18.08.2011 Von: Rolf Henniges
Erschienen in: 18/ 2011 MOTORRAD

Dauertest-Zwischenbilanz Victory Hammer S Der Cruiser im Dauertest

Victory - die amerikanische Firma tauchte 1998 quasi aus dem Nichts auf und produziert Cruiser. Seit 2009 sind die Modelle auch in Deutschland erhältlich. Die Hammer S ist das erste Bike, das sich im harten MOTORRAD-Dauertest bewähren muss.
In diesem Artikel: Victory Hammer S

Victory-Hammer-S (jpg)

Die Victory-Hammer-S.  

Foto:Gargolov  

Es ist Montag, der 19. Oktober 2009, als die Victory Hammer S mit einem Kilometerstand von 1229 ihren ersten Arbeitstag als Dauertestmotorrad der Redaktion antritt. Nach nur 100 Kilometern findet sich folgender Eintrag im Fahrtenbuch: „Was für ein cooler Ofen! Wenn die Technik hält: kaufen!“

Was auf der einen Seite fast wie ein Geheimtipp für den Aktienkauf klingt, ist Skepsis auf der anderen. Denn selbst dieser Tage haben nicht wenige Neuentwicklungen mit Kinderkrankheiten zu kämpfen, wie die MOTORRAD-Dauertests beweisen. Und im Gegensatz zur zweirädrigen US-Konkurrenz blickt der Hersteller auf derzeit nur 13 Jahre Existenz zurück. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der luftgekühlte 50-Grad-V-Motor mit seinen obenliegenden Nockenwellen und vier Ventilen pro Zylinder im Gegensatz zu den luft-gekühlten Harley-Modellen wesentlich moderner ausfällt. Aber ob er auch hält? Wer japanisch-flutschige Getriebe mit kurzen Wegen und geräuschloses Zueinanderfinden der Zahnradpaare gewohnt ist, verwettet sein Haus dagegen. Einträge wie „Wetten, das Getriebe fliegt uns bald um die Ohren“ oder „Leerlauffindung praktisch unmöglich“ und „Kupplung eine Katastrophe“ mehren sich in den ersten Monaten. In der Tat ist das Einlegen des Leerlaufs bei betriebswarmem Motor vor einer Ampel fast schon schwieriger als die Vorhersage der Lottozahlen. Victory hat dies auch erkannt und gehandelt: Ab Baujahr 2011 arbeitet in allen Modellen ein völlig neu gezeichnetes Getriebe mit reduzierten Zahnradgeräuschen, schräg verzahnten Rädern, geänderten Lagern und völlig neuem Gehäuse. Zusätzlich sorgt ein Sperrmechanismus dafür, dass man im Stillstand nicht mehr vom ersten in den zweiten Gang, sondern nur noch in den Leerlauf schalten kann.

Auf eine weitere Besonderheit der Maschine weist Fuhrparkleiter Rainer Froberg durch einen Warnhinweis hin, den er gut sichtbar auf den Tank geklebt hat: „Achtung! Fährt mit ausgeklapptem Seitenständer los!“ Eingefleischte Biker kennen diesen Zustand von älteren Bikes und auch die davon ausgehende Gefahr. Ein nicht eingeklappter Seitenständer kann das Motorrad bei der nächsten Kurve aushebeln, die Sturzgefahr ist riesengroß. Bei den meisten modernen Bikes unterbricht deshalb ein Killschalter die Zündung, sobald man den ersten Gang reinklickt und der Seitenständer noch ausgeklappt ist. Oder eine Federkonstruktion sorgt dafür, dass der Ständer sofort hochschnellt, wenn das Motorrad in die Senkrechte gestellt wird. Bei der Hammer S hat Victory das Problem mit einer Art Gummischuh um den Fuß des Ständers gelöst, der ihn bei Bewegung in Fahrtrichtung automatisch einklappen soll. In einem Begleitschreiben heißt es: „Dies entspricht der Richtlinie EWG 93/31 in der Fassung vom 14.06.1993.“

Und so sammelt das amerikanische Muscle-Bike schon in den ersten Monaten fleißig Kilometer und gewinnt auch Fans in der Redaktion. Denn sicherlich ist der verbaute 250er-Schlappen hinten nicht die erste Wahl für die schnelle Hatz über den Handling-Parcours, fürs Posen jedoch der Hit. „Mit dem Bike bist du der King auf jedem Bikertreff“, notiert ein Kollege. Fahrer, die sich an das Eigenlenkverhalten des breiten Hinterreifens gewöhnt haben, schwärmen über die für Bikes dieser Art überraschend große Schräglagenfreiheit und die Stabilität. Auch die 90 PS und 140 Newtonmeter des Antriebs ernten durch die Bank nur Lob. „Druck in allen Lebens-lagen“, heißt es da, oder „only good vibrations“. Auf das von einigen Fahrern monierte starke Lastwechselverhalten hat Victory ebenfalls schon reagiert: Auch hier flossen ab Modelljahr 2011 Maßnahmen in die Serie ein, die das Spiel im Antriebsstrang drastisch reduzieren.

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Victory  Hammer S  Cruiser  Dauertest 

Ein helles Tickern aus dem Motor verunsichert bei Kilometerstand 9545 einige Fahrer, zeitgleich flackert die Motorkontrollleuchte ab und zu. Kurze Zeit später springt die Hammer nicht mehr an - Batterie leer. Diese wird geladen, knickt aber schon nach kurzer Zeit wieder ein. Das Motorrad landet in der Werkstatt, auf der Suche nach dem mysteriösen Tickern wird der Motor geöffnet. Doch der ist tadellos in Schuss, als Ursache des Nebengeräusches wird der Regler identifiziert (siehe Kasten oben) und gegen einen neuen getauscht. Auch dieser Tauschregler streicht bei Kilometerstand 23051 die Segel. In einer Stellungnahme von Victory räumt der Hersteller Qualitätsprobleme ein. Mittlerweile haben die Amis den Zulieferer dieser Bauteile gewechselt. Die neuen Regler, die ab Modelljahr 2011 eingebaut werden, sollen störungsfrei arbeiten.

Bis auf die beschriebene Schwachstelle sonnt sich das Muscle-Bike jedoch im Licht seines Auftritts. Neben dem recht verhaltenen Sound ist die bescheidene Soziustauglichkeit der Hammer die einzig echte Schwäche des Bikes: Die Beine des Beifahrers sind arg angewinkelt, seine Füße müssen die Bewegungen der an der Schwinge verschraubten Rasten mitmachen, von Sitzkomfort kann keine Rede sein, und bei Nässe schleudert der Hinterreifen Schmutz zielgenau auf den Soziusrücken. „Wer das nicht abkann, soll BMW fahren“, notierte ein Kollege hinter diesbezügliche Fahrtenbuchklagen. Ein ungewollter Bodenkontakt bei Kilometerstand 22931 führt dazu, dass Teile im Wert von rund 1100 Euro ausgetauscht werden müssen. Und ebenso, wie der Mörder in Krimis meist Gärtner ist, entpuppt sich der Sturzfahrer als Praktikant. Nein, kein Witz.

Insgesamt halten sich die Kosten in Grenzen. Für die alle 8000 Kilometer anstehende Inspektion verlangte der Händler pro Termin rund 250 Euro, der Durchschnittsverbrauch lag auf der Gesamtdistanz bei 6,2 Litern/100 km. An Verschleißteilen mussten bei Kilometer 16736 lediglich die vorderen Bremsbeläge gewechselt werden (125 Euro), ein loses Lenkkopflager wurde bei 27876 km nachgezogen. Es hätte auch anders kommen können. Zumindest bis jetzt wird der eingangs zitierte Kollege die Kaufempfehlung bedenkenlos wiederholen


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