Fahrbericht: BMW-Rennmotorräder Max Neukirchner testet für MOTORRAD

Mit Bernhard Gobmeier bildet Andrea Dosoli die Doppelspitze, die BMW in der Superbike-WM auf die Erfolgsspur führte. Im MOTORRAD-Interview sprach der Italiener über Psychologie und Technik.

Foto: Cervetti

Ein schönes Weißwurst-Frühstück war der Auftakt zum Test auf der Rennstrecke von Misano - ganz wie man es von BMW erwarten darf. Zunächst nahm ich auf einer normalen Standardmaschine Platz, komplett mit Rückspiegeln. Du sitzt extrem tief auf der S 1000 RR, und bei zügigem, aber noch nicht extremem Tempo vermittelt sie ein sehr schönes Fahrgefühl. Sie ist weich, hat sehr viel Leistung, mehr als ausreichend für den Straßenverkehr, und lässt sich flüssig von einer Kurve zur nächsten schwingen. Nach der ersten Runde habe ich versucht, mich etwas näher ans Renntempo heranzutasten. Wenn du versuchst, sehr spät zu bremsen, geht sie vorn zwar nicht auf Block, hält aber keine Linie mehr. Und wenn du früh ans Gas gehst, schwimmt das Fahrwerk ein bisschen auf, und das Motorrad wandert nach außen. Für einen Rennfahrer ist es schädlich, etwas so Gemütliches zu haben, doch für den normalen Straßenbetrieb, wo man nie auf der allerletzten Rille fährt und nie so anbremsen würde wie auf der Rennstrecke, passt das Fahrwerk wieder. Zum Cruisen ist es wunderbar.

Mit der Superstock-Maschine von Sylvain Barrier kannst du auf Anhieb sehr viel schneller fahren als mit dem Serienmotorrad. Du sitzt viel, viel höher und alles wirkt viel stabiler. Der höhere Sitz gibt dir die Sitzposition, die du brauchst, um auf der Rennstrecke angreifen zu können. Und weil härtere Federn drin sind, kannst du viel später und härter bremsen. Ich war beeindruckt von der Brems-stabilität und davon wie einfach sich die Maschine einlenken lässt. In der Kurve und auch am Kurvenausgang hält sie sauber die enge Linie. Auch die Leistungsentfaltung ist noch mal extremer als beim Standardmotorrad. In meiner dritten Runde bin ich eine 1.42er-Zeit gefahren, Barriers Qualifikationsrunde lag bei 1.40,1 Minuten.

Dann bekam ich das Superbike von Leon Haslam, und mit dieser Maschine zu fahren, war vom ersten Meter an supergeil. Von untenraus hat sie nicht mehr Leistung als die Superstock-Maschine, aber dann muss man aufpassen, dass man überhaupt hinterherkommt mit dem Schalten. Das geht wie eine Turbine und hat mich an 2008 und 2009 mit der SBK-Suzuki erinnert. Die hat sich genauso angefühlt. Ich bin lange nicht mehr mit einer Maschine mit so extremem Schub gefahren.

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Foto: 2snap

Wenn ich mal wieder Superbike fahren sollte, müsste ich vor allem meine Unterarme trainieren. Mit dieser Maschine kannst du extrem spät reinbremsen und extrem schnell in die Kurven einbiegen, das Handling ist noch einmal besser als bei der Superstock. Wenn du ans Gas gehst, merkst du, wie sie sich hinten ein klein wenig setzt, was ich besonders mag, weil es mir ein gutes, direktes Gefühl für den Hinterreifen vermittelt. Der Zug am Hinterrad ließ sich ganz fein mit dem Gasgriff dosieren, zum Teil wegen der Pirelli-Reifen, die im Vergleich zu 2008/2009 eine bessere Rückmeldung und mehr Grip vermitteln, zum anderen Teil wegen des Fahrwerks. Ich habe Haslams Crew-Chief Giacomo Guidotti, der ja früher bei Suzuki auch mein Cheftechniker war, gefragt, woher das kommt, und er hat mir verraten, dass BMW eine neue Schwinge mit einem ganz anderen Hebelsystem entwickelt hat. Eini-ges wurde von -Yamaha abgekupfert, denn als Marco Melandri zu BMW kam, sind natürlich auch Yamaha-Leute mitgekommen. Offenbar wollte Melandri eine solche Schwinge. Die scheint auch gut zu funktionieren.

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Foto: 2snap

Extrem weiterentwickelt hat sich die Elektronik. Ich spürte, dass BMW sehr wenig mit Anti-Wheelie-Kontrolle arbeitet, denn Haslam bremst hinten mit dem Pedal, was mir ein bisschen schwerfällt. Weil das Vorderrad auf meiner ersten Runde am Kurvenausgang immer wieder stieg, suchte ich eine Daumenbremse, habe aber leider keine gefunden. Die Traktionskontrolle hat zwar nur in zwei Kurven gearbeitet, weil ich in den anderen ein bisschen zu langsam war. Doch dort, wo sie eingesetzt hat, lief alles sehr glatt, es gab kein Wackeln, einfach nur ein kurzes Bep-bep-bep, drei-, viermal, und dann konnte ich ohne Probleme weiter aufziehen.

Nur ausgangs der lang gezogenen Kurven merkte ich, wie sich die Maschine ein bisschen aufgeschaukelt hat, aber das kam davon, dass ich sehr lange Arme habe und ein wenig weiter hinten sitze als Leon Haslam. Eigentlich würde ich hinten eine härtere Feder brauchen als er. Trotzdem habe ich mich wohlgefühlt - und war nach drei Runden nur drei Sekunden langsamer.

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