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Auf Achse mit der Maico MD 50.

Auf Achse mit der Maico MD 50 Heulen, drehen, schieben

Wenn sie lief, lief sie wie der Teufel, die Maico MD 50 mit dem Drehschiebermotor. Doch sie wollte gedreht werden. Wenn sie Probleme machte, half hingegen manchmal nur noch Schieben.

Mal ehrlich: Es war ja vieles möglich, damals mit 16. Hardrock-Fans verziehen alten Sandkastenfreunden deren poppigen Musikgeschmack, man tolerierte notfalls selbst die langweilig-doofe Freundin des besten Kumpels und teilte brüderlich das letzte Bier mit ihm - aber bei der Wahl der Fuffziger hörte der Spaß auf. Hercules oder Zündapp, Kreidler oder gar Garelli? Bei der Markenwahl spalteten sich die Cliquen in Lager, auch die größte Toleranz hat Grenzen. Einige waren allerdings sowieso stets außen vor, galten ohnehin als Sonderlinge. Waren ebenso gefürchtet und beneidet (weil die Kisten so schnell waren) wie belächelt und bemitleidet (wenn der Bock mal wieder wegen eines Defektes nicht lief): die Maico-Fahrer. Auch andere hatten ja mit den Klischees zu kämpfen - „wenn‘se nicht zündet, dann dappste“. Haha, was haben wir gelacht, über die Sparwitze der Kumpels (der Autor fuhr mit 15 Zündapp-Dreigang-Mofa und kennt derlei Sprüche).

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Drehschiebermotor und spektakuläres Sechsganggetriebe

Irgendwo im großen Umfeld der Dorfjugend gab es jedenfalls fast immer irgendeinen, der Maico fuhr. Und die Kisten, wie vor allem die hier gezeigte Maico MD 50 mit dem Drehschiebermotor und spektakulärem Sechsganggetriebe galten stets als Geräte, mit denen man die Konkurrenz dank respektabler Fahrleistungen stehen lassen konnte. Wenn sie denn, wie gesagt, hielt und nicht selbst stehen blieb. Denn vor allem Verlässlichkeit und Standfestigkeit gehörten nicht immer zu den Tugenden der 1926 gegründeten Marke, die doch eine bewegte Historie vorzuweisen hat.

Nach schwierigen Anfangstagen, Wirtschaftskrisen, großen Erfolgen mit Geländemotorrädern (und weniger Erfolg mit Automobilen) zeigten die Schwaben bereits 1965 jene zierliche, sportlich ausgelegte 125er, mit aufwendigem Doppelrahmen, Drehschiebermotor und Ziehkeil-Fünfganggetriebe, die als große Schwester die Basis für die Maico MD 50 darstellte. Das Duo MD 50/125 (wobei „D“ natürlich für Drehschieber steht) gelangte schließlich 1967 zu den Händlern und sollte Marktanteile zurückerobern. Wobei der 125er-Markt damals stark schwächelte, der 50er-Markt hingegen just an Bedeutung gewann.

Mit der sensationelle 5,6 PS leistenden Maico MD 50 (die Konkurrenz bot „nur“ 5,3 PS) und diversen technischen Finessen sollte die Maico eigentlich punkten können, auch wenn sich der Preis auf dem stolzen Niveau der bereits etablierten 50er-Modelle von Kreidler oder Zündapp bewegte. Nicht der Preis, sondern die Fahrleistungen mussten den Ausschlag geben. Und das stabile Fahrwerk der 125er, das mit der Power des 50-Kubik-Motors locker fertig wurde. Ab 1971 spendierte man den MD-Modellen gar ein Sechsganggetriebe - ein Novum bei den Fünfzigern. Und die Maico MD 50 leistete mal wieder etwas mehr als die Konkurrenz, nämlich 6,3 statt der üblichen 6,25 PS.

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Maico MD 50 mit unverwechselbar sägendem Sound

Ein solches Exemplar hat MOTORRAD Classic nun aus dem Schuppen von Maico-Fan Harald Muske geschoben, der neben der 50er auch noch eine Maico MD 250 und eine MD 250 WK besitzt und Letztere auch regelmäßig fährt. Die vor rund zehn Jahren günstig im Internet entdeckte Maico MD 50, laut Motor- und Rahmennummer ein 1973er-Modell, steht schon mal etwas länger, doch nach einigen erfolglosen Tritten auf den Kickstarter springt sie nach wenigen Metern Schieben an und signalisiert mit unverwechselbar sägendem Sound ihre Einsatzbereitschaft. Es ist dieses helle Heulen und Pfeifen des Drehschiebermotors, das ihn von den anderen 50ern abhebt. Im vertikal geteilten Gehäuse befinden sich der Drehschieber und der 20-mm-Bing-Vergaser unter dem Gehäusedeckel. Der dicke Gummischlauch leitet die Ansaugluft vom Luftfilter unter der Sitzbank zum Schiebervergaser, neben jenem sitzt der Schaltautomat des Ziehkeilgetriebes. Wobei das Getriebe die Kritik in alten Tests und die Häme anderer 50er-Fahrer nicht so ganz verdient hat.

Zumindest auf den für MOTORRAD Classic gefahrenen Kilometern geht, mit etwas Feingefühl, alles glatt. Das bestätigt auch Besitzer Harald Muske. „Da wird vieles schlechtgeredet. Also mir ist bei der Fünfziger noch nie ein Gang schwer reingegangen oder rausgesprungen.“ Auch von den einst anscheinend doch häufiger zu verzeichnenden Kolbenklemmern ist Muske bisher verschont geblieben. Schuld sollen wohl Spülverluste gewesen sein, Maico versuchte dieses Problem durch im Laufe der Bauzeit immer wieder geänderte Zylinder in den Griff zu bekommen.

Ohne Drehen geht nun mal nichts

Auch ich möchte den Zweitakter heute natürlich nicht über Gebühr schinden oder gar einen Schaden riskieren, doch ohne Drehen geht nun mal nichts. Schon zum feinfühligen Anfahren mit schleifender Kupplung sollten standesgemäße Drehzahlen anliegen. Mangels Drehzahlmesser lassen sich diese nur schätzen. Packt der 50er dann zu, gibt‘s kein Halten mehr. Bissig und blitzschnell dreht der Motor hoch, nötigt zum eifrigen Schalten. Ein Blick auf das Gang-Diagramm im alten Test von 1972 zeigt die unterschiedliche Stufung und bestätigt den Fahreindruck: Die kurz übersetzten ersten drei Gänge fordern vollen Einsatz des linkes Fußes, bei nur durchschnittlichem Tempozuwachs. Die Lücke zwischen Stufe drei und vier fällt deutlich größer aus, fünfter und sechster Gang liegen wieder enger zusammen.

Die Maico MD 50 auf ihren kleinen, aber relativ breiten 16-Zoll-Rädern wirkt insgesamt zierlich, in gebückter Haltung rutscht man beinahe zwangsläufig auf den Soziusplatz, ich komme mir unverhältnismäßig groß vor. Die Maico MD 50 verleitet zu Vollgasorgien in sportlicher Haltung, weckt die Instinkte von damals: immer volle Pulle, nur nirgends Schwung verlieren und spät, wenn überhaupt, vom Gas gehen. Wobei unvermeidbare Bremsmanöver besser früher als später eingeleitet werden sollten. Natürlich sind die Vollnaben-Trommelbremsen aus heutiger Sicht keine Offenbarung, doch kräftiges Zupacken bringt die Maico passabel zum Stehen. Gebremst wird ohnehin spät oder gar nicht - viele Kurven lassen sich dank des stabilen Doppelrahmens in erstaunlichem Tempo ohne dramatisches Rühren durcheilen.

Immer den passenden Gang zur Verfügung

Ich beginne zu verstehen, wieso die Maicos damals so schnell waren: Man hat immer den passenden Gang zur Verfügung und kann stehen lassen, wo andere schon angsterfüllt den Hahn zudrehen. Und dazu dieser schrille Drehschiebersound - völlig klar, entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Das gilt auch für das gesamte Bike, denn nicht immer boten die vielen in Italien (Gabel und Bremsen) oder England (Federbeine) zugekauften Anbauteile die erhoffte Qualität. Zwar erfreuten ein üppiger Kettenschutz und ein Hauptständer sowie an extra Auslegern befestigte Soziusrasten den anspruchsvollen Kunden, doch nervten viele Probleme, die durch billige Details oder gar Schlamperei in der Fertigung entstanden waren. Ölsabbern hier, gebrochene Kabel und Elektrik-Probleme dort, dazu nachlässig verlegte, scheuernde Züge oder teils mäßige Qualität von Lack- und Chromteilen, bis hin zu Ausfällen mit Kolbenklemmern.

Wer Maico fuhr, sollte sich in Notfällen selbst zu helfen wissen. Unsere Maico MD 50 mit ihren knapp 18.900 Kilometern macht keinerlei Probleme. Besitzer Muske weiß ebenfalls nur von einer beim Kauf verklebten Kupplung zu berichten, die er sogleich von Maico-Urgestein Hans Hinn, viele Jahre in der Versuchsabteilung tätig, in Ordnung bringen ließ. Die sportlich veranlagte Maico macht Laune, weckt den Renninstinkt im Fahrer, und doch blieb ihr der große Erfolg von Kreidler, Hercules und Co. verwehrt. Aber eine treue Fangemeinde hat die MD 50, wie alle Maicos - auch wenn die Anhänger heute deutlich über 16 sind.

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