Produkttest: MotorradjeansMotorradjeans im Vergleichs- und Sturztest
Jeans auf dem Motorrad - das ist lässig, das ist locker. Was passiert aber bei einem unfreiwilligen Asphaltkontakt? Kommt man dann mit ein paar blauen Flecken davon? 13 Hosen und fünf Jacken machten für MOTORRAD einen Abflug.
Armer Svenni. Bei Tempo 80 haut es ihn vom Motorrad, die Knie schlagen hart auf, rumms, er versucht sich vergeblich abzustützen, knallt dann mit dem Helmvisier auf den Asphalt, schleift auf dem Bauch ein paar Meter, wird auf die Seite geworfen, Fetzen fliegen, und erst nach einer Rutschpartie von mehr als 25 Metern bleibt er in einer Wolke aus Flusen und Staub regungslos liegen. Die Helfer kommen herbeigelaufen und drehen den Verunfallten auf den Rücken. Svenni hat einen knallharten Job, den sonst keiner machen will. Er ist unbestimmten Alters, zirka 1,75 Meter groß, 90 Kilogramm schwer, eher ein schweigsamer Typ. Svenni ist Crashtest-Dummy. Eine Leihgabe der Dekra und sehr wertvoll für den großen MOTORRAD-Jeanstest, weil Svenni stürzen kann bis zum Abwinken. Normale, lebendige Testfahrer versuchen dies natürlich zu vermeiden. Und Fahrten unter südfranzösischer Sonne, um Passform und Tragekomfort zu überprüfen, sind im Vergleich zu Svennis Einsatz ein Zuckerschlecken. Genau wie die Alltagswertung der Textilien.
Im Endeffekt interessiert aber in erster Linie dies: Wie viel Sicherheit bietet die Klamotte beim Sturz? Und ohne Crashtest-Svenni, der von einer vom ADAC entwickelten Motorrad-Abwurfeinrichtung (siehe Foto-Show) in Richtung Asphalt katapultiert wurde, wäre diese Frage kaum zu beantworten. Doch zurück zum Anfang. Warum dieser Test? Nicht nur innerhalb der Redaktion ist das Thema "Jeans auf dem Motorrad" umstritten. Nur zu gerne lässt man mal seine komplette Ausrüstung links liegen und schlüpft mal eben in "my old jeans", um in die City oder zum Baggersee zu cruisen. Stichwort Cruiser: Bestimmte Typen lehnen technische Motorradbekleidung grundsätzlich als unmodisch ab und machen deshalb blau in Sachen Sicherheitsausrüstung. Die Ausstatter bieten mittlerweile jedoch eine Vielzahl an speziellen Motorradjeans mit Protektoren (beziehungsweise Nachrüstmöglichkeiten) und Verstärkungen durch Kevlar (Aramid) als bessere Wahl zur herkömmlichen Modejeans an. Die teuerste Hose im Test, Esquad Strong, kostet inklusive Protektoren beinahe 400 Euro.
Eine stolze Summe, zumal die günstigste, Icon Victory, nur einen Bruchteil dieses Preises teuer, ebenfalls in der Liga der Motorradbekleidung mitspielen möchte, auch wenn sie auf den ersten Blick kaum von einer normalen Jeans zu unterscheiden ist. Und auch bei den vorgestellten Jacken wurden große Unterschiede deutlich - nicht nur beim Preis. Der Käufer hat also zu unterscheiden und zu entscheiden. Deshalb dieser Test, der neben dem Sicherheitsaspekt aber auch andere Fragen klären soll: Wie lässt es sich mit dem blauen Stoff auf Tour gehen, wie einfach sind die Kleidungsstücke in der Handhabung? Stören beim Einkaufen oder dem Altstadtbummel die Protektoren, oder kommt man aufgrund von Materialdoppelungen im Sommer gar ins Schwitzen? Der Coolness-Faktor wurde übrigens ganz bewusst aus der Bewertung ausgeblendet, denn ob ein Schnitt als "baggy" oder "slim-fit", die Waschung als "vintage" oder "raw" gefällt, sollte Geschmackssache bleiben.
Die Verarbeitung wiederum gilt als hartes Testkriterium und beeinflusst die Gesamtnote. Noch mal zum Abwurftest (siehe einzelne Ergebnisse bei den Produkten): Er lieferte wichtige Hinweise auf den Schutz beim Sturz, kann jedoch keine schlussendliche Wahrheit liefern. Die Abwürfe erfolgten zwar immer aus 80 km/h an gleicher Stelle, der Dummy fiel und rutschte aber jedes Mal etwas unterschiedlich. Bei der Bewertung vom Abriebmuster und dem Grad der Zerstörung wurde dies dementsprechend berücksichtigt. Genau wie der Sitz der Protektoren, der schon zuvor bei den Fahrtests auf den Prüfstein gestellt wurde. Florian Schueler, Unfallanalytiker von der Universität Heidelberg, unterstreicht gerade diesen Aspekt: "Sind Protektoren vorhanden und bleiben sie beim Sturz auch an der Stelle, wo sie hingehören? Ist das nicht der Fall, fehlt die wichtigste Schutzfunktion."
Der Forscher erklärt, warum. So genannte Abrasions-Verletzungen, auf Deutsch: Abschürfungen, seien zwar sehr unangenehm, aber selten lebensgefährlich wie die vielen Verletzungen, die durch Anprallen an Kanten, Pfosten oder Felsen entstünden. Und eben nur geprüfte Protektoren - wohlgemerkt: gut sitzende - böten bei diesem Horrorszenario den besten Schutz. So ganz ohne sind Abschürfungen dennoch nicht. Je nach Beschaffenheit des Asphalts (rau, glatt, Rollsplit usw.) und betroffenen Körperstellen können bei einer Rutschpartie von mehreren Metern zunächst die Haut, dann Muskeln und Gewebe und sogar Arterien und Venen im Mitleidenschaft gezogen werden.
Im Extremfall droht ein starker Blutverlust, und es können sogar Knochen abschleifen. Nicht gerade lecker. Und in der Folge des Unfalls sind, zwar eher selten, Komplikationen bei der Heilung möglich.So etwa beim Gasbrand, einer schweren Wundinfektion. Bestimmte Bakterien der Gattung Clostridium bilden Gifte (Toxine), die das Absterben von Gewebe verbunden mit einer Gasbildung bewirken. Die Toxine schwemmen mit dem Blutstrom aus - innerhalb weniger Stunden kann daraus eine lebensbedrohliche Situation erwachsen. Unfallforscher Schueler warnt deshalb: "Mit normaler Jeans zu fahren, ist wie nackt sein. Der Stoff ist doch sofort durch." Die nach dem MOTORRAD-Abwurftest übel zerfetzte Modejeans für 19,90 Euro gibt Schueler Recht.
Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, Jeans seien grundsätzlich schlecht, und normale Motorradbekleidung schütze einen vor einer im wahrsten Sinne bösen Abreibung, wäre falsch. Im Test zeigte sich nämlich, dass eine einlagige Motorrad-Textilhose aus eigentlich abriebfestem Cordura (Polyamid) ein katastrophales Ergebnis einfuhr, und auch eine etwas ergraute Lederkombi sah nach dem Abwurf nicht unbedingt besser aus als die meisten getesteten Jeansjacken und -hosen. Einige der Jeans machten nach dem Crashtest hingegen einen munteren Eindruck und gingen noch als trendige Buxe mit dezentem Loch-Design durch.
Hans-Peter Fleischmann von den Hohenstein Instituten in Bönnigheim (Textil-Forschungseinrichtung) wundert das kaum: "Jeans wurden ursprünglich als Arbeitsbekleidung getragen, müssen also von Haus aus viel wegstecken können." Jeans, genauer gesagt: Denimstoffe (von "Serge de Nîmes", Gewebe aus der französischen Stadt Nîmes) bestehen aus einem so genannten Köpergewebe, das besonders fest ist. Ihre gute Strapazierfähigkeit erhalten sie durch die Verwendung schwerer Garne. "Das ist richtig viel Material", erklärt der Bekleidungsexperte, weist jedoch darauf hin, dass die Qualität nicht nur von der Schwere des Gewebes (in Unzen gemessen) abhängt, sondern maßgeblich von der Güte der Baumwolle. Fleischmann: "Je länger die Fasern, desto bessere Garne lassen sich herstellen. Das Problem: Mit bloßem Auge kann man das kaum erkennen."
Der Test zeigte außerdem, dass Materialdoppelungen beim Abrieb eine entscheidende Rolle spielen. Resümee: Feste, dicke Denim-Stoffe, überstehen bei guter Verarbeitung selbst derbe Stürze vergleichsweise gut. Während einer Rutschphase aus rund 100 km/h kann an der Kleidung durch Reibhitze punktuell eine Temperatur von über 200 Grad Celsius entstehen, bei der Kunstfasern aus Polyamid und Polyester zu sich in die Haut brennenden Rückständen verschmelzen. Baumwollfasern hingegen verflocken dabei wie abfackelndes Papier - lösen sich gleichsam in Luft auf -, und die im Idealfall unterlegten Gewebe aus Aramidfasern verkohlen erst ab rund 400 Grad.
Im Ernstfall würden die Verletzungen dann wohl geringer ausfallen als bei vielen preislich vergleichbaren Motorrad-Textilanzügen ohne zusätzlichen Kevlarschutz. Motorrad-Jeansbekleidung kann jedoch nicht eine eng sitzende, hochwertige Lederkombi ersetzen. Und auch körpernah geschnittene Highend-Textilkombis mit vielen Einstellmöglichkeiten, Materialdoppelungen und an Sturzzonen sehr abriebfesten Geweben wie Cordura 1000 oder Schoeller dynatec beziehungsweise Lederbesatz werden von den "Blaumännern" wohl ebenfalls nicht übertrumpft. Motorrad-Jeanshosen und -jacken sind und bleiben ein Kompromiss. Gerade im Sommer jedoch ein ziemlich guter, weil man nicht verschwitzt und überhitzt unterwegs ist - der aktiven Sicherheit des Fahrers tut das sicherlich gut. Svenni wurde trotz vollen Körpereinsatzes für seine Verhältnisse übrigens gesund und munter wieder in die Kiste gepackt. Nach mehr als 20 Bodenkontakten auf hartem Flugfeld-Asphalt blieben nur ein paar Kratzer zurück. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass man, selbst mit besten Motorradjeans bekleidet, derartige Schlitterpartien besser Profis mit ersetzbarer Gummihaut überlassen sollte.
Zum Test der Jeansjacken geht's hier lang:
Produkttest: Motorrad-Jeansjacken
Leserkommentare ()
|
YOKO Textil Hose Normalpreis: 279 € nur 66,00 € Ersparnis: 76% |
|
Thunder MX Hose Normalpreis: 139 € nur 44,00 € Ersparnis: 68% |
|
Freestyle Hose Normalpreis: 139 € nur 44,00 € Ersparnis: 68% |
|
CB Sport MX Hose Normalpreis: 119 € nur 44,00 € Ersparnis: 63% |
|
ProGrip Hose TopL... Normalpreis: 179 € nur 89,00 € Ersparnis: 50% |
7993 Helme im Angebot
3423 Textiljacken im Angebot
2947 Handschuhe im Angebot








