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Bimota DB9 Brivido S im Test Feinste Zutaten und technische Leckereien

Seit über 40 Jahren umgibt die Maschinen der italienischen Edelschmiede Bimota eine magische Aura. Was macht sie so besonders? Ein Erklärungsversuch am Beispiel der Bimota DB9 Brivido S.

Ist es das Design? Oder die zahlreichen aus dem Vollen gefrästen, herrlichen Alu-Teile? Die technische Eigenständigkeit? Das tolle Finish und feinste Materialien? An lediglich einem dieser Punkte lässt sich die Faszination, die von den Bikes aus Rimini ausgeht, nicht ausreichend festmachen. Vielmehr zählt das große Ganze, das Gesamtkunstwerk, das bei Fans in aller Welt immer wieder wahre Euphorie auslöst.

Dabei ist die Vorgehensweise von Bimota seit der Firmengründung 1973 immer dieselbe: Man nehme einen potenten Motor, stimme ihn nach eigenen Vorstellungen ab und stecke ihn in ein selbst entwickeltes, sportliches Fahrwerk. Nach dieser Machart verließen bereits über 50 verschiedene Modelle die Werkshallen an der Adria. Bis auf wenige Ausnahmen verläuft auch die Namensgebung der Bikes immer gleich: Der erste Buchstabe steht für den Motorenhersteller, der zweite – stets ein „B“ – für Bimota und die Ziffer dahinter für die Anzahl der Modelle, die mit dem jeweiligen Motorenlieferanten produziert wurden. Demnach ist die Bimota DB9 mit dem exotischen Beinamen Brivido (Schauer, Nervenkitzel) die neunte Bimota mit Ducati-Motor. Übrigens: Seit der Wiederbelebung 2005 nach der Firmenpleite im Jahr 2000, tragen Bimotas ausschließlich Herzen aus Bologna.

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Rimini-Bike rennt wie der Teufel

Das ändert sich zwar gerade, denn mit der BB3 steht ein heißes Superbike mit dem Antrieb der BMW S 1000 RR kurz vor der Fertigstellung. Doch auch die bereits 2012 lancierte Bimota DB9 Brivido ist mit dem feinen Motor der Ducati Diavel alles andere als untermotorisiert. Mit gemessenen 151 PS rennt das Rimini-Bike wie der Teufel und schießt seinen Piloten auf Wolke sieben. Allerdings nimmt das Aggregat erst ab 4000/min Vollgas an, dazu peitscht die Bimota DB9 Brivido S unterhalb dieser Marke bisweilen heftig mit der Kette. Außerdem geht sie recht abrupt ans Gas, was beim Herausbeschleunigen besonders aus langsamen Ecken eine sensible Gashand erfordert. Doch dann verwöhnt der Twin mit einer sagenhaften Laufkultur und einer Elastizität, die ihresgleichen sucht. Unterm Strich ist der V2 ein großartiger Gute-Laune-Landstraßen-Motor mit atemberaubenden Quali­täten zwischen 4500 und 8500/min.

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Foto: Jahn
Feinste Materialien, ansprechendes Design und technische Leckereien sind typisch für eine Bimota.
Feinste Materialien, ansprechendes Design und technische Leckereien sind typisch für eine Bimota.

Typisch für Bimota: Herausragende Eigenschaften gehen oft einher mit technischen Unzulänglichkeiten. Beim Testmotorrad betrifft das unter anderem den Tacho, der lange Fantasiewerte anzeigte und so den Fahrer zwang, die Geschwindigkeit Pi mal Daumen zu schätzen. Nach ein paar Stunden funktionierte die Anzeige plötzlich wieder einwandfrei. Weitere Schnitzer: Das Bremspedal der Bimota DB9 Brivido S blieb stecken, wodurch der hintere Stopper überhitzte und der Brivido-Treiber beim nächsten Ankern ins Leere trat. Außerdem verabschiedete sich schon früh die Blindschraube für eine Lambdasonde im Krümmer.

Solche Momente verdeutlichen, dass der Kleinserien-Hersteller wohl nie die Reife von Maschinen eines Großkonzerns erreichen wird. Andererseits verzaubern Bimotas fast immer mit besonderen Fahreigenschaften, wie das Fahrwerk der Bimota DB9 Brivido S eindrücklich belegt: Die vollgetankt nur 197 Kilo schwere Italienerin biegt wunderbar handlich, sehr neutral und äußerst präzise in die Kurven und durcheilt diese außerordentlich stabil. Zwar herrschte bei einem Vergleich 2012 auf der Nordschleife (PS 6/2012) deutlich Unruhe im DB9-Gebälk, was aber sehr wahrscheinlich an den ultraschnellen Passagen im Verbund mit den teils groben Unebenheiten dieser einzigartigen Strecke gelegen hat.

Bimota DB9 Brivido glänzt mit technischen Besonderheiten

Hier und heute zieht die Bimota DB9 Brivido S jedenfalls selbst im Attacke-Modus seelenruhig ihre Bahn. Doch auch fahrwerksseitig gibt’s bei viel Licht etwas Schatten: Die recht straffen Federelemente neutralisieren vor allem üble Bodenwellen nur mittelmäßig.

Doch das harte Fahrwerk verzeiht man ihr gerne, denn wie bei den italienischen Bikes üblich, glänzt auch die Bimota DB9 Brivido S mit technischen Besonderheiten. Bei ihr stützt sich das Federbein nicht wie sonst oben am Rahmen ab, sondern am verlängerten oberen Ausleger der wunderschönen Stahlrohrschwinge. Dazu beherbergt die Aufhängung einen Exzenter zur Justierung des Schwingenwinkels, der sich mit wenigen Handgriffen verstellen lässt. Vielfache Einstellungen brachten letztlich die Erkenntnis, dass die Werksposition einen idealen Kompromiss aus Handlichkeit und Stabilität darstellt.

Auch die riesige einzelne Bremsscheibe mit innenliegendem Sattel ist ein echter Blickfang. Allerdings bleibt dieses exklusive Feature lediglich der S-Variante vorbehalten und hat seinen Preis: Knapp 1100 Euro Aufschlag muss der Bimotista gegenüber der Standard-Variante dafür hinblättern; alles in allem kostet die Bimota DB9 Brivido S rund 30.000 Euro. Solche Preise sind auch ein Grund, warum eine Bimota nie an jeder Straßenecke stehen wird. Was die Maschinen für viele nur noch reizvoller macht.

Foto: Jahn
Vielfache Einstellungen brachten letztlich die Erkenntnis, dass die Werksposition einen idealen Kompromiss aus Handlichkeit und Stabilität darstellt.
Vielfache Einstellungen brachten letztlich die Erkenntnis, dass die Werksposition einen idealen Kompromiss aus Handlichkeit und Stabilität darstellt.

PS-Daten und Urteil

Daten

Antrieb
Zweizylinder-90-Grad-V-Motor, vier Ventile/Zylinder, 119 kW (162 PS) bei 9500/min*, 128 Nm bei 8000/min*, 1198 cm³, Bohrung/Hub: 106,0/67,9 mm, Verdichtungsverhältnis: 11,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 56-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat, Kette.

Fahrwerk
Stahl-Gitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 65,0 Grad, Nachlauf: k. A. Radstand: 1430 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe. Zentralfederbein mit Umlenkung, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe. Federweg vorn/hinten: 125/125 mm

Räder und Bremsen
Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17/6.00 x 17, Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/55 ZR 17, Erstbereifung: Continental Race Attack, vorn: „Endurance“, hinten: „Comp“, 362-mm-Einzelscheibenbremse mit radial angeschlagenem Sechskolben-Festsattel vorn, 220-mm-Einzelscheibe mit Zweikolben-Festsattel hinten, kein ABS.

Maße und Gewicht
Länge/Breite/Höhe: 2040/840/1120 mm
Sitz-/Lenker­höhe: 825/1010 mm
Lenkerbreite: 755 mm
197 kg vollgetankt
v./h.: 49,5/50,5 %

Hinterradleistung im letzten Gang: 104,5 kW (142 PS) bei 243 km/h

Verbrauch
Kraftstoffart: Super bleifrei. Durchschnitts­testverbrauch: k. A., Tankinhalt 18 Liter, Reichweite: k. A.

Grundpreis: 29.990 Euro (zzgl. Nebenkosten)

Foto: PS

PS-Messwerte

Nominell 162 PS stark, aktiviert der Antrieb aus der Ducati Diavel lediglich 151 Pferde. Das sind zwar elf weniger als versprochen, dennoch genügt die Leistung selbst für sportliches Landstraßen-Glühen mit der Bimota DB9 Brivido vollauf. Zumal der Antrieb seine Leistung herrlich gleichmäßig und hervorragend dosierbar abgibt. Gleiches gilt fürs Drehmoment, die Kurve verläuft muster­gültig. Oberhalb von 4000/min schickt der V2 immer über 100 Nm ans Getriebe, der Spitzenwert liegt bei 120 Nm. Allerdings nimmt das Triebwerk erst ab dieser Marke Vollgas an, bei entsprechendem Kommando darunter verschluckt es sich gerne. Unterm Strich ist der Twin aber ein astreines Gute-Laune-Triebwerk.

PS-Fahrleistungen

Beschleunigung*Durchzug**Höchstge-
schwindig-
keit*
0-100 
km/h
0-150 
km/h
0-200 
km/h
50-100 
km/h
100-150 
km/h
Bimota DB9 Brivido 3,4 s5,5 s8,8 s6,3 s4,6 s270 km/h
*Herstellerangabe; **PS-Messung

PS-Urteil

Die Bimota DB9 Brivido S ist eine typische Bimota: sehr formschön und mit feinsten Zutaten und technischen Leckereien ausgestattet. Typisch sind aber auch der hohe Preis und ein Reifegrad, der nicht immer die höchste Stufe der Perfektion erreicht. Bikes aus Rimini sind immer auch Illusionen – aber sehr begehrenswerte.

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