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Benelli BN 600 R im Test Made in China and Italy

Die Europa-Version der Benelli-Motorräder werden in China produziert, aber bei Benelli in Italien mitentwickelt und montiert. So auch die 82 PS starke Benelli BN 600 R, von der wir ein Vorserienmodell für den Kurztest gefahren sind.

Gut Ding will Weile haben, in China offenbar besonders lange. Acht Jahre hat es seit der Übernahme der italienischen Marke Benelli gedauert, bis der chinesische Eigner Qianjiang, kurz QJ genannt, nun mit einer Strategie für die Motorradproduktion herausrückt. Im Mittelpunkt stehen günsti­ge Vier- und Zweizylindermodelle, die in ähnlicher Form in Asien, Europa und Süd­amerika auf den Markt kommen. Die Europa-Version wird jeweils bei Benelli in Italien mitentwickelt und montiert.

Erster Vertreter dieses „Made in China and Italy“ ist der Vierzylinder Benelli BN 600 R mit 82 PS. Einen Prototyp konnte MOTORRAD bereits im Sommer fahren (Ausgabe 19/2013), nun stand ein Vorserienmodell am Benelli-Stammsitz in Pesaro an der Adria ­bereit. Die 600er wirkt erwachsen und gut verarbeitet. Den bulligen Motor und die Struktur liefert das chinesische Werk, Benelli Italien übernimmt die Montage und verfeinert das Motorrad mit europäischen Komponenten. ­Dazu gehören die Marzocchi-Upside-down-­Gabel, das einstellbare Sachs-Federbein, Brembo-Radialzangen, Metzeler Sportec-­Reifen und ein heiser bellender, emotionaler Sound, an dessen Abstimmung lange ­getüftelt wurde.

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Einfach zu fahrendes Mittelklasse-Motorrad

Konzipiert ist die Benelli BN 600 R als einfach zu fahrendes Mittelklasse-Motorrad, mit dem auch Menschen mit weniger Erfahrung zurechtkommen sollen. Dem wird sie gerecht, schon die leicht vorgebeugte, entspannte Sitzposition vermittelt ein gutes Gefühl und viel Kontrolle, die Bedienung funktioniert intuitiv. Wie von selbst nimmt die BN 600 R die teils sanften, teils steilen Kurven der Panoramica, der Höhenstraße zwischen Pesaro und Riccione.

Dank der ausgeklügelten Gewichtsverteilung mit 52 Prozent Last auf dem Vorderrad lässt sich der Vierzylinder mit wenig Kraftaufwand lenken und bleibt stabil auf Linie. Das Fahrwerk arbeitet grundsätzlich ordentlich, allerdings setzt die weich abgestimmte Gabel eiligen Zeitgenossen Grenzen. Doch bei Landstraßentempi zwischen 80 und 120 km/h fühlt sich die Benelli BN 600 R pudelwohl und schwingt harmonisch durch Kurven und Kehren, die kräftigen Brembo-Stopper lassen sich punktgenau dosieren; ABS ist aber leider nicht an Bord.

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Getriebeabstimmung ist gewöhnungsbedürftig

Gewöhnungsbedürftig ist bei der Benelli BN 600 R die Getriebeabstimmung: Der extrem kurze erste Gang dient lediglich zum Anfahren, im ebenfalls kurzen sechsten Gang dreht der Motor bei Tempo 130 schon mit 7000/min und verursacht in Lenker und Fußrasten spürbare Vibrationen sowie ein leichtes Scheppern im Cockpit. Die nicht immer geschmeidigen Lastwechselreaktionen wollen die Techniker bis zum Serienstart noch verbessern.

Die Produktion der Benelli BN 600 R beginnt in diesen Tagen, der Marktstart ist für Januar zum Preis von 6490 Euro vorgesehen. Auch in Deutschland will Benelli mit ihr wieder besser Fuß fassen. Das Vertriebsnetz soll auf mindestens 30 Händler ausgebaut werden, ein Importeur wird derzeit gesucht.

Foto: Benelli
Knackig: Typisch italienisch wirkt das Design der BN 600.
Knackig: Typisch italienisch wirkt das Design der BN 600.

Technische Daten

Motor

Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile, Einspritzung, Ø 38 mm, Nasssumpfschmierung, geregelter Kat, Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.

Bohrung x Hub 65 x 45,2 mm

Hubraum 600 cm³

Nennleistung 60 kW (82 PS) bei 11.500/min

Max. Drehmoment 52 Nm (5,3 kpm) bei 10.500/min

Fahrwerk

Gitterrohrrahmen aus Stahl mit verschraubten Alu-Gussteilen, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, Alu-Zweiarmschwinge, direkt angelenktes Federbein, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Scheibenbremse vorn, Ø 320 mm, mit Radialzangen, Scheibenbremse hinten, Ø 260 mm, Zweikolben-Festsattel.

Alu-Gussräder 3.50 x 17; 5.50 x 17

Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17

Maße und Gewichte

Radstand 1430 mm, Lenkkopfwinkel 66 Grad, Nachlauf 98 mm, Sitzhöhe 800 mm, Gewicht vollgetankt 220 kg, Zuladung 190 kg, Federwege 120/123 mm, Tankinhalt/Reserve 15/3 Liter.

Garantie zwei Jahre

Farben Rot, Schwarz, Weiß

Preis 6490 Euro

Foto: Benelli
Pläne und Projekte: der R & D-Chef von Benelli Italien im Gespräch mit MOTORRAD-Korrespondentin Eva Breutel.
Pläne und Projekte: der R & D-Chef von Benelli Italien im Gespräch mit MOTORRAD-Korrespondentin Eva Breutel.

Interview mit Stefano Michelotti

Benelli baute bislang große und starke Dreizylinder. Warum setzen Sie jetzt auf einen eher braven Vierzylinder?
Unser Mutterkonzern QJ wollte ein Motorrad, das ein möglichst großes Publikum anspricht und das auch Einsteiger fahren können. Für uns ist das ein wichtiger Schritt, denn damit können wir neue Kunden gewinnen.

Wo wurde das Motorrad entwickelt?
Das Projekt entstand bei uns in Pesaro, es wurde dann bei QJ für den asiatischen Markt zur Serienreife gebracht. In China gibt es die BN 600 schon seit zwei Jahren, rund 3000 Stück wurden bislang abgesetzt. Die R-Version für Europa haben wiederum wir gemacht, nämlich mit europäischen Komponenten. Die 50er-Gabel etwa ist die gleiche wie bei unseren Dreizylindern TNT und Trek, nur weicher abgestimmt.

Warum wurde die Gabel so weich abgestimmt?
Das sorgt zum einen für mehr Komfort und zum anderen dafür, dass das Vorderrad nie abhebt; unsere Zielgruppe sind ja Menschen mit nicht ganz so viel Erfahrung. Wir werden aber Nachrüstkartuschen anbieten, die eine Einstellung und damit eine straffere Abstimmung ermöglichen.

Wir haben die BN 600 schon mit anderen Markennamen gesehen, etwa Generic. Wie ist das zu erklären?
Dabei handelte es sich um die chinesische Version des Motorrads, die nach Europa importiert wurde. Wir haben das jetzt unterbunden, die BN gibt es nur noch von Benelli.

Warum fehlt ABS?
Wir kooperieren mit Bosch, aber die Entwicklung dauert noch etwa ein Jahr. Das Motorrad ist für ABS vorbereitet, das lässt sich dann ganz einfach in die Produktion integrieren.

Was ist mit dem Zweizylinder Due 756, der vor einigen Jahren gezeigt wurde, und was passiert mit dem Dreizylinder?
Am 750er-Zweizylinder arbeiten wir wieder, das ist das nächste Projekt. Unser Dreizylinder bleibt im Programm und wird kontinuierlich modellgepflegt. Mit dem Vierzylinder der BN 600 wird es auch eine Tourenversion geben, außerdem ein Einsteigermodell mit 48 PS und mittelfristig sportlichere Varianten, denn der Motor schafft ohne Begrenzer immerhin 96 PS. Schließlich kommt nächstes Jahr auch noch ein 300er-Zweizylinder. Insgesamt ist unsere Produktpalette also viel breiter als früher, wir haben unsere Nische verlassen.

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