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BMW ProductionRacer PR 12 von TGP im Track-Test.

BMW ProductionRacer PR 12 von TGP im Track-Test Superbike auf S 1000 RR-Basis

Hochwertige Anbauteile, reichlich Hirnschmalz und der Hang zur Perfektion formten den BMW ProductionRacer PR 12 der Tuning-Schmiede TGP. Hört sich teuer an, ist es auch. Doch letztlich verfolgt sein Schöpfer ein ehrgeiziges Ziel.

Zuckeln hier nur 600er herum? Beinahe scheint es so, denn die Tausender schnupft mühelos einen Gegner nach dem anderen auf: Bike nach der Kurve aufrichten, Konkurrenz anvisieren, Gas auf Anschlag drehen und zack, vorbeiziehen! Wie ist das möglich? Natürlich jagen bei diesem Renntraining in Mugello/Italien auch noch andere Superbikes um den Kringel. Die Antwort stammt aus Bayern und heißt PR 12.

Nie gehört? Das wundert nicht, denn bis jetzt existiert nur eine Handvoll dieser Bikes. Das Kürzel steht für Production Racer Nummer eins, Leistung über 200 PS. Basis bildet die BMW S 1000 RR, die außer dem Motor auch Rahmen, Schwinge und Tank stiftet. Wer nun denkt, die PR 12 sei ein weiterer langweiliger Bayern-Ofen mit viel Power, aber wenig Charisma, ist auf dem Holzweg. Denn der von der Tuning-Schmiede TGP konstruierte Renner brilliert mit vielen ausgeklügelten Details und ist äußerst akkurat aufgebaut, wie Inhaber Thomas Nützl am Beispiel des Fahrwerks erklärt: „In Rahmen und Schwinge verbauen wir Präzisionslager, montieren die restlichen Fahrwerkskomponenten und den Motor, vermessen die Maschine mit dem Laser und distanzieren sie penibel aus.“ Dass in so einem Chassis nur edelste Federelemente stecken, versteht sich von selbst. Vorn arbeitet eine feine, Gasdruck-unterstützte Superbike-Werksgabel von Öhlins, hinten kommt mit dem TTX 36 ebenfalls Schwedengold zum Einsatz. Beide hat TGP überarbeitet. Was die Spezialisten genau änderten, darüber schweigt der Chef: Betriebsgeheimnis!

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Mit fünf Litern Sprit wiegt die PR 12 nur 157 Kilo

Im Gegensatz zu den unergründlichen Tiefen der Feder­elemente ist die komplett neu gestaltete Umlenkung am Federbein mit bloßem Auge erkennbar. „Für die An- und Umlenkung haben wir viele Versuche mit unterschiedlichen Hebeln und Zug­streben unternommen“, sagt Nützl. „Nun baut der Dämpfer seine Kraft schön linear auf.“ Weitere Maßnahmen am Fahrwerk: höher und weiter vorn gelagerte Schwinge, mehr Nachlauf dank einstellbarer Eigenbau-Gabelbrücken, leicht angehobenes Niveau. Im Verbund mit dem um 15 Millimeter höheren Sitzpolster wandert der Schwerpunkt etwas weiter nach oben, was dem Handling zugutekommt.

Tatsächlich stürmt die PR 12 wieselflink und punktgenau durch die zahl- und trickreichen Kurvenkombinationen wie beispielsweise jene von Luco und Poggio Secco (Kurven zwei und drei) oder Scarperia und Palagio (zehn und elf). Einen gewissen Anteil dieser Leichtigkeit tragen die Magnesiumräder, eine Spezial­anfertigung von Marchesini. Dazu pfeilt der Renner selbst durch schnelle Bögen, wie den berühmten Arrabbiata eins und zwei, ultrastabil. Einzig beim Herausbeschleunigen aus der Zielkurve zuckt das Bike mit dem Lenker, wenn der Pilot mit Vollgas über die kleine Kuppe am Anfang der Start/Ziel-Geraden schießt. Gegenmaßnahme: Gewicht nach vorn verlagern und in die Rasten stehen. Tut man das nicht, schaukelt sich die PR 12 spürbar auf. „Das Fahrwerk ist auf mich abgestimmt“, erläutert Nützl. „Bei mir bleibt die Maschine ruhig. Ich bin etwas schwerer als du und fahre entsprechend harte Federn“. Das klingt plausibel. Dennoch zeigt der Blick aufs Gewicht, woher die leichte Nervosität an dieser Stelle auch rühren könnte. Mit fünf Litern Sprit soll das Superbike laut TGP gerade einmal 157 Kilo auf die Waage stemmen – ein absoluter Topwert! Die Angabe können wir bei diesem Fahrtermin zwar nicht überprüfen, bezweifeln sie aber aufgrund der Wahnsinns-Dynamik keine Sekunde.

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Front und Heck informieren haarfein

Über alle Zweifel erhaben ist auch das Feedback der PR 12. Front und Heck informieren haarfein, was der Asphalt hergibt. Auch das zwar straffe, aber nicht zu harte Sitzpolster trägt dazu bei. Außerdem erleichtert die extrem schmale Sitzbank die Turnübungen des Piloten bei Richtungswechseln. Und die Bremsen? Hammer! Pumpe und Sättel stammen von Brembo und stecken baugleich in den meisten MotoGP-Bikes. Die Stopper verzögern brachial, sprechen extrem präzise an, liefern völlige Transparenz und sind unbezwingbar – ein Traum aus gefrästem Metall! Dazu kann der Fahrer das Kraft/Weg-Verhältnis der Bremspumpe exakt auf seine Vorlieben einstellen.

Anpassen kann er die PR 12 auch in anderer Hinsicht. Mit den drei Versionen V01 bis V03 bietet die PR 12 sowohl verschiedene Fahrwerkskomponenten als auch unterschiedliche Leistungsvarianten des Motors. Dabei gilt hier wie dort: je höher die Zahl, desto aufwendiger das Tuning. Triebwerk eins soll laut Nützl knapp 200 PS leisten, Nummer zwei deren 205 und in der dritten Ausführung sollen bis zu 213 Hengste galoppieren. Jeweils gemessen am Getriebeausgang auf einem speziellen Motorenprüfstand. Die Power entspricht etwa der Hinterradleistung bei herkömmlichen Rollenprüfständen, was an der Kurbelwelle zusätz­liche fünf bis acht PS ausmacht. Auch die Leistungsangaben von TGP können wir nicht überprüfen, halten sie aber ebenfalls für stimmig.

Der Knackpunkt der PR 12 ist ihr Preis

Doch mehr als maximaler Output zählt ohnehin, wie der Antrieb seinen Punch serviert. Und das raubt einem beim Testbike – einer Mischung aus V03-Fahrwerk und V02-Motor – schlicht den Atem. Bereits bei mittleren Drehzahlen schiebt die PR 12 mächtig an und feuert dermaßen brutal weiter, dass es dem Piloten regelrecht die Arme lang zieht. Dabei ist das Superbike nie tückisch, sondern powert wunderbar gleichmäßig und hervorragend dosierbar durchs Drehzahlband. „Die Motorsteuerung stammt aus der nächsten Generation der S 1000 RR, in die Abstimmung haben wir viel Zeit investiert. Dank der sehr engen Zusammenarbeit mit dem BMW-Werk konnten wir die komplette Elektronik perfekt aufeinander abstimmen“, schwärmt Nützl. „Ich bin dem ehemaligen BMW-Rennsportchef Berti Hauser, seinen Jungs und der Entwicklungsabteilung sehr dankbar. Ohne sie hätte ich das Projekt nicht realisieren können. Letztlich profitieren wir gegen­seitig voneinander.“ Schwächen der PR 12? Nur diese: Wer auf ihr überholt wird, hat keine Ausrede!

Reden beziehungsweise schreiben könnte man über das Bike noch viel mehr. Doch das würde ein ganzes Buch füllen und sprengt leider den Rahmen dieser Geschichte. Daher kommen wir zum tatsächlichen Knackpunkt der PR 12, ihrem Preis. Die Spanne reicht von 47.500 bis 98.000 Euro. Professionellen Rennteams bietet TGP darüber hinaus ein Paket inklusive Leasingmotor aus der Superbike-WM an. Oh Mann, es muss ziemlich heftig sein, das Bike mit 235 Hinterrad-PS um den Kurs zu prügeln! Doch diese Erfahrung bleibt wohl ausschließlich Profis vorbehalten, was Nützl indirekt bestätigt: „Ich würde die PR 12 am liebsten als CRT-Bike in der MotoGP einsetzen.“ Wow! Aus Sicht der Fans wäre dabei eine BMW-Werksbeteiligung gerade nach dem Ausstieg aus der Superbike-WM ein Traum. Und ein klares Bekenntnis zum Sport.

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