Auf Achse Urban Motor "Earl Grey" Erster Aufguss

Die Mischung macht‘s, nicht nur bei gutem Tee. Dieser BMW-Café Racer von Urban Motor glänzt ganz in Anthrazit-Grau durch Eleganz, Erhabenheit, Kraft und Kultur.

Foto: Schmieder

Spätherbst 2010, im Osten von Berlin. Geduckt, sehnig, sprungbereit wie ein Leopard kauert dieses Motorrad auf seinem Seitenständer. Lang und schlank. Eine mechanische Skulptur, plastisch und puristisch, stämmig und stimmig. Selbst die Touristen erliegen dem Reiz dieses Motorrads, vergessen für einen Moment Mauerreste, Mahnmale und Museen. Junge Studentinnen streicheln zärtlich über den wohlgerundeten Bürzel dieser BMW, flirten mit Peter Dannenberg, dem Noch-Besitzer.

Beseelt, begehrt, bewundert – dieser Boxer hat einfach Charme. Weil die Vergangenheit eben nicht der Feind der Zukunft ist, Modernes sehr wohl eine Symbiose mit dem Bewährten eingehen kann. Oder sollte.

Hier parkt in Metall ausgelebte Leidenschaft. Ein Motorrad, gebaut aus Aluminium, Stahl und Ideen. Geschweißt, gedengelt und gefräst in der „Kradschmiede“ von Urban Motor (www.urban-motor.de). Dahinter stecken Peter Dannenberg und Michael Schulz-Vollmers, Berlins vielleicht netteste Schrauber. Die Werkstatt liegt nur eine S-Bahn-Station vom Alexanderplatz entfernt, mitten in der brodelnden Metropole. Konsequent besetzt die 2009 gegründete Firma eine Nische: zwei Ventile, zwei Zylinder, europäische Marken.

Heißt konkret Ducati, Moto Guzzi und vor allem BMW. Service und Reparaturen sind die Pflicht, hochwertige, individuelle Umbauten die Kür. Oft sind das „stylische Stadtmotorräder“, Boxer mit fetten Einzelsitzen, breiten Enduro-Lenkern und wuchtigen Kotflügeln. Anders, ganz anders fällt dieser elegante 1000er-Café Racer stilistisch aus. Lang gestreckt und schmal, wenn man von den breiten Zylindern mal absieht. Sie entfalten ihren ganz eigenen Reiz, halten ihre Kühlrippen trutzig in die Sonne. Hier hat so ziemlich das Schönste aus BMWs Boxerbaukasten zusammen gefunden. Peter und Michael haben Motor, faltenbalgbestückte Gabel und Vorderbremsen einer R 100 RS mit dem Rahmen und der Einarmschwinge einer R 80 G/S gekreuzt.

Hohes handwerkliches Können und erlesene Zutaten machen aus dem an sich einfachen Grundrezept eine Zweirad-Köstlichkeit. 300 bis 400 Arbeitsstunden stecken in diesem Umbau, „100 zum Überlegen, der Rest zum Bauen“ (Michael). Eine Eigenanfertigung etwa sind Kennzeichen- und Fußrastenträger sowie das Rahmenheck als Halt des verführerischen Bürzels. Ihn hat der Spezialist Friedhelm Lammers (www.alu-tanks.de) nach Zeichnungen und Maßen von Urban Motor aus Alublech gefertigt. Auch das rudimentäre Schutzblech vorn und der 26-Liter-Tank von WBO bestehen aus Aluminium.

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Foto: Schmieder

Alles lackiert, anthrazit-grau, mit kontrastierenden schwarzen Längsstreifen: „Weil poliertes Alu out ist“, sagt Peter. So lebt dieses unbunte, doch glänzende Motorrad schlicht gepflegtes Understatement. Von wegen BMW stünde für „Blau mit Weiß“. Aus einem Namenswettbewerb unter Kunden und Freunden von Urban Motor ging der Name dieses Projekts hervor, „Earl Grey“. Er trifft dezente Farbgebung und gepflegte Noblesse gleichermaßen. Steht der Name doch für den Adligen Earl Charles Grey, der 1833 als britischer Premierminister das Preismonopol der East India Company im Teehandel mit China aufhob. Der Legende nach brachte der Brite einen mit Bergamotte-Öl aromatisierten Tee nach England, der sich schnell großer Beliebtheit erfreute.

Extrem reduziert, ist die „Earl Grey“ eine Maschine für Menschen, die Schönes gern anfassen, die Dinge „begreifen“ wollen. Jedes einzelne Teil besteht den Klopftest. Die Auspuffe liegen übereinander, zusammen mit der Einarmschwinge und dem angepassten Wilbers-Federbein auf der rechten Seite. Dies verleiht dem Motorrad eine verwegene Asymmetrie. Von links betrachtet scheint das Hinterrad frei zu schweben. Gestartet wird per Induktion, dank des schlüssellosen Zündschlosses von Motogadget. Mit dem Druck aufs Knöpfchen pröttelt und brummt der Boxer angenehm vor sich hin.

Nicht laut, eher zurückhaltend, tönen die aneinander geschmiegten, schlanken Auspufftüten. Sie hat Michel im Hoske-Stil selbst gebaut. Und sie auf Hitzeband-ummantelte Krümmer einer R 1100 RT verpflanzt, die jedoch früh aufsetzen. Los! Die Drehzahlmessernadel im Chronoclassic-Instrument von Motogadget schnellt augenblicklich hoch. Der Zweiventiler hängt fein am Gas, Getriebe und Kupplung funktionieren gut. Der Hintern fläzt sich auf der mit Porsche-Leder abgesteckten Sitzbank, die Arme müssen sich weit zu den massiven Magura-Lenkerstummeln strecken. Fühlt sich gut an. Okay, die LSL-Lenkerendenspiegel bieten nur rudimentäre Rücksicht. Na und? Man sieht auch so, wie einem viele Augenpaare zufliegen.

Massiv metallisch und gleichzeitig luftig-leicht, verströmt diese BMW reichlich Renn-Esprit. Dies steigert die überstreckte Sitzhaltung beim Flug durch die Häuserschluchten noch. Frontal dominiert das blank polierte Startnummernfeld. Ein Projektionsscheinwerfer versteckt sich Unterm Lenkkopf; er sitzt in einem zweckentfremdeten, Topf-Rücklichtgehäuse einer R 50. Eigentlich will Urban Motor gar keine Beleuchtung, aber Gesetz ist Gesetz.

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Foto: Schmieder

Zugunsten des aufgeräumten, coolen Looks haben Michael und Peter das Motorengehäuse in der Höhe gekappt, den Luftfilterkasten weggelassen. Hörbar schnorchelt das Herz des Boxers aus den offenen K&Ns nach Luft. Völlig serienmäßig ist das 70-PS-Aggregat, bloß gut „revisioniert“: Zylinder nikasil-beschichtet, Ventil- und Kurbeltrieb überholt, Köpfe und Kolben neu. Passt. Der Boxer puncht kräftig und gleichmäßig. Zumindest in der Großstadt ist das mehr als genug Leistung.

Was hier zählt, heißt Druck im Keller. Und den hat der 1000er-Motor zuhauf. Lässt sich schon bei tiefen Drehzahlen unter Last nehmen, wo andere Konstruktionen noch mit Schluckauf kämpfen. Weich schiebt der gut abgestimmte Boxer an. Energisch schickt die Kardanwelle die Kraft ans Drahtspeichenrad weiter. Der Fahrstuhleffekt beim Gas geben hält sich in engen Grenzen.

Dankbar folgt die 1000er auf nicht zu breiten Reifen (3,25 x 19 und 4,00 x 18) jedem Lenkimpuls. Im Wortsinn, beim Abbiegen. Echte Kurven sind in der Millionenmetropole eher Mangelware. Aber in jede einzelne wirft sich die „Earl Grey“ mit Wonne hinein. Die famosen Bridgestone BT 45 würden zwar besser haften als die angejahrten Metzeler Rille 11 und ME 77. Aber die Münchner Gummis passen mit ihrem klassischen Profil einfach besser zum Konzept. Ein K.o.-Kriterium, denn bei einem Gesamtkunstwerk zählt jedes Detail. Nur deswegen ist der Erlebniswert so hoch.

Eine Tour, die in der Erinnerung rückstandsfrei verpufft? Nicht mit diesem Motorrad. Da brennt sich jeder Meter ein unter der Schädeldecke. Lebens- und Fahrfreude, Handwerkskunst und Zweiradkultur hängen eng zusammen. „Beweg dein Herz!“ – fordert dieser ganz spezielle Café Racer auf.Frühwinter 2010, wieder in Berlin Mitte. Peter Dannenberg verabschiedet sich vom Earl Grey. Er hat den Café Racer mit „tränenden Augen“ verkauft. An einen Interessenten, der eigentlich eine Moto Guzzi erstehen wollte.

Dann muss diese BMW wirklich beseelt sein. Der neue Besitzer lebt in München. Isar statt Spree, heißt es also 2011. An eine Kleinserie der Earl Grey sei nicht gedacht, sagt Peter. Zu schwer, genügend Teile zu beschaffen. Aber nochmal eine einzige zu bauen, wäre durchaus denkbar. „Die ist schon noch reproduzierbar.“ Es besteht also Hoffnung, für einen zweiten Aufguss.

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