Auf Achse: MV Agusta 600 4C Motorrad von Welt

Nach Gutsherrenart auf einem Tourenmotorrad ausreiten, angetrieben von einem Vierzylinder mit weltmeisterlichem Flair - dies schien Graf Domenico Agusta ein guter Plan.

Foto: Jahn

Wie ein Straßenmotorrad von MV Agusta auszusehen hätte, wusste Mitte der 60er-Jahre jeder Grand-Prix-Fan: Rot wie die Sünde, mit Vierzylinder-Rennmotor, langem, geschwungenem Tank, Sitzhöcker, Stummellenkern und dem Allernötigsten, was der Straßenverkehr eben so diktiert.

 

Doch es sollte ganz anders kommen: Die MV Agusta 600 4C trug einen Rechteckscheinwerfer vom Format eines Brotkastens, verchromte Signalhörner an üppigen Sturzbügeln und ebensolche Kotflügel, dazu eine Stufensitzbank für die entspannte Tour zu zweit und einen breiten US-Lenker. Schwarz lackiert, die Flanken des satte 20 Liter fassenden Tanks verchromt. All das hätte einem Tourer oder gar einem Chopper gut zu Gesicht gestanden, aber keinesfalls einer MV.Trotzdem schmückte dieses Ensemble die allererste Serien-Vier­zylinder des italienischen Herstellers.

Die 1950 vorgestellte 500er-Turismo-Straßenversion mit Vierzylindermotor war nie in Serie gegangen, und es dauerte noch anderthalb Jahrzehnte bis zum nächsten Rollout eines Straßen-Vierzylinders aus Gallarate. Erstaunt bis erschüttert standen die Fans 1965 auf der Mailänder Messe vor einer MV Agusta, die so gar nicht in ihr Weltbild passte. Der Motor zeigte zwar technisch und optisch seine Verwandtschaft zu den Vierzylindern der MV-Rennmaschinen, die unter John Surtees, Gary Hocking und Mike Hailwood von 1956 bis 1965 13 Titel in der 350er- und 500er-WM eingefahren hatten. Damit waren die Parallelen aber auch schon beendet. Die 600 4C wirkte in ihrem schwülstigen Ornat eher wie ein Betriebsunfall der Designer.

 

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Foto: Jahn

Tatsächlich aber stand hinter der Überlegung nüchternes Kalkül von allerhöchster Ebene. Genau das nämlich, was sportlich ambitionierte Motorradfahrer beim Anblick der 600er in ihrer Fantasie bewerkstelligten, nämlich einen sportlichen Umbau, wollte Firmenoberhaupt Conte Domenico Agusta höchstpersönlich um jeden Preis verhindern. Niemand sollte auf die Idee kommen, den Tourer umzufunktionieren und gar in Konkurrenz zu den haus­eigenen Rennmaschinen zu treten. Dieser Ansatz erklärt auch den Hubraum von 600 cm³ und den Kardanantrieb. Einen Edeltourer für eine betuchte Klientel sollte die 600er-MV nach dem Willen des Chefs darstellen und vor allem amerikanische Kunden ansprechen.  1 060 000 Lire, umgerechnet etwa 7500 Mark kostete das Motorrad. Zum Vergleich: Das BMW-Spitzenmodell, die R 69 S, war für 4430 Mark zu haben; die Münch 4 sollte mit 6500 Mark in den Verkauf gehen. Nur die großen Harley-Modelle mit 1200 cm³ übertrafen die MV im Preis.

Allein der renommierte Markenname und der technisch anspruchsvolle Reihenvierzylinder versprachen hohe Exklusivität und hätten sportliche Ambitionen wecken können. Der Motor war genauso aufwendig konstruiert wie die Triebwerke der Werksrennmaschinen und entsprach mit den beiden oben liegenden, zahnradgetriebenen Nockenwellen samt Tassenstößeln dem Stand der Renntechnik. Auch die Bauweise mit dem "Bankett", das die Kurbelwelle aufnahm und mit dessen Hilfe sich der komplett vormontierte Motor ins Gehäuse setzen ließ, hatte MV von den Rennmaschinen übernommen; ebenso die Lagerung der Steuerräder in einem Stahlturm, der sich der Wärmeausdehnung der Zahnräder anpasste.

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Foto: Jahn

Technische Daten

MV Agusta 600 4C

Motor: Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei Ventile pro Zylinder, zwei oben liegende, zahnradgetriebene Nockenwellen, Tassenstößel, Bohrung 58 mm, Hub 56 mm, Hubraum 592 cm³, Verdichtung 9,3 : 1, 52 PS bei 8200/min, zwei Rundschiebervergaser, Dell'Orto UB 24, 24 mm

Elektrische Anlage: E-Starter, Batterie 12 V/18 Ah, kontaktgesteuerte Batterie-Spulenzündung, Gleichstrom-Lichtmaschine, 12 V/135 W

Kraftübertragung: Mehrscheiben-Ölbadkupplung, klauengeschaltetes Fünfganggetriebe, Primärtrieb: Zahnräder, Sekundärantrieb: Kardan

Fahrwerk: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, vorn Ceriani-Telegabel, hinten Zweiarmschwinge aus Stahlrohr, zwei Federbeine, Drahtspeichenräder, Reifen vorn 3.50 H 18, hinten 4.00 H 18, vorn Doppelscheibenbremse, 216 mm, mechanisch betätigte Schwimmsättel, hinten Simplex-Trommelbremse

Maße und Gewichte: Länge 2210 mm, Radstand 1390 mm, Sitzhöhe 810 mm, Gewicht (trocken) 221 kg, Tankinhalt 21 Liter

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 175 km/h

Preis: 1060000 Lire, ca. 7500 Mark (1966)

Hersteller: Mecchanica Verghera S. p. A., Gallarate, Italien

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