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schön, dass es den urwüchsigen Single auch hierzulande wieder gibt. Und zwar nicht als mehr oder weniger gelungenes Retro-Bike, sondern als Original.

Auf Achse mit Yamaha SR 400 und SR 500 Wenig Leistung, viel Charme

Nach fünfzehn Jahren Pause steht wieder eine SR in den Schaufenstern der deutschen Yamaha-Händler. Bei der ersten Ausfahrt mit der "neuen" Yamaha SR 400 begleitet uns ein Fan, der seiner SR 500 seit 34 Jahren die Treue hält.

Es traf mich nicht ganz unvorbereitet, aber dennoch mit Wucht, als ich im Frühjahr die Yamaha SR 400 beim Händler sah. Gleich am Eingang stand sie da, diese kleine und zierliche Maschine, die zwischen all den modernen Bikes wie ein Relikt aus einer anderen Welt wirkte. Dessen chromblitzende Präsenz jedoch eine magische Anziehungskraft entwickelte, die mich geradezu auf die Knie zwang, um jedes der vielen schönen Details aus der Nähe zu betrachten.

Knapp anderthalb Monate später geht es Rudolf von Podewils nicht anders. Wieder und wieder läuft der gebürtige Oberpfälzer um die Yamaha SR 400, schaut hier und streichelt da, bevor er seine SR 500 aus der Garage schiebt und daneben stellt.

Ein Lächeln als Zeichen stiller Freude huscht über sein Gesicht – schön, dass es den urwüchsigen Single auch hierzulande wieder gibt. Und zwar nicht als mehr oder weniger gelungenes Retro-Bike, sondern als Original. Trotz einiger Modifikationen – ohne Kat und Einspritzung geht heute nichts mehr – ist die Yamaha SR 400 im Grunde ihres Wesens nämlich ganz die Alte geblieben. Mit der nicht nur Rudolf von Podewils so viele Erinnerungen verbinden. Seiner Halbliter-SR hält der 55-Jährige schon seit 1980 die Treue, er hat sie sich damals gleich nach dem Abitur gekauft.

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Yamaha SR 400 klingt viel schüchterner

Und jetzt brennen wir beide darauf, der Yamaha SR 400 bei einer gemeinsamen Ausfahrt auf den Zahn zu fühlen. Also Zündung an, bei beiden den Dekompressionshebel ­ziehen und mit dem Kickstarter den Kolben in die ideale Start-Position schieben, die als silberne Markierung im Sichtfenster des rechten Nockenwellendeckels angezeigt wird. Hier wie dort genügt normalerweise ein entschlossener Tritt, und die beiden Einzylinder stampfen los, wobei die 400er dank Einspritzung und kleinerem Hubraum selbst unerfahrenen Kickern immer Erfolgserlebnisse beschert.

Das stabile Leerlauf-Prötteln der „kleinen“ SR klingt im Vergleich zur kerniger schüttelnden 500er jedoch arg schüchtern. Ein Eindruck, der auch bei höheren Drehzahlen vorherrscht, die der Yamaha SR 400 lockerer von der Kurbelwelle gehen wie der hubraumgrößeren Schwester. Allerdings muss man die 400er auch drehen, wenn sie mit ihrer 34 PS starken Ahnin mithalten soll, denn die drückt speziell im mittleren Drehzahlbereich spürbar kräftiger nach vorn. Mit gemessenen 25 PS bei 6600/min und 29 Newtonmetern bei 3300 Touren übt sich die 174 Kilogramm schwere Einspritz-Variante nicht nur akustisch in Zurückhaltung, sondern auch in Sachen Leistung.

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Knapp 6000 Euro

Mitunter kommt die Yamaha SR 400 im heutigen Verkehrsgeschehen somit schneller an ihre Grenzen, als man annimmt. Was einem besonders bewusst wird, wenn sich wieder mal ein drängelnder Transporter formatfüllend im Rückspiegel zeigt, man aber gleichzeitig feststellt, wie der kleine Zweiventil-Eintopf über Tempo 100 nur noch zäh an Geschwindigkeit zulegt. Spätestens jetzt ertappst du dich bei der Überlegung, ob Yamaha beim Preis-Leistungs-Verhältnis der SR 400 den Schwerpunkt nicht doch zu sehr auf den mit knapp 6000 Euro recht happigen Preis gelegt hat.

Foto: Bilski
Auf kurvigen Straßen kommt mit SR 500 (links) und SR 400 der Spaß nicht zu kurz.
Auf kurvigen Straßen kommt mit SR 500 (links) und SR 400 der Spaß nicht zu kurz.

Gedanken, die nach ein paar Kilometern über enge, kurvige Landsträßchen jedoch von ganz alleine verfliegen. Hier, ohne Drängler und Hetzer, entfaltet die Yamaha SR 400 ihren ganzen Charme, wuselt locker und beschwingt selbst durch enge Spitzkehren und findet mit ihren schmalen Reifen immer die richtige Linie. Die „Neue“ ist mit ihrem kleineren 18-Zoll-Vorderrad und dem schmalen Lenker einen Tick handlicher als Rudolfs 500er, die ihren Piloten hinter dem breiten Hirschgeweih zudem zu einer betont aufrechten Haltung zwingt. Auf der 400er sitzt man kompakter und entspannter, die bequeme Bank lädt sogar zu längeren Ausfahrten ein.

So halte ich es selbst mit meinen 1,88 Metern auf der Yamaha SR 400 eine ganze Weile aus, zumal es trotz des gemäßigten Tempos nie langweilig wird. Dafür sorgen schon die komfortbetonten Federelemente, die zwar vieles schlucken, auf welligen Abschnitten mangels ausreichender Dämpfung aber auch viel Bewegung ins Geschehen bringen. Einfach rührend, wenn der kleine Single auf Holperstrecken demonstriert, wie authentisch heutzutage ein „neuer“ Klassiker fahren kann, der bereits 1978 die Massen mobilisierte.

Sehr gute Verarbeitung

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Selbst wenn es mal schaukelt und rührt, wird es auf der Yamaha SR 400 nie ungemütlich oder gar gefährlich. Sie macht halt nur keinen Hehl daraus, dass sie trotz Einspritzung und nunmehr kräftiger zupackender Doppelkolben-Scheibenbremse vorn technisch den Stand der späten 1970er-Jahre repräsentiert. Was Rudolf beim Vergleich der beiden Varianten umgehend bestätigt. Wen das stört, der darf – wie früher – in progressive Gabelfedern und Zubehör-Stoßdämpfer investieren.

Dafür entschädigt die Yamaha SR 400 mit sehr guter Verarbeitung, selbst Schweißnähte und Lackauftrag am Rahmen überzeugen. Wappnen Sie sich also vor dem Besuch Ihres Yamaha-Händlers – es könnte Ihnen sonst wie Rudolf und mir ergehen.

Foto: Bilski
Bewährtes blieb: Die Zifferblätter der SR 400 wirken etwas verspielter.
Bewährtes blieb: Die Zifferblätter der SR 400 wirken etwas verspielter.

Technische Daten Yamaha SR 400

Motor
Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, eine obenliegende Nockenwelle, zwei kipphebelbetätigte Ventile, Bohrung x Hub 87 x 67,2 mm, Verdichtung 8,5:1, Hubraum 399 cm³, Leistung 17,1 kW (23 PS) bei 6500/min, max. Drehmoment 27 Nm bei 3000/min.

Kraftübertragung
Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kettenantrieb.

Fahrwerk
Einschleifenrahmen aus Stahlrohr, hydraulisch gedämpfte Telegabel, Ø 35 mm, Federweg 150 mm, Zweiarmschwinge aus Stahlrohr mit zwei Federbeinen, Federweg 125 mm, Drahtspeichenräder mit Alu-Felgen, Reifen 90/100-18 vorn, 110/90-18 hinten, Scheibenbremse mit Doppelkolben-Bremszange vorn, Ø 298 mm, Trommelbremse hinten, Ø 150 mm.

Maße und Gewichte
Radstand 1410 mm, Gewicht 174 kg (vollgetankt), Sitzhöhe 780 mm, Tankinhalt 12,0 Liter.

Beschleunigung 0–100 km/h: 11,0 sek
Durchzug 60–100 km/h: 11,3 sek
Höchstgeschwindigkeit: 128 km/h
Preis: 5975 Euro (inklusive Nebenkosten)
Infos:www.yamaha-motor.eu/de

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