Herbstausfahrt mit MOTORRAD-Dauertestern 2011 MOTORRAD-Dauertester auf Biertour
Männerträume - da mag der Rest der Welt an Schlüpfriges denken, die Redaktion MOTORRAD tut es nicht! Wir träumen sogar von zwei Rädern. Ganz besonders von der Biertour des action teams. Jetzt war es endlich so weit. Ein Lagebericht zwischen Hopfen und Malz.
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KTM 125 Duke, Honda CBR 600 F, Victory Hammer S, Ducati Multistrada 1200 S, Aprilia RSV4 R, Triumph Tiger 800 XC, Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré, Kawasaki Z 1000
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Die ersten Seiten des action team-Katalogs haben es in sich. Gletscher in Patagonien und Alaska, brasilianische Wasserfälle, australische Wüsten oder skandinavische Schneelandschaften. Alles schön, alles exotisch - leider aber alles völlig ungeeignet, wenn es darum geht, den versammelten Dauertestfuhrpark zur traditionellen Herbstausfahrt zu bitten. Doch dann, irgendwo zwischen Istrien und Südpolen, bleibt das Auge automatisch hängen. „Hopfen, Malz und Bier“, titeln die Teamler, versprechen Kurvenspaß pur in Kombination mit feuchtfröhlichen Bierverkostungen unter der Ägide von Motorradfan, Hotelier und Biersommelier Bernhard Sitter. Und wo? Vor der Haustür, im Bayerischen Wald.
Das hört sich doch gut an! Aber was macht das Wetter? Mitte Oktober kann es schon einmal ungemütlich werden in deutschen Mittelgebirgen. Eine Feucht- und Kaltfront von Nordwest rollt an, ein Temperatursturz von mehreren Grad ist zu erwarten. Doch es gibt da eine winzige Stelle im Südosten, so rund um Passau, wo für die nächsten zwei, drei Tage noch mit trockenem Wetter zu rechnen ist. Das muss Vorsehung sein und passt uns wie ein kühles Blondes zwischen Milz und Leber. Jetzt bloß keine Zeit verlieren, kurzer Anruf im „1. Bier- und Wohlfühlhotel“ Gut Riedelsbach. Zimmer frei, alles klar - morgen rücken wir aus.
Oder besser: Sieben rücken aus, denn einer fährt etwas früher los. Stefan hat sich die Mini-Duke von KTM geschnappt, ein Navi montiert und fährt praktisch Luftlinie, während der Rest der Truppe über München und Deggendorf anreist. Rund 400 Kilometer Autobahn will er sich mit dem „Quietscherle“ nicht antun. Alle anderen sind ihm ewig dankbar, müssen nicht mit 110 km/h über die BAB schleichen. Dafür limitiert etwas anderes den Reiseschnitt, und zwar die beschränkte Reichweite der Aprilia RSV4 R. Nach exakt 220 Kilometern verhaltener Autobahnfahrt und 42 Kilometern auf Reserve ist absolut Ebbe im Tank, nach sechs Kilometern SchiebeEinsatz der Mitreisenden ist endlich eine Aral-Tankstelle in Sicht. 16,2 Liter gehen ins staubtrockene Aprilia-Spritfass - das macht 7,4 Liter auf 100 Kilometer, am Ende wird sich die italienische Diva bei 7,8 Litern einpegeln. „Die fängt ja jetzt schon an zu saufen“, spöttelt David, der 24-jährige Zweiradmechaniker und Gaststarter aus Göppingen, dem sich der tiefe kulturelle Sinn dieser Reise scheinbar nicht vollständig erschlossen hat. Außerdem kennt er die üblichen Trinksitten der Aprilia nicht. Im letzten Jahr, bei der Herbstausfahrt am Gardasee, mit vielen Höhenmetern und ohne eine bremsende 125er im Feld, schrammte sie knapp an der Zehn-Liter-Marke vorbei.
Doch zurück ins Bayerische, Ausfahrt Aicha vorm Wald, idyllisch gelegen zwischen Deggendorf und Passau. Der zweite Tankstopp - und der Treffpunkt mit Stefan, der über Land knapp eine Stunde länger brauchte. Und ungefähr 500 Schaltvorgänge mehr, denn der kleine Vierventiler müht sich zwar redlich, kämpft trotz tapferer 16 PS bei der Dauertest-Eingangsmessung (KTM verspricht nominell 15 PS) mitunter aber recht erfolglos gegen die Fahrwiderstände an. „Diese ewige Schalterei zwischen dem fünften und sechsten Gang nervt“, schimpft der 1,86-Mann und Rollerfan, den gerade Leistungszwerge wie die KTM in der Regel zu fahrerischen Großtaten anspornen, während er Kraftmeiern wie der Aprilia nichts abgewinnen kann.
Victory Hammer S, Kawasaki Z 1000, Ducati Multistrada 1200 S, KTM 125 Duke, Honda CBR 600 F, Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré und Triumph Tiger 800 XC bei der Herbstausfahrt.
Foto: Jahn
Apropos Vorlieben und Vorurteile: Natürlich rückt bei der Herbstausfahrt mit acht so unterschiedlichen Motorrädern jeder der acht Fahrer mit der durch unzählige Vergleichstests geprägten Erwartung aus, dass so verschiedenartige Motorräder mit zum Teil sogar gegensätzlichen Eckdaten nicht miteinander ausfahren können. Doch das ist ein Irrtum. Im Gegenteil: Hier, wo statt der Kleinigkeiten nur die wirklich großen Dinge zählen (oder wie soll man einen Hubraumunterschied von rund 1600 Kubikzentimetern zwischen der KTM und der Victory beschreiben?), rückt die Motorradwelt auf wunderbare Weise ganz dicht zusammen.
Beispiel gefällig? Wenn Fuhrparkchef Rainer seine geliebte Hammer S mit Hingabe durch das wunderbar flüssige Kurvengeschlängel Richtung Fürstenstein und Schönberg treibt, wird Stefan auf der KTM dahinter aus Sorge um ihn ganz schummrig, obwohl die gerade anliegende Schräglage für die schmal bereifte KTM (150/70 zu 250/40) ein Witz ist und er es gerne viel schneller ins Eck laufen lassen würde. Ist die Hammer S aber einmal auf Kurs gebracht, schmettern sie rund 140 Newtonmeter und die satte Haftung des mächtigen Reifens so nachhaltig nach vorn, dass die kleine Duke überhaupt kein Land sieht und abreißen lässt. Doch die Lösung ist einfach. Von nun an fährt die KTM vor, die anderen hinterher. Langweilig für die PS-Protze, denken Sie? Nein, im Gegenteil. Denn erstens ist es immer wieder ein erhebender Anblick, wenn die Kollegen wie an einer Perlenkette aufgereiht um die Ecken pfeifen. Und zweitens ist die kleine Duke so langsam nicht. Daran ist auch das Revier nicht ganz unbeteiligt. Hier gibt es nicht nur praktisch in jedem Dorf eine eigene Brauerei, sondern auch Kurven, Kurven, Kurven.
Über Grafenau und Frauenau geht es in einem Schlenker nach Zwiesel, bevor ein Blick auf die Uhr zur Umkehr mahnt. Kurven hin, Kurven her, sobald die Sonne weg ist, wird es auch in diesem schönen Fleckchen Deutschland empfindlich kalt. Und auf Gut Riedelsbach, rund 60 Kilometer entfernt direkt im Dreiländereck von Deutschland, Österreich und Tschechien gelegen, wartet Bernhard mit seinem selbst gebrauten Bier.
Also retour, Kurs Südost. Wieder wird durchgetauscht. Dabei fällt auf, dass trotz individueller persönlicher Vorlieben eine Kategorie ganz vorn in der Fahrergunst liegt. Ducati Multistrada 1200 S, Triumph Tiger 800 XC, Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré - egal ob bei der Anreise auf der Autobahn oder auf einer Landstraße dritter Ordnung, die Reiseenduros sind zuerst besetzt. Die Gründe dafür sind hier, wo es weder um Prestige noch um beinharten Wettkampf geht und niemand schneller sein muss als der andere, rasch benannt. Der mit Abstand wichtigste: die relaxte Sitzposition, die selbst Sport- und Chopperfreaks nach ein paar Hundert Kilometern im Sattel zu schätzen wissen. Dazu kommt die Eigenschaft dieser Fahrzeuggattung, schon auf den ersten Metern Vertrauen aufzubauen. Während man sich beim Umstieg von der Victory auf die KTM oder der Kawasaki Z 1000 auf die Aprilia jedes Mal wieder auf die Neue einschießen muss. Diese moderat bereiften, komfortabel gefederten und ordentlich motorisierten Allrounder passen auf jede Straße und zu jedem Fahrer. Eine Eigenschaft übrigens, die ebenso auf den jüngsten Neuzugang im Dauertestfuhrpark, die Honda CBR 600 F, zutrifft. Auch auf ihr sitzt es sich gelassen, fährt es sich neutral. Den Komfort der Reiseenduros kann sie jedoch nicht bieten, den Druck aus dem Drehzahlkeller erst recht nicht.
Es ist bereits dunkel, als wir Gut Riedelsbach erreichen. Der Gastraum ist voll, Bernhard Sitter empfängt uns in Arbeitskleidung. Das heißt bei ihm: knielange Lederhose, Weste mit unzähligen Stickern, Holzschuhe mit unterschiedlichem Fellbesatz, barfuß. Immer, auch im Winter und auch auf dem Motorrad, darauf legt er Wert. Sein Motorrad - das ist neben einer altgedienten Honda Varadero neuerdings auch eine fette Triumph Rocket. Sein Händler sei gut, und irgendwie passe dieses Bike zu ihm, oder? Wir schauen ihn an, schauen uns an, nicken. Etwas anderes als ein 2,3-Liter-Gerät kam für diesen Mann ganz gewiss nicht infrage.
Ein anderer Job vermutlich auch nicht. Sitter braut Bier, gutes Bier. Sitter Bräu, in der eigenen Brauerei in homöopathischen Dosen. Dunkles, Blondes, Pils - jedem das Seine, alles frisch, denn das Bier aus Hausbrauereien, erläutert Sitter, sei keine Konserve und nur wenige Wochen haltbar, während das Bier der Großbrauereien durch entsprechende Abfülltechnologie zwischen sechs Monaten und einem Jahr genießbar bleibe. Daher müsse sein Gebräu möglichst umgehend verköstigt werden, erklärt der Chef. Okay, verstanden, wir helfen mit.
Am nächsten Morgen sind trotzdem alle auf. Sitter und seine Rocket sind zum Start bereit. Textilhose, Softshell-Jacke, die nackten Füße in zweifarbigen Holzschuhen. Erst zum Tanken nach Österreich (die Aprilia läuft schon wieder seit geraumer Zeit auf Reserve), dann durch den Mühlkreis hin-über nach Tschechien in den Böhmerwald, entlang am Moldaustausee, auf der anderen Seite zurück, hinauf nach Krumau - und retour. Die Aprilia erschreckt mit ihrem Startgebrüll die Kühe und weckt die übri-gen Gäste, die Kawa plärrt mit erhöhtem Standgas vor sich hin, der Ducati-Anlasser würgt bei der Kälte noch mühevoller die Kolben über den oberen Totpunkt, und das Getriebe der Victory gibt Schläge von sich, die den Bayerischen Wald erschüttern. Kawa (nachgerüstet), Triumph und Yamaha heizen die Fahrerhände per Heizgriff auf, für die Supersportreifen der RSV4 R wünscht man sich Heizdecken. Der Bierfachmann voraus gibt mächtig an, nutzt seine Streckenkenntnis, doch David klebt ihm mit der kleinen KTM tapfer am Hinterrad. Nur nicht den Schwung verlieren.
Hier, im Grenzgebiet, prallten vor gar nicht langer Zeit noch Systeme und Weltanschauungen aufeinander, was sich auch in der Besiedlung widerspiegelt. Das westliche Seeufer des Moldaustausees, nahe der alten Grenzanlagen, ist fast unbewohnt, die andere Seite ist ein tschechisches Ferienparadies. Immer wieder biegt unser Tourguide von den Hauptverkehrswegen ab, kennt kleine und kleinste Straßen, führt uns zu Ecken, die wir nie gefunden hätten. Und verabschiedet sich an der Staumauer des Sees, während wir noch den reizvollen Trip über Krumau machen und dann über Strazny im Nordwesten nach Riedelsbach zurückkehren.
Am Abend dann nach einer kleinen Abhandlung über Bier (siehe Kasten rechts) eine Führung durchs hauseigene Privatmuseum, bevor die zusehends promillelastigere Diskussion beinahe zwangsläufig in zweirädrigen Weltanschauungen mündet. Markus, der Fotograf und Hobby-Crosser, war zum ersten Mal seit Jahren wieder auf einem Supersportler unterwegs - und kam mit der Aprilia überhaupt nicht klar. „Das braucht kein Mensch!“, schimpft er über deren vermeintliche Schwächen wie das straffe Fahrwerk, die sportliche Sitzposition und das Soundgewitter des 1000er-V4. Die anderen lachen, denn trotz des gemächlichen Tempos trieb Markus das Feld tapfer vor sich her. Der Autor hingegen verzweifelt wie immer am Kampf mit den Victory-Macken. Die schwergängige Kupplung, die brutalen Getriebeschläge, die Störrigkeit der Hammer-Heckpartie, die weiten Bögen, da-zu Dunkelheit und Kuhfladen - das muss man wirklich mögen. Wie Fuhrparkleiter Rainer, der diesen Kampf immer wieder gern mit einem diebischen Grinsen aufnimmt und ihn in der Regel auch gewinnt. „Das ist eben ein Männermotorrad“, tönt es bierselig aus seiner Ecke, „damit fahre ich euch alle in Grund und Boden! Handling, Komfort, Zielgenauigkeit - das ist doch was für Kinder!“
Die anderen lachen. Aber sie wissen auch: Der meint das ernst. Immer wenn die Victory frei wurde, war Rainer nicht weit. Auf die Aprilia musste er gezwungen werden. Genau wie Stefan, der dafür gerne auf die rot-weiße Kawasaki Z 1000 stieg. Den druckvollen Motor in Kombination mit der kurzen Übersetzung lobte, vor allem aber den aufgezogene Michelin Pilot Road 3, der aus einer bisweilen störrischen Zicke eine geschmeidige Kurven-Queen macht. „Das lenkt jetzt superleicht und präzise ein“, schwärmt Stefan, „und hält dann messerscharf die Linie.“
„Aber das kann die KTM doch noch viel besser“, wirft David, der Gaststarter, ein. „Also mir hat das heute auf der Kleinen richtig Spaß gemacht. Vor der Meute herhetzen, mit viel Schwung in die Ecken stechen. Ich will doch was erleben!“ „Na klar“, gibt Cheftester Karsten zu bedenken. „Hier und heute, in diesem bunten Feld. Aber stell dir mal vor, du hast so ein Ding. Jeden Tag, zu Hause, auf dem Weg zur Arbeit, sonntags auf der Hausstrecke. Dann willst du doch einfach mal Gas geben können. So wie auf der Ducati, wo es richtig vorwärtsgeht. Oder wenigstens so wie auf der Honda!“
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Betretenes Schweigen. Die Honda, genau. In all den Debatten unterwegs und auch hier am Tisch spielte das jüngste Kind im Dauertestfuhrpark nie eine Rolle. Fuhr immer mit, war immer da, fiel niemals auf. „Nicht einmal dem, der draufsaß“, sagt Karsten. „Weil sie alles kann, alles macht, einfach gut ist. Und kaputtgehen wird die garantiert auch nicht. Was will man mehr?“ „Etwas erleben vielleicht?“, tönt es aus der Runde. Die Fronten stehen, die Debatte spitzt sich zu. Acht Fahrer, neun Meinungen. Bernhard bringt neues Bier - und einen Vorschlag mit: „Stimmts doch ab, anonym. Jeder nennt die drei Motorräder, die ihm heute am meisten Spaß gemacht haben. Für die Plätze gibt es Punkte - und am Ende einen Sieger.“ Er lacht: „In dieser Hinsicht seid ihr doch Profis. Tut ihr doch sonst auch immer!“
Der Mann hat recht. Die Zettel werden gezückt, es wird aufgeschrieben, durchgestrichen, nochmals revidiert. Am Ende ein klares Ergebnis: Die Yamaha gewinnt mit Abstand (14 Punkte) vor Ducati (9) und Triumph (8). Drei Reiseenduros auf den ersten drei Plätzen. Ein absolut nachvollziehbares Ergebnis. „Und morgen geht es nach Österreich zur Brauerei Hofstetten“, verspricht Bernhard. „Hinab ins Donautal und wieder hinauf, mit reichlich Kurven und reichlich Spaß für alle.“ Darauf trinken wir! Prost!