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In PS 6/2016: Aprilia Tuono V4 1100 Factory im Test.

Aprilia Tuono V4 1100 Factory im Test Donner & Gloria

Endlich haben wir eine Aprilia Tuono V4 1100 Factory für einen Test in die Hände bekommen – die Edelvariante des derzeit wohl elektrisierendsten Naked Bikes.

Um auf der Landstraße extrem sportlich fahren zu können, braucht man schon lange kein Motorrad mit Vollverkleidung und Stummellenker mehr. Die sogenannten Super Nakeds haben richtig Dampf im Kessel. Die Aprilia Tuono V4 1100 sticht besonders hervor: Als einzige hat sie einen V4-Motor. Der Autor musste vor gar nicht allzu langer Zeit eine kaufen, nachdem schon die ersten paar Test­kilometer die bedrohliche Bedeutung des Wortes „Dispo“ von seiner Fest­platte gelöscht hatten.

Doch plötzlich kam die auf 1077 cm³ aufgebohrte 1100er, die leider noch mehr Spaß macht als die Tausender. Ihr Motor drückt in der ­Mitte deutlich kräftiger, scheint spon­taner anzusprechen und befreiter hochzudrehen. Das Bessere ist eben des Guten Feind, schon klar. Aber die Aprilia Tuono V4 1100 Factory schießt einfach den Vogel ab. Ihr fetziges Design mit den leuchtend roten Rädern und dem ­filigranen RSV4-Heck machen so an.

Am Hinterrad ist serienmäßig ein fetter Pirelli Supercorsa SP in der Dimension 200/55 montiert – das spricht eine klare Sprache, und die heißt Attacke! Natürlich gehört ein Öhlins-Fahrwerk ebenfalls zur DNA der Edel-Tuono. Lenkungsdämpfer, Gabel und Feder­bein kommen aus Schweden. Wir hätten gerne längst mal eine der Factorys getestet, aber leider unterhält der Importeur keine im Pressefuhrpark. Eine Strategie, die man durchaus mal hinterfragen könnte. Denn wie die Verkaufszahlen belegen, scheinen die V4 aus Noale noch immer nicht in den Köpfen deutscher Kunden angekommen zu sein. So stellte uns Aprilia-Händler ­Grebenstein aus Gera eines dieser Edel-Donnereisen vor die Türe - eine Aprilia Tuono V4 1100 Factory. Auf nach Südfrankreich, die Bergrenn­strecke ruft!

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Schmeckt ganz stark nach Supersport

Es mag jetzt niemanden überraschen, dass das Testergebnis „Euphorie“ war. Schon die Aprilia Tuono V4 1100 RR mit Sachs-Fahrwerk ist ein Granatenhobel, der brutale Fahrleistungen und traumhafte Handlingeigenschaften mitbringt und in unserem Vergleichstest in PS 08/2015 schon Nägel einschlug. Die Art, wie präzise das V4-Naked Bike in die Kurve sticht, wie viel Rückmeldung es dem Fahrer liefert und wie brutal man dank der Anti-Hopping-Kupplung die Gänge runtersteppen kann – all das schmeckt ganz stark nach Supersport.

Ein V4-Motor ändert aufgrund der unregelmäßigen Zündfolge während des Erklimmens der Drehzahlleiter mehrmals seine tonale Färbung. Dieses Donnergrollen, das super Handling und der Druck aus 1077 Kubikzenti­meter Hubraum fügen sich zu einem Fahrerlebnis zusammen, das man so schnell nicht wieder vergisst. Neben den optischen Reizen hebt sich die ­Aprilia Tuono V4 1100 Factory auch besonders durch ihr Fahrwerk von der Standardversion ab – spürbar! Das Ding liegt wie hingezimmert, wofür bei schnellen und weiten Bögen auch der Lenkungsdämpfer sorgt, ist er etwas straffer eingestellt.

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Bremse verzögert gut, aber wirkt matschig

In früheren Tests der Tuono schliff in sehr sportlich genommenen Rechtskurven das eine oder andere Mal die Hitzeschutzblende des Auspuffs – bei der Aprilia Tuono V4 1100 Factory passiert das nicht, trotz desselben Federwegs. Auch beim Ansprechverhalten sticht die Factory das Sachs-Material ihrer Schwester RR aus, obwohl man von Öhlins schon Ware gesehen hat, die in dieser Disziplin eine noch bessere Figur macht. Was uns von der Lobhudelei direkt zu Schwachstellen überleitet. Denn so beeindruckend die Gesamtleistung des V4-Brenners ausfällt, an Laufkultur dürfte er durchaus noch etwas zulegen. Das Ansprechverhalten dürfte im unteren Drehzahlbereich gleich auch noch weicher ausfallen.

Was uns schon bei der 1100 RR gestört hat, plagt leider auch die teure Aprilia Tuono V4 1100 Factory: Die Bremse verzögert gut, doch sie wirkt matschig. Es mangelt an einem klar definierten Druckpunkt und einem scharfen Initialbiss. Ein Rätsel, weshalb nicht wenigstens die Edel­version der Tuono die Bremsanlage aus dem RSV4-Superbike spendiert bekam. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: Für 17.990 Euro Listenpreis kommt die teure Factory noch nicht einmal mit Schmiederädern. Da kann der Autor seine alte Tausender gleich behalten. Aber nur, wenn er jetzt sofort von der V4 1100 Factory absteigt. Ansonsten wird sie ihm nämlich die Bedeutung des Wortes „Hypothek“ wohl auch noch von der Festplatte löschen.

Foto: Arturo Rivas
Aprilia Tuono V4 1100 Factory.
Aprilia Tuono V4 1100 Factory.

Daten Aprilia Tuono V4 1100 Factory

Technische Daten Aprilia Tuono V4 1100 Factory (k. A.)
Modelljahr 2016
Motor
Zylinderzahl, Bauart 4 , V-Motor
Bohrung/Hub 81,0 / 52,3 mm
Hubraum 1077 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 13,0
Leistung 129,0 kW ( 175,0 PS ) bei 11000 /min
Max. Drehmoment 121 Nm
Zahl der Gänge k.A.
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Brückenrahmen
Federweg vorn/hinten 111 mm / 132 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 200/55 ZR 17
Bremse vorn/hinten 320 mm Vierkolben-Festsattel / 220 mm Doppelkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1450 mm
Lenkkopfwinkel 63,0 °
Nachlauf 107 mm
Leergewicht vollgetankt 205 kg
Sitzhöhe 825 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 401 kg
Höchstgeschwindigkeit 280 km/h
Preis
Neupreis 17990 Euro

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