19.11.2009 Von: Jörg Hau Erschienen in: 25/2009
MOTORRAD

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Unterwegs: Tunesien
Wind, Sand und Sterne

Tunesien lockt mit Strand und Sonne. Wer nur Urlaub an der Küste oder Enduro-Sandkastenspiele im äußersten Süden unternimmt, erfährt zu wenig über den faszinierenden Wüstenstaat. Drei MOTORRAD-Leser suchten auf einer Forschungsreise nach dem wahren Wesen des Landes.

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Wie aus dem Bilderbuch: windgeformte Wüstenlandschaft am Rand der Oase von Zaafrane westlich von Douz.
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Unterwegs: Tunesien

Zeigen Sie mir bitte, wo wir uns befinden! Schon wieder. Seit über zwei Stunden fährt der Toyota der Garde Nationale auf dieser Piste hinter uns her, und jedesmal, wenn wir anhalten, steigt auch der Offizier aus und fragt nach unserer Position. Die lese ich vom GPS-Empfänger ab. Er greift zum Telefon und informiert seinen Vorgesetzten. Dann warten wir alle auf dessen Antwort. Das ganze Theater ist eigentlich harmlos, denn der Wagen folgt uns nur, um sicherzustellen, dass wir uns auf gar keinen Fall nach Algerien verirren, denn seit Wochen werden zwei österreichische Reisende im Grenzgebiet vermisst. Klar, dass man keine weiteren Touristen verlieren will. Die Soldaten bleiben dabei stets freundlich und freuen sich über ein Schwätzchen. Überhaupt begleitet uns die enorme Freundlichkeit der Menschen vom ersten Tag der Reise an. Florian, Petra und ich sind auf drei Motorrädern unterwegs, haben einen knappen Monat Zeit.

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Das Kamel hat eine weitaus höhere Zuladung als unsere drei Motorräder zusammen.

Vier Tage ist es jetzt her, seitdem wir angekommen sind. Nach der Zollabwicklung im Hafen von Tunis fuhren wir mitten ins Zentrum zum Grand Hotel de France. Der Herr am Empfang hatte Zimmer für uns und erlaubte lächelnd, die Motorräder in der Rezeption abzustellen. Ein toller Service, in Deutschland unbekannt. Bei strahlend blauem Himmel starteten wir am nächsten Morgen die Motoren. Die Landschaft im Norden ist grün, sanft und hügelig, wir fühlten uns fast wie in Süddeutschland, allerdings laufen einem hier doch deutlich mehr Esel und Ziegen vor das Motorrad. Nach einer Nacht in Tabarka, einer Kleinstadt in der nordwestlichsten Ecke Tunesiens, begleitete uns Regen in Richtung Süden. Schade, dass die Michelin Desert-Reifen bei Nässe eine zurückhaltende Fahrweise erfordern, denn die Bergstraßen bis Jendouba laden zum Kurvenkratzen ein. In Bulla Regia hatten schon die Römer eine Siedlung der besonderen Art: Wegen der heißen Sommer wurden die Häuser unterirdisch angelegt, und das gleich mehrstöckig. Die junge Frau, die uns zwei Stunden lang durch die Anlagen führte, zeigte uns die schönsten Fresken und Mosaiken. Fünf Meter unter der Erde herrscht ein angenehmes Klima, und ein ausgeklügeltes Tonröhren-System bringt kühle Frischluft in die Räume. In El-Kef deckten wir uns mit Benzin, Wasser und Vorräten ein, denn wir wollten die nächsten Tage nahe der algerischen Grenze nach Süden fahren: über Haidra, Moulares, Redeyef und Tozeur, dann entlang des legendären Schott El-Jerid-Salzsees. Das bedeutete Enduro-Wandern auf Wegen, die von Schlaglöchern und Steinen übersät sind. Wir machten Halt am gewaltigen Tafelberg Table de Jugurtha, die Aussicht ist spektakulär. Die nächsten Tage häufen sich die Militärkontrollen, einer davon ist unser Toyota, der uns als "Aufpasser hundert Kilometer weit durch die Wüste folgt und sich erst verabschiedet, als wir wieder auf Asphalt treffen. Wir werden von einem Posten zum nächsten durchgereicht, denn als wir kurz darauf in Sidi Bou Baker eintreffen und das Café dieser kleinen Garnison ansteuern, taucht prompt der nächste Streifenwagen auf. Dass aber ausgerechnet in diesem Moment ein Militärjet im Tiefflug über unsere Köpfe hinwegzieht, halte ich wirklich für einen Zufall... Einige Tage bleiben wir auf dem Campingplatz in Tamerza, wandern durch die Schluchten in der Umgebung und fahren zu den umliegenden Bergoasen in Chebika und Mides. Die Souvenirverkäufer freuen sich über ein Schwätzchen, auch wenn wir ihnen nichts abkaufen.

Douz ist die grösste und bekannteste Oase im Westen Tunesiens. Das "Tor zur Sahara war ein wichtiger Posten der Karawanenwege durch die Wüste und hat aus dieser Zeit seinen traditionellen Markt behalten. Wer ihn besuchen will, sollte früh aufstehen, denn mittags ist er schon vorbei. Das Warenangebot ist überwältigend: von Weihrauch bis zum Schraubenschlüssel, von Orangen bis zum Dromedar. Wir bleiben einige Tage auf dem "Camping Desert Club". Einer unserer Ausflüge soll zum Mount Tembain führen. Es dauert eine Weile, bis ich mich an das Fahrgefühl im Sand gewöhne, aber dann macht es schnell wieder süchtig. Der Zustand der Piste fordert Konzentration, denn sie bietet alles zwischen Felsautobahn und schmalen Tiefsandpassagen in Dünentälern. Als wir am späten Nachmittag noch auf einen Abschnitt mit eng ausgefahrenen, tiefen Sandspuren treffen, werfe ich die GS zunächst mehrfach in den Sand und dann auch das Handtuch für heute: Das war sehr viel anstrengender, als ich dachte! Wir suchen uns einen geschützten Platz abseits der Piste und bauen das Zelt auf. Aus der erhofften Sternennacht wird nichts, denn kurz nach dem Essen kommt Sturm auf, wir müssen ins Zelt. Zum Sonnenaufgang hat der Wind zwar nachgelassen, aber die Luft ist dunstig, der Himmel bedeckt. Laut GPS sind wir gerade mal 15 Kilometer vom Tembain entfernt, aber der Berg ist bei einer Sichtweite von vielleicht ein, zwei Kilometern nicht zu erahnen. Schweren Herzens beschließen wir zurückzufahren. Dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben, zeigt sich am Café du Parc, denn während wir Tee trinken, fallen draußen dicke Tropfen.

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Tataouine ist eine Verwaltungsstadt, und eine ausgesprochen lebendige dazu: Zahlreiche Menschen sind bis spät in die Nacht unterwegs. Wir finden im Hotel Hamza eine preiswerte und gute Unterkunft. Auf der Suche nach einem Restaurant fällt uns ein Laden auf, vor dem sich die Einheimischen drängeln. Wir tun es ihnen nach und sind überrascht: "La Méditerrané" wäre in Deutschland ein Imbiss, aber hier genießen wir die besten Brathähnchen zwischen Tataouine und Bremen! In der Umgebung von Tataouine befinden sich sogenannte Ksours, die von den Berbern als Fluchtburg und Vorratslager angelegt wurden. Diese Anlagen sind heute meist dem Verfall überlassen, aber ein Besuch lohnt. Ksar Tounkett sitzt beispielsweise wie eine Krone auf einem Gipfel eines Berges, und seine vierstöckigen Ghorfas geben einen Eindruck von der Baukunst der Berber. Mit der Einsamkeit vorbei ist es in Ksar Ouled Soltane, denn dank der fetten Markierung auf der Michelin-Karte kann man den Ort kaum übersehen. Für ein paar Dinar erfahren wir einiges über die Bau-weise, die Bedeutung der Hand- und Fußabdrücke in den Gewölben der Ghorfas und die Konstruktion der "Schlüssel zu den Lagerräumen, die hier für jede Familie einmalig waren. Unter einem tiefblauen Morgenhimmel bepacken wir die Motorräder und verlassen Tatauoine Richtung Westen. Für den Weg in Richtung Grand Erg wählen wir hinter Chenini die südliche der beiden Pisten, die zwar anspruchsvoller zu fahren ist, dafür aber auch mehr Abwechslung bietet. Durch den Wind der letzten Tage sind die Fahrspuren versandet, und oft hilft nur Vollgas, um nicht steckenzubleiben.

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Wundervolles, entspanntes Motorradfahren.

Ksar Ghilane ist genau das, was man sich als Kind unter einer Oase vorstellt: ein grüner Palmengarten mit einem kleinen See. Bekannt wurde der Ort durch eine heiße Quelle, von Ölsuchern zufällig entdeckt. Von den drei Campingplätzen wählen unsere Motor-räder ganz von selbst den südlichsten Platz, indem direkt vor dem Eingangstor die Hauptsicherung an Florians X-Challenge durchbrennt, fast gleichzeitig Petras DRZ beim Wenden im Weichsand umkippt, und meine GS wegen einer losen Schraube Gabelöl verliert. Ksar Ghilane ist teuer: Die Übernachtung im "Berberzelt kostet mehr als ein Hotelzimmer im Norden, und selbst Wasser, Brot und Tee sind um ein Vielfaches teurer als in Douz oder Matmata. Mag sein, dass die abgeschiedene Lage des Ortes höhere Preise rechtfertigt, doch wir halten dieses Niveau für völlig überzogen und suchen nach einer Nacht das Weite. Tage später sind wir im Gebirge nördlich des Chott El Fejaj unterwegs. Die einsame, karge Landschaft ist von dürren Büschen und Sträuchern überzogen, einfach gebaute Hütten dominieren, und die wenigen Menschen tragen farbige Kleidung mit langen, bunten Wollmänteln. Zusammen mit den intensiven Blautönen des Himmels erinnert uns das Ganze an Bilder aus den Hochebenen Südamerikas. Während wir durch diese verlassene Gegend fahren, sind meine Gedanken kurz bei den Strandurlaubern im Osten des Landes - ob man sich dort dieses "etwas andere Tunesien vorstellen kann? Am späten Nachmittag treffen wir am Col Hadej ein, und die tiefstehende Sonne taucht die Landschaft in intensive, warme Farben. Wir müssen uns konzentrieren, um die Augen auf der Piste zu behalten und nicht abzuschweifen, denn ein Ausrutscher könnte in dieser Einsamkeit üble Folgen haben. Grade noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang erreichen wir Sidi Bouzid. Die Stadt ist ein bedeutendes wirtschaftliches Zentrum, allerdings ohne touristischen Anspruch: Fast alle Schilder sind in Arabisch beschriftet. In der Stadt gibt es ganze zwei Hotels; das "Horchani hat zwar eine schöne Fassade, entpuppt sich aber als heruntergekommener Bau. Der einzige Grund, warum das Hotel noch existiert: die Lizenz zum Alkohol-Ausschank. Ein paar Einheimische treffen sich hier am Abend und leeren etliche Flaschen Bier. Nach einer lauten Nacht in viel zu weichen Betten brechen wir früh auf. Der Djebel Cherahil ist die letzte Bergkette vor der Küste. Beim Abstieg vom Pass bietet sich eine unendlich scheinende Sicht über die Ebene, die sich nach Osten erstreckt. Aus Pisten werden gepflegte Straßen, hier wird schneller gefahren als in den westlichen Teilen des Landes: Autowracks säumen die Straßenränder.

Das römische Kolosseum von El Jem ist schon von weitem sichtbar, denn mit seinen 35 Metern überragt es die Stadt. In dem gewaltigen Oval sollen über 35000 Zuschauer Platz gehabt haben. Die Arena hatte sogar einen beweglichen Boden für "Spezialeffekte, die Widerlager davon sind heute noch in den Kellergängen erkennbar. Das Kolosseum ist bereits seit 1979 Weltkulturerbe.

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Grüner Palmengarten in der Oase von Mides.

Am selben Abend kommen wir nach Kairouan. Die Stadt ist wunderschön und bietet unendlich viele Gelegenheiten, die Geschichte des Islam zu studieren, aber uns bereitet sie fast einen Kulturschock: Nach zwei Wochen in der Einsamkeit ist es nicht einfach, wieder in einer dichtbevölkerten Großstadt zu sein. Dazu kommt, dass wir im Laufe des Abends dauernd von Leuten angesprochen werden, die uns ungefragt eine Stadtführung geben wollen - und das stets derart nett, dass wir kaum das nötige "non merci" über die Lippen bringen. Wir schauen den Handwerkern zu, vom Schuhmacher bis zum Tuchweber, vom Goldschmied bis zum Barbier, alle gehen hier in winzigen Werkstätten ihrer Arbeit nach. Auch uns droht wieder regulärer Broterwerb, deswegen treiben wir die Enduros über Enridaville, Nabeul, und Hamman-Lif nach Tunis und auf die Fähre. Auf Wiedersehen, Afrika, deine Anziehungskraft wird unser Leben bereichern!

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