurde allerdings schon früh gegen die etwas höhere Bank aus dem Suzuki-Zubehörangebot getauscht, erntete jedoch ebenfalls häufig Kritik: zu hart, zu kantig, zu unbequem - keine echte Verbesserung. Zeitweise montiertes Zubehör, welches die Tourentauglichkeit und den Komfort verbessern sollte (siehe DT-Zwischenbilanz in Heft 4/2010) hinterließ ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck. Konnte der Windschutz der MRA-Zubehörscheibe noch einige Fahrer überzeugen und konnten die Heizgriffe der Firma CLS durchweg Lob einheimsen, so hinterließ der zweimal gebrochene Topcasehalter des ansonsten praktischen und schluckfreudigen Hepco & Becker-Gepäcksystems doch einen faden Beigeschmack.

Immerhin verspricht der Hersteller eine genaue Untersuchung des Trägers und will gegebenenfalls Abhilfe schaffen. Der Spieltrieb mancher Fahrer führte dazu, dass der bei Kilometer 29265 montierte Kettenöler von CLS bei 42961 Kilometern wieder stillgelegt wurde. Immer wieder war der Öldurchfluss versehentlich auf null gestellt worden, wie Fuhrpark-Chef Froberg erbost feststellte, was der Haltbarkeit der Kette nicht dienlich sein konnte. Knapp über 20000 Kilometer hielt so die zweite Kette, deutlich mehr wären im Normalfall drin gewesen. Apropos Laufleistung: 20000 bis 25000 Kilometer schafften die Bremsbeläge, zwischen 6500 und knapp 10000 Kilometer die Reifensätze. Als langlebig erwies sich der in der Frühphase des Tests montierte ContiMotion, der allerdings den Kollegen Bildl zum süffisanten Fahrtenbucheintrag veranlasste "Toller Reifen, gibt‘s den auch mit Nassgrip?" Erst kurz vor Erreichen der Test-Halbzeit sorgten die Metzeler Roadtec Z6 hier für Abhilfe. Sie funktionierten im Neuzustand ziemlich gut, mit abnehmender Profiltiefe mehrten sich jedoch die Einträge bezüglich des kippeligen, unpräzisen Fahrverhaltens und zunehmender Aufstellneigung.

Suzuki Gladius voll bepackt

Zunehmend nervöses Fahr- und kippeliges Lenkverhalten rührten (unter anderem) von einem recht frühzeitig verschlissenen Lenkkopflager. Bei Kilometerstand 29509 wurde es getauscht.  

Foto: Archiv  

Die Gladius erwies sich über die gesamte Testdistanz als sehr sensibel in punkto Reifenwahl, und ihre häufig gelobte Handlichkeit artete häufig in Nervosität aus. Mit Austausch des verschlissenen Lenkkopflagers bei knapp 30000 Kilometern (auf Garantie) besserte sich das Fahrverhalten vorübergehend, doch besagte Reifensensibilität und das offensichtlich stark beanspruchte Lenkkopflager (es musste in Folge mehrfach ein-/nachgestellt werden) ließen die Gladius kaum zur Ruhe kommen. Zu viel Bewegung war vielen (sportlich orientierten) Fahrern auch im Fahrwerk: Zu schwammig, zu lasch gedämpft, lautete die Kritik. Gabel und Federbein sind nur vorspannbar, jedoch nicht in der Dämpfung einzustellen. Auf ihre alten Tage, bei Kilometerstand 42992, schickte MOTORRAD die Gladius dann doch noch ins Strafflager und montierte Gabelfedern (99 Euro) und Federbein (499 Euro) von Wilbers.

Einer der ersten, der sich die modifizierte und neu besohlte (jetzt Bridgestone BT023) Japanerin zur Brust nahm, war MOTORRAD-Fahrwerks-Guru Mini Koch. Erster Kommentar: "Findet keine Linie, kippelt, fährt wenig neutral." Nebenbei monierte er die schlecht dosierbare Bremse. Als Tüftler und Schrauber ließ ihm dies keine Ruhe, und nach Zerlegen, Reinigen und Schmieren der Bremshebelei stellte sich zumindest deutliche Besserung in Sachen Dosierbarkeit ein. Für mehr Biss der sehr häufig als stumpf kritisierten Bremse konnte auch diese Aktion nicht sorgen. Allerdings fand sich wenige Tage später ein Nachtrag des Kollegen Koch im Fahrtenbuch: "Wilbers-Federbein auf weniger Negativ-Federweg (10 statt 28 Millimeter) eingestellt, Luftdruck vorn von 2,3 auf 2,5 bar erhöht, jetzt gutes Fahrverhalten." Die harmlosen Mäkeleien an der stets beliebten Gladius beschränkten sich auf Fahrwerk, Bremsen und Sitzkomfort. Kritik am Motor? Fehlanzeige. Ein steter Quell der Freude, der für so manche Lobeshymne sorgte.

Suzuki Gladius Federbein Gabelfeder

Original und Fälschung: Der Tausch von Federbein und Gabelfedern gegen Zubehörteile von Wilbers (jeweils oben) verbesserte das teils schwammige Fahrverhalten.  

Foto: Archiv  

Der V2 überzeugte mit erstaunlichem Bums von unten und erfrischender Drehfreude, kam auf Landstraßenritten oft mit nur vier Litern aus, und saugte selbst bei flotter Autobahnfahrt mit voller Beladung nie über 6,5 Liter pro 100 Kilo-meter aus dem 14,5-Liter-Tank. Übereifrig zeigte sich allerdings die Tankwarnleuchte, indem sie allzu früh Alarm schlug. Cool bleiben - meist sind dann noch immer rund fünf Liter Sprit an Bord. Keinen echten Anlass zur Sorge bieten auch die nach dem Zerlegen zutage getretenen Brandspuren an den Auslassventilen, die nicht mehr absolut dicht schließen. Sagt auch Suzuki (siehe Kasten: Suzuki nimmt Stellung...). Den resultierenden geringen Leistungsverlust spürt man kaum.

Unbemerkt blieb auch der Defekt im Getriebe, der bei weiterem Betrieb irgendwann durchaus zu einem größeren Getriebe-/Motorschaden hätte führen können. Erst das Zerlegen brachte es zutage: Ein kleiner Sicherungsring am zweiten Gangrad der Ausgangswelle hatte sich gelöst oder war bereits fehlerhaft montiert worden, die Laufbuchse hatte auf der Welle gefressen und es kam zu unerwünschtem Kontakt zwischen den Mitnehmern des Zweiter-Gang-Rades und dem Sechster-Gang-Rad. Aber: Bis zum Dauertest-Ende hatte sich dies nicht negativ bemerkbar gemacht, im Stich gelassen hat die Gladius ihren Fahrer auch nie.

Lediglich auf ihrer vorletzten großen Tour (einmal Korfu und zurück) verweigerte sie am Vorabend der Rückreise kurzzeitig den Dienst. Erst die Drohung mit dem bereits bestellten Abschlepper ließ die Suzuki beim allerletzten beiläufigen Startversuch doch noch anspringen. Danach lief die Gladius die letzten 3000 Kilometer bis zum Testende, als sei nie etwas gewesen. Hatte das letztlich doch verlässliche Entlein einfach Angst, vor Wut in den großen Teich geworfen zu werden? Ein glänzender dritter Platz in der Rangliste aller bisherigen Dauertest-Absolventen belegt zumindest: Ente gut, alles gut.


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