Lesererfahrung: BMW K 1600 GT Dauertest - 22000 Kilometer später

Im Frühjahr war Christoph Dimter noch Gasttester bei MOTORRAD, verfiel der BMW K 1600 - und kaufte sich eine. Seine Bilanz nach einer Saison als Dauertester.

Bild: Jahn

Dieser Mann hat Glück, einfach Glück. Zuerst rennt er einen Teil der MOTORRAD-Testmannschaft am Empfang des Redaktionshauses fast über den Haufen, dann mit seiner Begeisterung für den noch nicht einmal offiziell präsentierten BMW-Sechszylinder-Tourer K 1600 GT offene Türen ein. Die Folge: Er darf mit zum Tourer-Vergleich (MOTORRAD 10/2011) über 5000 Kilometer nach Südfrankreich und Nordspanien, bestellt sich begeistert seinen eigenen BMW-Sixpack und sitzt seitdem als Vorruheständler mehr auf dem Motorrad als auf der heimischen Couch. Ein Glückspilz eben.

Dimter war schon immer Express-Reisender. Yamaha FJR 1300, zweimal Suzuki Hayabusa, zuletzt eine Kawasaki GTR 1400 - nur ein Auszug aus 42 Jahren Motorrad und 500000 Kilometern. Doch die K 1600 ist für ihn die Krönung. Dabei neigt der 60-jährige Getriebefachmann (Porsche-Rennabteilung) eher zur nüchternen Analyse als zum Überschwang. Auf die neue 1600er jedoch brät er in einer Saison über 20000 Kilometer. Sei es zum Kurvenwetzen in die Alpen, zum Kaffeetrinken an die Nordsee oder zum Heizen auf der Rennstrecke. Ja, richtig gelesen. Der Mann ist K 1600-verstrahlt. Aber er ist auch nüchterner Techniker. Dimter notiert, misst, wägt ab, teilt mit. Egal, ob in seiner persönlichen Bilanz für MOTORRAD oder in einem Schreiben an BMW-Chef von Kuenheim, dem er zu diesem Motorrad gratuliert. Und gleichzeitig viele Einzelposten als verbesserungswürdig moniert. Dimter sieht Handlungsbedarf.

Keine Frage, der Fachmann für flotte Gangwechsel ist kein einfacher Kunde. Erst recht nicht für einen Motorradhersteller, der schon in so manche Getriebefalle stolperte. „Unwürdig“, lautet denn auch Dimters Dik-tion, wenn es um den Antriebsstrang seiner K 1600 geht. Und dabei ist es nicht einmal der laute Schlag beim Einlegen des ersten Gangs, der ihn am meisten nervt. Es sind auch nicht die mal geräuschlosen und dann wieder laut krachenden Schaltvorgänge, die ihm bisweilen den Spaß verderben. Oder die häufiger herausspringenden Gänge, das Pfeifen des Primärtriebs oder die „Straßenbahngeräusche“ des Getriebes im fünften und sechsten Gang. Nein, es ist das allgegenwärtige „Klong“ beim Lastwechsel, das ihm keine Ruhe lässt und für das er als Beweis gleich ein Onboard-Video vom Passo Pian delle Fugazze mitliefert (www.youtube.com/watch?v=hvl3v0SNtBQ). „Aufgabe des Entwicklers ist es, die Auswirkungen des beim Klauengetriebe technisch notwendi-gen Spiels zwischen den Klauen, des sogenannten Freiwinkels, durch unterschiedliche Maßnahmen im Antriebsstrang zu minimieren“, doziert Dimter in seinem Report. Diese Problematik sei bei einer Yamaha FJR 1300 halbwegs, bei einer Kawasaki GTR 1400 gut und bei einer Yamaha Vmax (alles Motorräder mit hoher Leistung, hohem Drehmoment und vor allem Kardanantrieb) sensationell gut gelöst. Seine K 1600 GT jedoch sei ein Trauerfall. „Schalten - klong, Gas geben - klong, Gas wegnehmen - klong, einfach dauernd klong“, schreibt Dimter. Hier habe BMW einfach nicht zu Ende entwickelt.

Ganz im Gegensatz zum anderen Teil der Antriebseinheit, dem Motor. Das, was dieser Sechszylinder - ohne Einzeldrosselklappen, variable Ansaugwege oder gar verstellbare Nockenwellen, dafür aber mit einer Literleistung von gerade einmal 100 PS - mit der GT anstelle, sei einfach grandios. Und das bei einem Durchschnittsverbrauch, der laut Bordcomputer bei erstaunlichen 5,3 Litern auf 100 Kilometer liege. „Das habe ich in dieser Leistungsklasse noch nie erleben dürfen“, schwärmt Dimter, der zwar einen runden, aber keinesfalls bummeligen Fahrstil pflegt. „Bis heute habe ich keinen Betriebszustand erlebt, in dem sich der Motor nicht genauso verhalten hätte, wie ich das erwartet und gewünscht habe.“

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Foto: jkuenstle.de
Sechs Austrittsöffnungen der Sechs-in-zwei-Auspuffanlage verweisen auf den Motor.
Sechs Austrittsöffnungen der Sechs-in-zwei-Auspuffanlage verweisen auf den Motor.

Dieser Satz steht nicht nur für höchste Zufriedenheit, sondern auch für einen anderen Tatbestand. Seine K 1600 GT fiel niemals aus, war außer einem kaputten Blinkerschalter nie defekt. Und erfüllte zu-dem auch seine Fahrwerksansprüche perfekt. „Egal ob solo, solo mit Gepäck, mit Sozia und Gepäck: hochkomfortabel cruisen, flott reisen, hochdynamisch Spaß haben - ESA (das per Knopfdruck einstellbare Fahrwerk) einstellen, höchstes Niveau erwarten und bekommen. Das ist die K 1600 GT“, lobt der Alpenfan und kokettiert nebenbei damit, dass seine Fußrasten mächtig angeschliffen seien, während es die „Angstnippel“ schon lange nicht mehr gäbe. Auch ein Verdienst der Serienbereifung Metzeler Z8, die „Grip haben, bis alles aufsetzt, und das bei einer hohen Performance bis zum letzten Meter“. Bei Dimter reichte ein Satz für 6000 Kilometer - eine Laufleistung, die er bisher auf seinen Tourern nie erreichte.

Apropos erreichen: Das BMW-eigene Garmin-Navi fällt bei dem peniblen Routenplaner als zuverlässiger Zielführer weitgehend durch. Umständliche Bedienung, ungenaue Darstellung, zeitweilige Ausfälle - das könne sein mobiles TomTom wesentlich besser. Dazu noch eine nicht passgenaue Navi-Abdeckung direkt im Blickfeld, sehr liederliche Spaltmaße, das BMW-Kommunikationssystem mit lauten Störgeräuschen - bei aller Euphorie kommt die Kritik nicht zu kurz. Um zum Schluss dennoch ein begeistertes Resümee zu ziehen. „Was für ein Motorrad!“, fasst Dimter zusammen. „Vielen Dank, BMW! Und jetzt ran an die offenen Punkte!“

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