24.04.2007 Von: Andreas Schulz Erschienen in: 10/2007
MOTORRAD

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Die deutschen Motorradweltmeister 2006
Driftgelehrte

Die sind quer auf Zack: Robert Barth und Bernd Hiemer, die aktuellen deutschen Weltmeister der Motorrad-Driftsportarten Langbahn und Supermoto. Gibt es einen Grund dafür, dass deutsche Drifter dominieren? MOTORRAD lud die Meister ihres Fachs zum interdisziplinären Erfahrungsaustausch.
In diesem Artikel: KTM 450 SX-FJawa GM Langbahnmotorrad

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Deutsche Drifter sind gerne schräg drauf: Robert Barth und Bernd Hiemer in Aktion.

Motorradweltmeister aus Deutschland, noch dazu solche, die ihren Titel ganz frisch gewonnen haben, sind in den letzten Jahren rar geworden. Verlass war in der jüngeren Vergangenheit immer nur auf Robert Barth, Sandbahn-Champion 2002, 2003, 2005 und 2006. Doch Barth, laut Eintrag auf seiner Internet-Homepage »weit über 30« Jahre alt, verabschiedete sich mit dem Gewinn des letzten Titels offiziell von der Jagd nach WM-Punkten – nach 20 Jahren im Sattel von Bahn-Rennmaschinen.
Da darf es als glückliche Fügung gelten, dass pünktlich zu Barths ehrenvollem Abgang einer die Bühne betritt, der bereit ist, den Stab zu übernehmen. Bernd Hiemer, 24 Jahre, gewann 2006 seinen ersten Weltmeistertitel in der Supermoto-S1-Klasse, in der 450-cm-Viertakter dominieren. Die WM-Saison 2007 wird er als einziger KTM-Werksfahrer auf einem Prototypen der Österreicher bestreiten.

Ein Zufall, dass die beiden amtierenden deutschen Motorrad-Weltmeister in Sportarten glänzen, bei denen gekonnt inszenierte Hinterraddrifts zum kleinen Einmaleins des Erfolgs gehören? Dass beide in Memmingen im Allgäu auf die Welt kamen? Und wenn es kein Zufall ist, wenn vielmehr das süddeutsche Großklima oder sonst ein lokal begrenztes Phänomen die Entwicklung von Driftboys fördert – dann müssten die beiden ja auch mit dem Sportgerät des Kollegen auf Anhieb gut zurechtkommen.

MOTORRAD wollte es wissen und bat die Champions zur Probe aufs Exempel. Im Landshuter Speedway-Stadion sollte Bernd Hiemer auf der 390-Meter-Sandbahn zeigen, was er mit Robert Barths Jawa-GM anzufangen weiß. Die Kart- und Supermoto-Piste in Garching sollte enthüllen, wie Barth sich auf Hiemers KTM SX-F 450 SM anstellt.
Im Vorgespräch von Weltmeister zu Weltmeister stellt sich schnell heraus, dass Bahn- und Supermotosport durchaus Gemeinsamkeiten haben. Driften gehört zum Handwerk, die Motorräder werden von Einzylinder-Viertaktern mit rund einem halben Liter Hubraum befeuert und leisten zwischen 70 und 75 PS. Auf entsprechenden Rennstrecken erreichen beide Maschinen um 200 km/h Topspeed.

Doch das war’s dann auch schon mit der Vergleichbarkeit, die Gegenüberstellung der Motorräder zeigt es überdeutlich. Hier das riesige 23-Zoll-Vorderrad mit dem mickrig scheinenden 2.75er-Stollenreifen des Bahnsportlers, dort, an der Supermoto, ein profilloser
Niederquerschnitts-Slick der Dimension 125/80 auf einer 16.5-Zoll-Felge –wie bei Rossis Grand-Prix-Werks-Yamaha. Auch die radial verschraubte Brembo-Bremszange nebst Radialpumpe an Hiemers KTM hat Grand-Prix-Format.

Am Speedway-Motorrad ist von Bremsen weit und breit nichts zu sehen, auch ein Getriebe ist überflüssig. An Bord der Supermoto-KTM wird der versierte Bahnreisende Barth ungewohnte Entscheidungen treffen müssen – bezüglich der Wahl der passenden Gangstufe oder des dosierten Einsatzes der Bremse zum richtigen Zeitpunkt etwa. Bernd Hiemer muss bei seinem Seitensprung ins Bahngewerbe in diesen Dingen logischerweise Verzicht üben. »Geschwindigkeit nehme ich raus, indem ich das Motorrad am Ende der kurzen Geraden zum Driften bringe«, erklärt der 38-Jährige die Feinheiten seines Metiers. Und: »Je mehr Gas ich dabei gebe, desto mehr stellt sich die Maschine quer – dann geht auch das Wackeln weg.«

Schon nach wenigen Runden sieht es ganz manierlich aus, was »Asphaltsurfer« – so sein Spitzname – Hiemer auf der Sandbahn vorführt. »Lass den mal 30, 40 Runden probieren…«, meint Barth denn auch anerkennend, um die Darbietung des Kollegen sogleich ins rechte Licht zu rücken: »Er sitzt, hat das ganze Gewicht auf dem Sattel. Er sollte eigentlich in der Raste stehen.« Bernd Hiemer hat trotzdem seinen Spaß. »Das Driftgefühl ist völlig anders«, konstatiert er nach seiner Probefahrt, »hier muss ich den Drift mit dem Gasgriff einleiten, beim Supermoto löse ich ihn dadurch aus, dass ich das Hinterrad stärker als das Vorderrad abbremse.«

Part zwei des weltmeisterlichen Erfahrungsaustauschs findet auf einer Kart-Piste in Garching statt. Robert Barth quält sich in die ungewohnten, schweren Supermoto-Stiefel, dann gibt es kein Halten mehr. 30 Minuten Fahrzeit sind angesetzt, das entspricht der Renndistanz eines WM-Laufs. Das strengt auch Profis ordentlich an, wie Bernd Hiemers Bruder Dani bestätigte, der – selbst aktiver, wenn auch derzeit verletzt pausierender Supermoto-Sportler – Barths Einsatz beobachtet. Selbstverständlich ist Dani im Besitz eines Handys mit Stoppuhr-Funktion. Mit 49,2 Sekunden registriert er eine der schnellsten Barth-Runden, seine eigene Bestzeit in Garching liegt bei 43,2 Sekunden.

Eine Differenz, ob der sich der Langbahn-Champion keine grauen Haare wachsen lassen will, eher nimmt er sie als Ansporn für künftige Supermoto-Aktivitäten. Wie erwartet bereitete das Anbremsen der Kurven die meisten Probleme: »Einmal hat am Ende der Geraden das Hinterrad abgehoben – da ging mir schon die Pumpe«, gesteht Barth freimütig, »außerdem hatte ich dauernd damit zu tun, meine Beine irgendwie unterzubringen.« Trotzdem findet er seinen Erstkontakt mit der Supermoto-Werks-KTM »echt cool«.

Er wird dem Bahnsport erhalten bleiben, zunächst als Trainer der Landshuter Speedway-Bundesliga-Mannschaft, irgendwann vielleicht im Bereich der Nachwuchs-Förderung. »Weltmeister mit 38 Jahren wird es nicht mehr geben«, ist er sich sicher, »die Jüngsten fangen ja heute schon mit sieben Jahren an, während die Einsteiger zu meiner Zeit 17 waren.« Das wirft die Frage auf, welchen Zeithorizont Bernd Hiemer für seine Karriere im Supermoto-Sport sieht. Der verweist – wer wollte es ihm übel nehmen – Gedanken ans Karriereende in weite Ferne: »Weltmeister mit 38? Warum nicht. Schaut doch Kurt Nicoll an.« Der ehemalige britische Spitzen-Crosser und derzeitige Renndirektor von KTM Amerika holte sich in den USA 2004 einen nationalen Supermoto-Meistertitel. Zur Feier seines 40. Geburtstags.




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