Test: BMW-Werks-Superbike Werks-BMW S 1000 RR aus der Superbike-WM

PS-Mitarbeiter René Raub bekam die Chance, erstmals auf der Rennstrecke in Misano am Kabel zu ziehen. Aber nicht einfach mit irgendeinem Motorrad. Es wartete die siegreiche Werks-BMW aus der Superbike-WM auf ihn.

Foto: BMW

Das ist doch ein Scherz? Nein? Ich kann wirklich die BMW S 1000 RR aus der Superbike-WM auf dem Misano World Circuit Marco Simoncelli probieren? Ein Traum, eine einmalige Chance - da bin ich sofort dabei. BMW hatte die gesamte europäische Motorradpresse nach dem SBK-WM-Lauf dort an die Adriaküste eingeladen, um ihre mittlerweile sehr konkurrenzfähigen Racer zu testen. Nach Weißwurstfrühstück und Briefing durch BMW-Motorsportchef Bernhard Gobmeier, mit der eindringlichen Bitte, die teuren Stücke nicht zu schrotten, sollten die Superbikes endlich bewegt werden. Aber ein Regenschauer machte die Piste bis zum frühen Nachmittag unbefahrbar. Dadurch hatte jeder leider nur jeweils drei Runden mit den Bikes. Mein zusätzliches Handicap: null Streckenkenntnis in Misano.

Von den WM-Läufen im Fernsehen waren kaum Anhaltspunkte für den realen Streckenverlauf zu gebrauchen. Gut, dass man sich wenigstens vorher noch drei Runden auf einer Serien-S 1000 RR aufwärmen konnte. Dann ging’s los und die BMWs standen vor mir mit allem, was schön, leicht und teuer ist, und natürlich schnell macht. Jede Menge Karbonteile, eine fette Öhlins-Werksgabel, die schon im Stand den Eindruck macht, als wolle sie alle Schlaglöcher von hier bis Peking einebnen. Am linken Lenkerstummel jede Menge Knöpfe zum Einstellen verschiedenster Mappings und anderer Nettigkeiten, falls es im Rennen wider Erwarten doch mal langweilig wird. Übrigens, so versichern mir die Techniker, laufen die Motorräder nicht auf irgendeinem Schnarchnasen-Pressevertreter-Mapping. Alles ist so, wie Melandri, Haslam und Co. zwei Tage vorher damit hier unterwegs waren.

Anzeige
Foto: BMW

Den Anfang macht Ayrton Badovinis BWM vom Team Italia. Bis auf den etwas engen Kniewinkel passt mir Ayrtons Bike beinahe wie meine Unterhose. Die ersten Schwünge gehen gleich sehr leicht von der Hand oder besser vom Kopf: Linie gedacht - schon gemacht! Alles läuft wie eingespielt und gewohnt, das Bike scheint immer zum Sprung bereit. Zu diesem setzt die BMW sofort mit ihrem unnachahmlich fetten Punch an, als ich zum ersten Mal auf die Gegengerade hinaus beschleunige. Dann springt das Vorderrad so in Richtung Himmel, dass ich Mühe habe, das Gas vor einem möglichen Überschlag wieder rechtzeitig zu schließen. Irgendwie vermisse ich jetzt die Serien-Anti-Wheeliekontrolle.

Egal, für Spielereien an der Elektronik ist keine Zeit. Dafür kann ich aber den wirklich genialen Schaltautomaten genießen, mit dem selbst beim Runterschalten nicht mehr gekuppelt werden muss. Automatisch wird Zwischengas gegeben, damit immer der optimale Kraftschluss da ist und keine Unruhe oder ein stempelndes Hinterrad beim heftigen Anbremsen aufkommen kann. Drei Runden gehen verdammt schnell vorbei. Dabei bin ich aus Angst vor einer sechsstelligen Rechnung und einer riesigen Blamage bei einem Sturz jederzeit meilenweit von jedem Limit dieses Motorrads entfernt.

Anzeige
Foto: BMW

Doch noch habe ich ja einen Turn auf dem Werks-Superbike vor mir. Der Zufall spielt mir die Maschine von Leon Haslam mit der Startnummer 91 zu. Noch einmal steigt die Aufregung, habe ich doch gerade das beste und teuerste Material der deutschen Superbike-Baukunst zwischen meinen Schenkeln. Bei der Ausfahrt aus der Box warten jedoch erst mal Schmerzen: Gemäß meiner Gewohnheit teste ich vor Verlassen der Boxengasse noch einmal die Stopper, doch Leons Bremse beißt dabei so unerwartet brutal zu, dass ich mir beim ersten zaghaften Antippen gleich meine Kronjuwelen am Tank anschlage.

Die Schmerzen werden aber verdrängt, denn jetzt ist wieder Genießen angesagt. Alles wirkt noch einmal sehniger als an Badovinis Bike, die Serie ist geradezu Meilen entfernt. Bei der kleinsten Veränderung vom Verzögern zum Gasgeben oder umgekehrt ist die Wandlung der dynamischen Radlastverteilung so etwas von krisp und geradezu sinnlich zu spüren. Von jeder Stelle bekommt man zum richtigen Zeitpunkt immer das richtige Feedback, wenn man es braucht. Das Vertrauen ist bald grenzenlos und man spürt, dass alles, was man machen möchte, exakt wie gewünscht funktioniert. Mir gelang das zwar nicht so eindrucksvoll umzusetzen wie dem anwesenden Moto2-Rennfahrer Max Neukirchner, der die BMW-Superbikes ebenfalls probieren durfte und es mit Haslams Maschine in diesen wenigen Runden bis auf zirka drei Sekunden an den Rundenrekord in Misano heran schaffte. Aber so ein geradezu perfektes Rennmotorrad überhaupt einmal fahren zu dürfen ist auch nach Jahren als ambitionierter Hobby-Pilot schlicht ein unvergleichliches und unvergessliches Erlebnis. 


Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel