04.02.2010 Von: Peter Mayer Erschienen in: 04/2010
MOTORRAD

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Vergleichstest: BMW, Honda, KTM und Triumph
Reiseenduros im Vergleich

Wer das Weite sucht, wird die GS finden. Diesem ungeschriebenen Gesetz aller Fernreisenden will BMW nun noch mehr Gültigkeit verleihen. Muss nun die Konkurrenz nach der jüngsten Überarbeitung des Boxers das Weite suchen?
In diesem Artikel: KTM 990 AdventureBMW R 1200 GSTriumph TigerHonda Varadero 1000

Bild 01 BMW R 1200 GS, Honda Varadero 1000, KTM 990 Adventure, Triumph Tiger vor Burg Ruine (jpg)
Historische Kulisse. Mit den vier Enduros ist der Ritt durchs Gelände zu entlegenen kulturellen Schauplätzen kein Problem.

Al-Andalus, das gelobte Land, so nannten die Mauren vor 1200 Jahren diesen Landstrich. Verständlich, schließlich trafen die aus Nordafrika stammenden Einwanderer am südlichen Zipfel der iberischen Halbinsel auf eine seltene, sehr angenehme Kombination: den aus Spaniens höchster Gebirgskette, der Sierra Nevada, gespeisten Wasserreichtum und ein ganzjährig mildes Klima.

Die Begeisterung der gebildeten und kultivierten Mauren, die im 16. Jahrhundert von den Spaniern schändlich vertrieben wurden, können wir nachvollziehen. 19 Grad zeigt das Display der BMW R 1200 GS an. Morgens um 11 Uhr, Ende Januar. Andalusien, ein gelobtes Land - auch für Motorradfahrer.

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Die Rückspiegel der BMW füllen die Scheinwerfer der Honda Varadero Travel Edition (mit Koffersatz, Topcase, Griffheizung und Hauptständer), der KTM 990 Adventure und der Triumph Tiger Sonder Edition (mit Seitenkoffern). Als wollten sie demonstrativ kundtun: Wir bleiben dran. Was ihnen zumindest in den Verkaufsstatistiken bislang nicht gelungen ist.

 

Während die Bayerin seit dem Jahr 2005 Deutschlands Motorrad-Zulassungsstatistik ununterbrochen anführt, blieben die Triumph (Platz 52), die Honda (Platz 72) und die KTM (Platz 75) auch in der vergangenen Saison nur flüssig gesteckte Schikanen auf der Erfolgsspur der GS. Und die Verfolgung wird auch in diesem Jahr nicht leichter. BMW hat nachgelegt, der Marktführerin den Zylinderkopf der HP2 Sport mit zwei oben liegenden Nockenwellen und vier radial angeordneten Ventilen, ein größeres Ansaugrohr sowie einen geänderten Schalldämpfer mit Auspuffklappe spendiert. KTM hat die Adventure bereits 2009 aufgerüstet, ihr eine höhere Leistung eingehaucht (von MOTORRAD gemessene 105 PS statt 98 PS des 2008er-Modells) und mehr Laufkultur durch überarbeitete Zylinderköpfe, neue Nockenwellen, Pleuel, Kolben, zwei Drosselklappen pro Zylinder sowie die Schalldämpfer der 990er-Supermoto.

 Triumph: Alle News, Tests und Foto-Show
 KTM: alle News, Tests und Foto-Shows
 BMW: alle News, Tests und Foto-Shows
 Honda: alle News, Tests und Foto-Shows

Zwei Jahre früher, 2007, haben die Triumph-Ingenieure Hand an die Tiger gelegt. Zurückhaltend ausgedrückt. Mit neu konzipiertem Alu-Rahmen, völlig überarbeiteter Peripherie und 17-Zoll-Rädern konvertierte die Britin geradezu, ist seitdem eher tourentaugliches Funbike denn Reiseenduro. Ihrer Tradition treu bleibt stattdessen die Honda Varadero. Die letzte nennenswerte Überarbeitung des Evergreens mit der Umstellung auf Einspritzung, Sechsganggetriebe und verstellbarer Scheibe datiert auf 2003.

Al-Andalus - gelobt sei sogar diese Straße, die sich vom Küstenstädtchen Mojácar in Richtung Tabernas windet. Weite Bögen, enge Radien, griffiger Asphalt, kaum Verkehr - eine traumhafte Mischung. Wer denkt da noch an die Erstbesteigung des Quartetts am Morgen vor dem Hotel? 850 Millimeter Sitzhöhe wollen erst erklommen, mehr als 240 Kilogramm Gesamtgewicht in der Balance gehalten werden. Vergessen? Nur zum Teil. Vor allem die Varadero gibt den Wildecker Herzbuben und lässt sich mit ihrem Rekordwert von 289 Kilogramm und einer inaktiven Sitzposition sowie dem hohen und schmalen Lenker nur mühsam in Schräglage wuchten.

 

Bis der Varadero-Pilot einlenkt, hat der Rest der Gruppe längst abgewinkelt. Der Triumph-Pilot zuerst. Kunststück. Mit 17-Zoll-Rädern sowie dem steilsten Lenkkopf und dem kürzesten Nachlauf des Quartetts setzt die Britin klar auf Agilität - auch wenn sie sich in letzter Konsequenz kaum von der BMW und der KTM absetzen kann. Abgesehen vom nahezu ebenbürtigen Gewicht (Triumph: 241 Kilogramm, BMW: 246, KTM: 238) halten die deutschsprachigen Kolleginnen mit gelungener Fahrwerksabstimmung dagegen.

 

Allein die schmalen Reifen tun dem Handling der Bayerin und der Österreicherin spürbar gut. Die Kombination aus 150er-Pneus hinten (Triumph: 180er) und einem 110 Millimeter breiten 19-Zöller (BMW) oder gar die aus dem Offroad-Lager übernommene 90/90-21-Dimension des KTM-Vorderrads überzeugen. Messerscharf biegen beide ab, halten Vertrauen einflößend die Spur und damit sogar die Britin auf Distanz. Beeindruckend, zumal die gröber profilierten Metzeler Tourance EXP (BMW) und die Pirelli MT 90 (KTM) in Sachen Haftung gegenüber den Michelin Pilot Road der Triumph erst bei grenzwertiger Schräglage den Kürzeren ziehen.

Historische Kulisse. Mit den vier Enduros ist der Ritt durchs Gelände zu entlegenen kulturellen Schauplätzen kein Problem.

Hier geht's zur Foto-Show des Vergleichstests.

Diese Leichtigkeit des Seins lässt den Komfort erst richtig genießen - und zwar auf allen vier Maschinen. Entspannt, kommod, souverän und gut geschützt, so thront es sich auf Reiseenduros. Ein Grund für die Erfolgsgeschichte dieses Fahrzeugkonzepts seit dem Urknall dieser Spezies im Jahr 1980 mit der BMW R 80 G/S.

Die Erfahrungen aus dieser langen Ahnenreihe sind der R 1200 GS bis heute anzumerken. Gut gepolsterte, höhenverstellbare Sitzbank, offener Kniewinkel, schlanke Griffe und Handhebel, das passt - für die Spritztour genauso wie für den 1000-Kilometer-Tagestrip. Was größtenteils auch für die Varadero gilt. Schließlich sorgt die tief in die Maschine gezogene flauschige und breite Sitzgelegenheit grundsätzlich für viel Komfort. Auch wenn - wie erwähnt - der Lenker etwas schmal geriet.

 

Deutlich sportlicher residiert es sich auf der Tiger. Mit vergleichsweise engem Kniewinkel und nach vorn gezogenem Lenker bietet das Raubtier trotz hervorragendem Sitzpolster ein an einer Supermoto orientiertes Ambiente. Nur der breite Knieschluss will dazu nicht so recht passen. Das gegenüberliegende Ende der Skala markiert die KTM. Die schmale Frontverkleidung, der gerade Lenker, die dünn ge-polsterte Sitzbank oder die hart geriffelten Griffgummis, all das vermittelt unverfälschtes Rallye-Feeling, aber auch deutlich weniger Komfort.

Nach kaum 30 Kilometern lockt Sorbas für einen Abstecher. Der 3000-Seelen-Ort gehört zu den für diese Gegend typischen weißen Dörfern. Während der Kalk eigentlich dazu dient, Ungeziefer zu vernichten und die Sommerhitze abzuhalten, wirken die Städtchen durch diese Farbe wie die Kulisse eines Beduinenfilms. Im Sommer schieben sich tausende Nordeuropäer durch diese Gassen. Heute ist genug Platz, um sogar mit dem Motorrad zu flanieren.

Bild 06 BMW R 1200 GS, Honda Varadero 1000, KTM 990 Adventure, Triumph Tiger in Bergdorf (jpg)
Weiße Dörfer: In der Nebensaison lassen sich die Touristenmagneten sogar mit dem Motorrad befahren.

Apropos Kulisse. Mini-Hollywood ist nicht weit. In den Sechzigerjahren drehte Starregisseur Sergio Leone in der nachgebauten Wildwest-Siedlung die zu jener Zeit populären Italo-Western. Unlängst verfilmte Bully Herbig dort noch die deutsche Winnetou-Persiflage "Der Schuh des Manitou". In der Tat versprühen der staubtrockene Sand und die mit Kakteen gesprenkelte hellgraue Landschaft das Flair von Texas oder New Mexico. Selbst die Nationalstraße macht auf Amerika. Bolzgerade zieht sie sich durch die so genannte Wüste von Tabernas. Auch wenn es nicht erlaubt ist: Wir spielen Autobahn. Erstklassig geriet der Windschutz hinter der kinderleicht per Flügelschraube in der Höhe zu justierenden BMW-Scheibe. Nur an den Schultern und der Helmspitze krallt sich der Orkan gelegentlich fest.

 

Ähnlich ruhig bleibt es hinter der Scheibe der Varadero. Allerdings: Um deren Höhe zu verändern, braucht es Werkzeug. Deutlich zugiger gerät der Trip hinter der weit vorn angebrachten und schmalen KTM-Scheibe, die sich aber immer noch besser als das Triumph-Pendant aus der Affäre zieht. Kopf und Arme bleiben bei dem niedrigen Windabweiser weitgehend ungeschützt, zudem zwirbeln Turbulenzen den Rücken der Fahrerjacke nach oben. Schnell- und Fernreisende werden die höheren Nachrüstscheiben aus dem Zubehörprogramm von KTM und Triumph zu schätzen wissen.

 

Noch immer bleiben wir auf D-Zug-Tempo, lassen die in die Einöde gebaute Rennstrecke von Almeria rechts liegen. Hier fällt das ungewohnte Klangerlebnis auf der BMW besonders auf. Ob man es gut findet oder nicht, der Boxer hämmert seinen Sound bassiger, aber auch deutlich lauter in die Welt. Hätte man von BMW jedenfalls nicht erwartet. Dennoch drängen sich plötzlich die Vibrationen der Motoren in der Wahrnehmung nach vorn. Ab 5000/min - das sind im letzten Gang knapp 130 km/h - beginnt die GS spürbar zu rappeln, die KTM kribbelt - wenn auch deutlich weniger - ab 6000/min. Vorbildlich bleiben in dieser Beziehung die Varadero und vor allem die Tiger. Rückspiegel, Lenkerenden, Fußrasten, alles bleibt ruhig.

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