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Operation gelungen, kann man da nur sagen. Zur Erinnerung: Setzt bereits die Panigale Maßstäbe in Sachen Leichtbau, ist die Superleggera die logische und konsequente Fortsetzung dieses Konzepts.

Ducati 1199 Superleggera im Test Granate mit Straßenzulassung

Eine Rennmaschine ohne Blick auf die Kosten entwickeln? Ein Traum für jeden Entwickler. Ducati hat ihn wahr gemacht. Und mit der Ducati Superleggera eines der faszinierendsten Serien-Motorräder mit dem besten Leistungsgewicht erschaffen. Auch wenn nur 500 Besitzer in diesen Genuss kommen werden.

„So alle fünf bis sechs Jahre müssen wir einfach was völlig Abgefahrenes machen“, schmunzelt Ducati-Pressesprecher David James. 2007 war dies die Desmosedici. Nun also die Ducati 1199 Superleggera. Operation gelungen, kann man da nur sagen. Zur Erinnerung: Setzt bereits die Ducati Panigale Maßstäbe in Sachen Leichtbau, ist die Superleggera die logische und konsequente Fortsetzung dieses Konzepts: nämlich das, was an Bauteilen noch da ist, so leicht wie möglich zu machen. Zehn Kilo weniger waren gefordert, zwölf sind es geworden.

Herausgekommen ist ein einzigartiges und exklusives Kleinod, dessen Eckdaten einem schlicht den Atem rauben: Nur 166 Kilogramm ohne Sprit stellen sich den gut 200 PS des erstarkten V2 in den Weg – 205 sollen es mit Race-Kit sein. Mit diesem Kit ist die leuchtrot lackierte Ducati 1199 Superleggera bestückt, die in der Boxengasse von Mugello darauf wartet, ihrem Piloten zu zeigen, wo der Hammer hängt.

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Ohne ABS wäre sie zu leicht fürs SBK-WM-Reglement

„Würde man allein das ABS weglassen, wäre sie bereits zu leicht für das Superbike-WM-Reglement – mit Lampen, Spiegeln und Blinkern“, zwinkert mir David James nicht ohne Stolz zu. Eine Serienmaschine – auch wenn es nur eine Kleinserie von 500 Stück ist – mit besserem Leistungsgewicht hat es noch nie gegeben. Hierfür haben die Ducati-Techniker alle Register gezogen. Ist die Auflistung der Änderungen bei einem neuen Modell oftmals eine recht dröge Pflicht, verwandelt sich dies im Fall der Ducati 1199 Superleggera zum lustvollen Durchstöbern eines Wunschzettels für Leichtbau- und Tuning-Freaks. Und daher lohnt es, diesen Details Aufmerksamkeit zu widmen und zu genießen, ehe die Boxenampel auf Grün springt.

Das beginnt beim Chassis: Es ist aus einer Magnesium- anstelle einer Alu-Legierung gegossen. Die Räder: gefräste Schmiede-Magnesium-Felgen von Marchesini. Das Federbein trägt eine Titan-Feder. Alles mit Straßenzulassung. Der Auspuff: komplett aus Titan gefertigt. Die Gabel wurde von Öhlins mit mehrfach wechselnden Durchmessern der Außenrohre auf Leichtbau und optimale Steifigkeit getrimmt. Unterhalb der unteren Gabelbrücke ist deshalb die äußere Kontur leicht oval gehalten. Das ohnehin schon leichte Rahmenheck ersetzt eine selbsttragende Karbon-Konstruktion. Folgerichtig bestehen sämtliche Verkleidungsteile und Abdeckungen der Ducati 1199 Superleggera aus Kohlefaser. Ein leichter Lithium-Ionen­-Akku ist da eine Selbstverständlichkeit. Das Sitzpolster ließ 83 Gramm liegen, der gefräste Kühlerdeckel neun.

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Rund 200 Teile abgeändert

Rund 200 Teile habe man abgeändert, erläutert Projektleiter Eugenio Gherardi. Die rund 100 Titan-Schrauben sind auf dieser Liste nur ein Posten. Ebenso intensiv widmeten sich die Techniker dem Motor. Erstmals kommen bei einer Serienmaschine Kolben mit nur zwei Kolbenringen zum Einsatz. Die Kolbenböden sind wie bei den Werkssuperbikes gefräst. Gewichtsersparnis: 93 Gramm pro Stück. Gemeinsam mit den gefrästen Brennräumen heben sie die Verdichtung von 12,5 auf 13,2:1. Neben den Einlass- bestehen nun auch die Auslassventile des Formel 1-Zulieferers Dell West aus Titan. Weshalb die Ducati 1199 Superleggera 500/min höher drehen darf. Die Einlassnocken bekamen eine neue Kontur und etwas mehr Hub. Richtig Schwungmasse gespart haben die Techniker an der Kurbelwelle, von deren Wangen nur noch ein rudimentärer Rest übrig geblieben ist. Ausgleichsgewichte aus Wolfram, das die zweieinhalbfache Dichte von Stahl besitzt, sorgen dafür, dass trotz 396 Gramm Gewichtsersparnis Rundlauf und explosive Drehfreude erhalten bleiben.

Und dann ist es endlich so weit. Die Boxenampel zeigt Grün. Für eine halbe Stunde gehört der GP-Kurs von Mugello ausschließlich dem Tester und der Ducati 1199 Superleggera. Herzhaft brüllt die Ducati aus den montierten Racing-Töpfen. Sie sparen weitere 2,5 Kilogramm und sind wie eine höhere Verkleidungsscheibe, gefräste Abdeckungen der Spiegelhalter, Ständer und Daten-Logger DDA+ Teile eines Race-Kits, das zu jedem der 500 gebauten Exemplare gehört.

Ducati 1199 Superleggera nicht nur gepimpte Panigale

Es sind nicht viele Kurven nötig, dann ist klar: Das hier ist weit mehr als nur eine gepimpte Panigale, die Ducati 1199 Superleggera ist schon verdammt nah dran an einem Superbike. Es ist zuallererst die Art und Weise, wie sie in die Kurven hineinsticht, die sie weit von ihren Großserien-Schwestern abhebt und in die Nähe echter Superbike-Renner rückt. Federleicht lenkt die Duc ein, nicht übermotiviert oder nervös. Sondern gnadenlos direkt und mit genialer Präzision. Je höher der Speed am Kurveneingang, desto konzentrierter wirkt die Superleggera. Beim Schließen des Gasgriffs in Schräglage weicht sie keinen Millimeter von der Linie ab. Sie scheint bei der Linienwahl den Blicken des Fahrers zu folgen.

V2 kennt weder Schwäche noch Gnade

Die Gabel ist kein Teil von der Stange, sondern wurde speziell für die Ducati 1199 Superleggera entwickelt, das Setup hat Ducati zusammen mit den Öhlins-Technikern ausgetüftelt. Diese liegt immer noch eher auf der soften Seite – zumindest darin ähnelt sie den Serien-Panigale. Das Ansprechverhalten ist traumhaft, Bodenunebenheiten saugt sie förmlich auf. Auch hierin liegt der Schlüssel, dass man sich mit immer mehr Vertrauen und immer höherem Tempo in die Kurven hineinwirft und in Fahrmanöver hineinfindet, die man sich erst traut, wenn man mit einem Motorrad sehr verschmolzen ist. Wie etwa bei den beiden heftig nach außen hängenden Bergab-Kurven Casanova und Savelli, in denen es gilt, möglichst keinen Schwung zu verschenken.

Denn ihnen folgen die beiden schnellen bergauf führenden Rechtskurven Arrabiata 1 und 2. Mit unglaublicher Wucht zerrt der Superleggera-Twin den Berg hinauf, drückt mit brutaler Macht vorwärts. Befreit von der überflüssigen Schwungmasse, dreht er mit einer Vehemenz, dass einem schwindelig wird. Ab 7000/min geht er ab wie eine Rakete, kennt weder Schwäche noch Gnade. Dieser Vulkan lässt dem Piloten keinen Moment zum Verschnaufen, nicht eine Sekunde. Nicht einmal auf der 1,1 Kilometer langen Geraden. Dabei besitzt er Top-Manieren, hängt fein und bezaubernd direkt am Gas, läuft dank feingewuchteter Kurbelwelle verblüffend ruhig. Aber wehe er wird von der Leine gelassen. Der Schaltautomat der Ducati 1199 Superleggera reiht dank neuem Gangsensor und überarbeiteter Abstimmung flutschig Gang an Gang.

Angepasstes Motormapping und Traktionskontrolle

Dass der Übermut am Gasgriff nicht in teurem Schrott endet, dafür sorgt die überarbeitete Elektronik. Neben dem Motormapping wurde auch die Traktionskontrolle angepasst. Selbst bei heftigem Dreh am Gas bleibt ihr Eingreifen diskret, kaum spürbar. Doch neu ist nicht nur ihre Abstimmung, sie besitzt nun auch eine automatische Kalibrierung der Reifengröße. Und eine in vier Stufen einstellbare Wheelie-Kontrolle, die selbst auf der blinden Kuppe nach der schnellen Arrabiata 2 das Vorderrad der Ducati 1199 Superleggera ganz sanft kontrolliert und nur leicht über dem Boden schweben lässt.

Sämtliche elektronischen Helfer bis hin zur Motorbremse lassen sich jetzt per Schaltpaddel vom Lenker aus einstellen. Klingt alles sehr entspannt? Von wegen, denn ein wenig Biest ist sie nach wie vor. Zu hartes Anpacken der Lenker beim Aufrichten und Beschleunigen oder auf der Zielgeraden quittiert die Ducati 1199 Superleggera mit zuckendem Lenker und Pendeln. Da hilft nur, den Lenker ganz locker zu führen. Auch das Absenken des Luftdrucks am Hinterrad brachte dem Hinterreifen mehr Eigendämpfung und dadurch wieder mehr Ruhe. Die halbe Stunde ist rum wie nix, der Pilot geschafft. Denn obwohl unglaublich handlich und präzise, mit fabelhaften elektronischen Fahrhilfen gesegnet, ist das Fahren mit ihr eine ungemein intensive Angelegenheit. Volle Konzentration zu jeder Zeit gefordert, denn alles scheint sich wie im Zeitraffer abzuspielen. Die Ducati 1199 Superleggera ist eine Granate mit Straßenzulassung.

Und obwohl eigentlich viel zu schade, um über die Rennstrecken gejagt zu ­werden, wäre es andererseits eine Sünde, dieses Potenzial nicht auszukosten. Ein Zwiespalt, vor dem nur 500 Besitzer stehen werden. Denn mehr Exemplare werden nicht gebaut. Als die Ducati 1199 Superleggera auf der EICMA 2013 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, waren diese schon weitestgehend vorbestellt. Ende 2013 waren bereits alle verkauft. Zum Preis von je 65.000 Euro. Verrückt? Vielleicht. Aber ein Traum. Wir können es jedenfalls nicht erwarten, bis die nächsten fünf, sechs Jahre vorbei sind.

Foto: Jahn, Ducati
500 Stück, und das war’s. Für viele muss die Superleggera ein Traum bleiben. Die Serie ist restlos ausverkauft.
500 Stück, und das war’s. Für viele muss die Superleggera ein Traum bleiben. Die Serie ist restlos ausverkauft.

Gewichtsersparnis

Im Vergleich zur 1199 Panigale R

  • Karbon-Verkleidung und weitere Anbauteile: -1 kg
  • Monocoque aus Magnesium, hergestellt im Sandgussverfahren: -1 kg
  • Karbon-Heckrahmen: -1,2 kg
  • Titan-Auspuffanlage: -2,5 kg
  • Schmiede-Magnesium-Felgen: -1 kg
  • Lithium-Ionen-Batterie: -2 kg
  • Gabel und Federbein: -1,4 kg
  • Superbike-Kolben: -194 gr
  • Kurbelwelle mit Ausgleichsge­­wichten aus Wolfram: -396 gr
  • SBK-Kette (520er) und -Kettenrad, Schrauben aus Titan und Frästeile aus Aluminium: -1,3 kg

12 kg Gewichtsersparnis insgesamt (fahrfertig)

Foto: Jahn, Ducati
Gegenüber der 1199 Panigale R sind es bei der Superleggera insgesamt 12 kg Gewichtsersparnis.
Gegenüber der 1199 Panigale R sind es bei der Superleggera insgesamt 12 kg Gewichtsersparnis.

Technische Daten Superleggera

Motor

Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad- V-Motor, je zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, desmodromisch betätigt, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, 2x Ø 68 mm, geregelter Kataly­sator, Lichtmaschine 440 W, Batterie 12 V/6 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 41:15.

Bohrung x Hub: 112,0 x 60,8 mm

Hubraum: 1198 cm³

Verdichtungsverhältnis: 13,2:1

Nennleistung: 149,0 kW (203 PS) bei 11.500/min

Max. Drehmoment: 134 Nm bei 10.200/min

Fahrwerk

Monocoque aus Magnesium, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, hydraulischer Lenkungsdämpfer, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein, liegend, mit Hebelsystem, ver­stellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 330 mm, Vierkolben-Festsättel, Scheibenbremse hin­ten, Ø 245 mm, Zweikolben-Festsattel, Traktionskontrolle, ABS.

Magnesium-Schmiederäder 3.50 x 17; 6.00 x 17

Reifen 120/70 ZR 17; 200/55 ZR 17

Maße+Gewicht

Radstand 1437 mm, Lenkkopfwinkel 65,5 Grad, Nachlauf 100 mm, Federweg v/h 120/130 mm, Sitzhöhe 830 mm, Gewicht vollgetankt 177 kg, Tankinhalt 17,0 Liter.

Garantie: zwei Jahre
Farben: Rot/Weiß
Preis: 65.000 Euro
Nebenkosten: 305 Euro

 

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