Aprilia Tuono V4 1100 Factory im Fahrbericht Bis zum Abwinkeln

Kurven ohne Ende, abklappen bis zum Anschlag: Keines der Power-Nakeds fährt so schräglagengierig wie die Aprilia Tuono V4 1100 Factory. Nun kommt ein Update inklusive Euro 4-Abstimmung. Lässt sich die Ekstase noch steigern?

Warum kann’s der?“, staucht ein sichtlich mies gelaunter VW-Chef Winterkorn seine bedauernswerten Mitarbeiter zusammen, als er auf der IAA 2011 ­einen Hyundai besichtigt. Dumm, dass er dabei gefilmt wurde und sich diese Szene als Video millionenfach geklickt über den Globus verbreitete. Eine ähnliche Szenerie könnte man sich auch im Motorradbereich vorstellen. Zumindest ging das dem Autor durch den Kopf, als er mit der neuen Aprilia Tuono V4 1100 Factory von Trento aus über sich in die Berge emporwindende Straßen Richtung Dolomiten fuhr. Wie die Aprilia hier durch schier endlose Kurvenkombinationen fegt, auf welch unglaublichen Linien sie durch die irren Windungen zum Lago di Stramentizzo sticht, welches glasklare Feedback die Öhlins-Federung auf buckeligem Untergrund vermittelt, das ist schon ein ganz besonderes Erlebnis, ein Fest der Sinne und Sinnlichkeit für Freunde der engagierten Fortbewegung. Und als Begleitmusik diese ­unvergleichliche V4-Sound-Kulisse.

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Wie schafft Aprilia das?

Warum bekommt das keiner so hin wie Aprilia, fragt man sich unwillkürlich. Wie schafft das diese kleine Truppe aus Noale, deren RSV4 ja schon in MOTORRAD 9 auf der Rennstrecke die aktuellen Superbikes bügelte? Was können die Italiener besser als aufgeblasene Entwicklungsabteilungen der Branchenführer? Fragen, die sicher aus der Distanz kaum zu beantworten sind, auf jeden Fall spricht das prickelnde Ergebnis feiner Ingenieurskunst für sich. Außergewöhnlich – ihre Fans würden es wohl eher außerirdisch nennen – war die Tuono bisher schon. Ist da überhaupt noch eine Steigerung möglich? Die neue Aprilia Tuono V4 1100 Factory zeigt: Klar, a bisserl was geht immer, denn perfekt war die 1100er auch in der letzten Evolutionsstufe nicht. Und außerdem schreitet die technische Entwicklung kontinuierlich voran, Stichwort Elektronik. Zudem, das sei nicht verschwiegen, gab es ja durchaus noch ein paar echte Schwachpunkte, die Spielraum für Verbesserungen boten.

Video: Aprilia Tuono V4 1100 Factory

Den Fahrbericht zur Aprilia Tuono V4 1100 Factory lest ihr in MOTORRAD 10/2017, ab 28. April 2017 am Kiosk.

Die neue Tuono macht keine Kompromisse

Beginnen wir mit Letzteren: Da war vor allem die gar nicht feine Bremse mit ihrer billig wirkenden konventionellen Handpumpe. Die neue Aprilia Tuono V4 1100 Factory macht keine Kompromisse: Als Geberzylinder fungiert nun eine Brembo PR 16-Radialpumpe, und fünf Millimeter dicke, riesige 330er-Scheiben ersetzen die bisher 4,5 Millimeter starken 320er. Zangen: Brembo M50 mit BRM 10B-Sinterbelägen – alles vom Feinsten ­also. Logisch, dass sich die Tuono nun mit zwei Fingern aufs Vorderrad stellen lässt – falls die Abhebeerkennung im Trackmodus entsprechende Freiheit bekommt. Der V4-Motor brauchte schon wegen Euro 4 ein Update. Aprilia nutzte die Gelegenheit, ihm feinere Manieren beizubringen. Er bekam neue Steuerzeiten, ein optimiertes Mapping sowie eine um 500 auf 12.500/min erhöhte Maximaldrehzahl. Die Spitzenleistung blieb mit zornigen 175 PS unverändert, da gab es sicher keinen Handlungsbedarf. Der Auspuff entspricht dem der RSV4, arbeitet mit einer Klappe, die bei 5.000/min von einem Umweg durch den voluminösen Dämpfer auf freien Durchzug umschaltet. Dazu gab es kleinere Änderungen an der Hardware, etwa nun DLC-beschichtete Kolbenbolzen, um die innere Reibung zu minimieren. Die Brennräume werden nun mechanisch bearbeitet statt einfach nur gegossen.

Euro 4 kostet etwas Gewicht

Wie derzeit häufig zu beobachten, kostet Euro 4 auch im Fall der Aprilia Tuono V4 1100 Factory etwas Gewicht, Stichwort Auspuff und Aktivkohlefilter zur Tankentlüftung. Ein Zuwachs von 2,5 Kilogramm ist sicher verschmerzbar. Zumal Aprilia gegensteuerte, an der Öhlins-Gabel 800 Gramm, am Gasgriff allein 590 Gramm einsparte. Entscheidendes – und das ist ebenjener aktuell angesagte Fortschritt – tat sich im elektronischen Bereich. Logisch, ein heute angesagtes TFT-Display mit einer wahren Informationsflut war gesetzt. Interessant ist, was sich dahinter verbirgt. Nämlich beinahe unglaubliche Möglichkeiten an abrufbaren Informationen und daraus abgeleiteten Einstellmöglichkeiten. Basis ist die heute schon fast obligatorische Bosch-IMU. Die Schräglagen- und Trägheitssensorik, welche Kurven-ABS, die Traktions- sowie Wheelie-Kontrolle steuert. Die Fünf-Kanal-Sensorbox ist nun um 45 Grad gekippt eingebaut, um die fehlende Nickrate errechnen zu können. Diesen Trick verwenden übrigens BMW oder Ducati schon länger. Im Display sind die aktuellen Einstellungen übersichtlich aufbereitet, links am Lenker können sie während der Fahrt blitzschnell verändert werden. Hohen Unterhaltungswert hat die Schräglagen­anzeige – falls man es schafft, bei 50 Grad Schräglage noch ins Cockpit zu schauen.

Rennstrecke? Kein Problem!

Neu ist der Quickshifter, der in beiden Schaltrichtungen wirkt und sogar ein Heruntersteppen der Gänge unter Volllast ­erlaubt. Also etwa beim Überholen, wenn man schnell mal etwas mehr Schub braucht. Einfach bei Vollgas auf den Hebel drücken, der tiefere Gang flutscht übergangslos rein. Herrlich, wer braucht nun noch eine Kupplung? Wer seinen Spieltrieb ausleben will, kann mit Pitlane-Limiter durchs Dorf zuckeln. Oder den Tempomaten der Aprilia Tuono V4 1100 Factory benutzen. Okay, denkbar, dass ­irgendwer mal irgendwann solchen Firlefanz braucht – aber nicht hier und heute. Wer den optionalen MP-Adapter (Multimedia Platform) ordert (190 Euro), findet auf einem mit der Bordelektronik synchronisierten Smartphone weitere Anzeige- und Spielmöglichkeiten, inklusive eines kompletten Data Recordings. Unglaublich, aber wahr: Auf Rennstrecken kann man für jede einzelne Kurve ein spezielles Setting wählen, GP-Pisten sind schon programmiert.

Euro 4-Version geht ganz filigran ans Gas

Alles Spielkram, werden Puristen wohl einwenden. Assistenz statt Essenz, das wäre für viele ein Schreckensszenario. Aber keine Angst, die Tuono liefert beides im Überfluss. Dennoch: Mehr als bei jeder anderen Maschine machen bei der Aprilia Tuono V4 1100 Factory die elektronischen Helferlein Sinn. Das liegt auch an dem V4-Triebwerk, das in jedem Drehzahlbereich augenblicklich und fast unmerklich einen abartigen Schub generiert. In der Grundeinstellung der Test­maschinen (Traktionskontrolle Stufe fünf, Wheelie-Kontrolle Stufe zwei) hatten die digitalen Helferlein alle Hände voll zu tun. Das bringt zwar Sicherheit, die permanenten Eingriffe hemmen aber auch den Vortrieb spürbar. Also geschwind Traktionskontrolle auf Stufe zwei, Wheelie-Kontrolle aus. Und schon geht es gewaltig voran, das Vorderrad verliert bei fast jedem Kurvenausgang den Bodenkontakt. Dass immer dermaßen viel Qualm kommt, liegt neben brachialer Power auch daran, dass man höhere Drehzahlen fährt, als es der gierig röchelnde Sound vorgaukelt. Der V4 mit seiner unrhythmischen Zündfolge fühlt sich eben ganz anders an als ein schreiender Vierzylinder-Screamer. Gasannahme war in der Vergangenheit schon eine permanente Baustelle der Tuono, hier sind große Fortschritte zu vermelden. Die Euro 4-Version geht ganz filigran ans Gas, selbst Wheelies sind – man glaubt es kaum – so sauber kontrollierbar wie mit einer Super Duke. Vorbei die Zeiten, wo die Aprilia ruckartig, zickig ans Gas sprang. 

Der Preis: knapp 18.500 Euro

Handling und Federung waren schon bisher State of the Art. Trotzdem wirkt die Tuono nun noch feiner ausbalanciert, noch ausgewogener. Die Öhlins-Federung funktioniert einfach unglaublich gut; bei sportlicher Fahrweise wirkt sie straff und progressiv, rollt aber andererseits mit ­unerwartetem Komfort über rumpeliges Terrain. Und bietet dabei stets ein glasklares Feedback. Das ist ganz hohe Kunst. In der aktuellen Generation hat die ­Tuono einen enormen Reifegrad erreicht. Man könnte sicher am Soziusplatz oder Windschutz, am schlichten, nicht einstellbaren Kupplungshebel oder am Verbrauch herumnörgeln: Doch wenn es um Fahrspaß auf der Landstraße, um Sound und Feeling geht, ist die Aprilia outstanding. Und objektiv betrachtet klar besser als bisher. Eine gierige Maschine, die Begierde schafft. Bleibt als letzte Hürde immer noch der Preis: Fast 18.500 Euro sind für die Aprilia Tuono V4 1100 Factory fällig, eine Menge Holz. Doch wer hier abwinkt, dem entgeht dieser unvergleichliche Genuss beim Abwinkeln.

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