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Ducati 1299 Panigale S.

Ducati 1299 Panigale S im PS-Fahrbericht Schneller, stärker, effizienter?

Die Ducati 1299 Panigale S soll 15 Prozent mehr Drehmoment bereitstellen als ihre Vorgängerin. Und dabei einfacher zu fahren sein als die 1199. Ob das der Wahrheit entspricht, klärt PS auf der Rennstrecke. Und listet die wichtigsten Änderungen auf.

Der Wettergott meint es nicht gut mit uns. Nieselregen im Süden Portugals – und damit auch im Fahrerlager der gigantischen Rennstrecke von Portimao. Tief hängen die grauen Wolken und drücken aufs Gemüt. So haben wir uns die erste Kontaktaufnahme mit der Ducati 1299 Panigale S nicht vorgestellt. Während vor der Box Trübsal herrscht, verbreiten die Ducati-Verantwortlichen drinnen in der Presse-Lounge Euphorie. Vor allem, was Marketing-Manager Paul Ventura gleich nach dem offiziellen „Hallo“ von sich gibt, macht an: „Drehmoment ist die Größe, für die Ducati bekannt ist.“ 

Ups, was ist da denn passiert? Haben da Produktentwickler eventuell auf die Nörgelei der Presse und Kunden reagiert und den sehr spitzen, nur oben herum brutal anreißenden „Superquadro“ aus der 1199 mit mehr Drehmoment und Ducati-spezifischem Punch im mittleren Drehzahlbereich versehen? Haben sie den damit verbundenen Verrat an der hauseigenen Tradition und der alten Twin-Stärke eingesehen und wieder ausgemerzt? Die Pressemappe hat es schon auf der EICMA versprochen, jetzt bläst der Marketingmann ins gleiche Horn. Und dann kommen die Macher dran. Der technische Projektleiter Christian Gasparri legt los: „Zwischen 5000/min und 8000/min stehen bei der Ducati 1299 Panigale jetzt 15 Prozent mehr Drehmoment zur Verfügung als bei der 1199.“ Grandios, aber diese Worte schreien nach Bestätigung.

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Foto: Ducati
Ducati 1299 Panigale S.
Ducati 1299 Panigale S.

Eine Stunde später ist es so weit, wir dürfen raus auf die abtrocknende, aber noch recht schlüpfrige Strecke. 205 PS, 145 Newtonmeter Drehmoment und Supersport-Rennreifen auf rutschigem Asphalt – macht das Spaß? Mit der Ducati 1299 Panigale S ja! Denn man sitzt zwar alleine auf ihr drauf, ist aber nie alleine unterwegs. Die ständigen Begleiter heißen Traktionskontrolle, Engine Brake Control, Wheelie Control und ABS. Und jeder dieser Helfer ist von begeisternder Qualität. Regelt, wenn er regeln muss, und immer so feinfühlig, dass es kaum auffällt. 

Die ersten drei Rechtskurven der portugiesischen Berg- und Talbahn sind trocken, ebenso die steil aufwärts führende erste Links. Druckvoll ballert die Ducati 1299 Panigale S die erste kurze Gerade entlang, dem leicht bergab hängenden Bremspunkt entgegen. Trotz hier noch leicht feuchter Fahrbahn regelt das ABS nicht. Das stimmt zuversichtlich, denn in der folgenden, nach außen hängenden 160-Grad-Links hat Noriyuki Haga anno 2009 seine 1098 R und mit ihr den sicher geglaubten Superbike-WM-Titel weggeworfen. Kein Ducati-Glückseck eben. Doch das ist Geschichte, genauso wie der morgendliche Regen. Runde um Runde bessert sich die Strecke. Bald ist sie komplett trocken, und der zweite Turn steht an.

Die Reifen sind angefahren, die Sonne scheint. Alle Zeichen stehen auf Attacke, und wir lassen uns nicht zweimal bitten. Da das Fahrwerks-Setup im Sport-Modus bereits beim ersten Turn zu weich war, drücke ich gleich den Race-Modus rein und aktiviere damit eine straffere Grundabstimmung. Endlich kann der 1299-Twin von der Kette gelassen werden, und der revanchiert sich mit gnadenlosem Schub ab 4000 Touren, reißt an wie ein Berserker und dreht zackig bis zum Begrenzer. 

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Mit 230 schießt die Ducati 1299 Panigale S über die Kuppe

Lange Arme beim Piloten? Na klar! Das gibt mit Sicherheit Muskelkater in Oberschenkeln und Bauchdecke! Dieser rote Derwisch lässt einem auf so einer anspruchsvollen Strecke wie Portimao keine Sekunde Zeit zum Erholen. Zieht man in den blind angefahrenen, bergab führenden Rechtsbogen auf die Start-/Zielgerade hin mit Schwung hinein, katapultiert es einen mit über 230 km/h auf dem TFT-Display auf die Gerade – dank der Kuppe natürlich im Wheelie. Und das im fünften Gang und bei voll geöffneter Brause. Der elektronisch geregelte Lenkungsdämpfer beruhigt das aufsetzende Vorderrad verlässlich, der sechste Gang rastet dank Schaltautomat in wenigen Millisekunden zuverlässig ein. Einige Sekündchen später – in diesen „genießt“ man den besseren Windschutz der jetzt höheren Verkleidungsscheibe – geht es mit 288 km/h auf der Uhr wieder bergab dem Rechtsknick nach Start und Ziel entgegen. Aufrichten, Gewicht nach hinten und die wunderbaren 330er-Brembo-Bremsscheiben am Vorderrad aufwärmen. Diese Stopper sind einfach sensationell! Schnell den dritten Gang reingeklopft – auch das ohne Kupplung, da der Schaltautomat der Ducati 1299 Panigale S sowohl beim Hoch- wie beim Runterschalten funktioniert – und ab durch den weiten Bogen. Stabil und präzise brennt die Duc in Schräglage ums Eck, von Stress bei ihr keine Spur.

Die Ergonomie der neuen Panigale ist unverändert Racing-orientiert. Man sitzt hoch, aber gut ins Gesamtsystem integriert, die Hände auf den tief platzierten Lenkerstummeln, die Füße auf den – Achtung! – nicht mehr so rutschigen Rasten. Sieben Runden später steht die Ducati 1299 Panigale S mit knisterndem Motor neben einem verschwitzten Fahrer. Was war das denn eben? Pressemappe, Marketingmann Ventura, Projektleiter Gasparri und die technischen Daten haben recht: Die Ducati 1299 Panigale S ist so viel schneller, stärker und effizienter als eine 1199 S. Dieses neue rote Brenneisen ist der Wahnsinn auf zwei Rädern!

Einfacher zu fahren als ihre Vorgängerin

Und eigentlich ein Paradoxon. Denn trotz der gesteigerten Leistung, dieser Wucht und Gewalt, ist die Ducati 1299 Panigale S einfacher zu fahren als ihre Vorgängerin. Das Plus an Drehmoment lässt sie zwar gewaltig, aber besser kontrollierbar antreten. Das neue ABS ist ein Gedicht, ebenso die neu abgestimmte Traktionskontrolle und die Wheelie Control. Und genauso klasse agiert das elektronische, semiaktive Öhlins-Fahrwerk. Es lässt sich am TFT-Instrument nicht nur wie an der 1199 S individuell und über Tasten in Druck- und Zugstufendämpfung anpassen, sondern offeriert dem Piloten nun sogar vorgefertigte Kennfelder. Im Detail: Dübelt man über eine Strecke und das Fahrwerk kommt einem zu weich vor, muss man nun nicht mehr jeden Klick selber verstellen. Es reicht, wenn man im Menu der DES (Ducati Electronic Suspension) die vorkonfigurierte Stufe „harder“ oder „hardest“ aktiviert. Tut man dies, passt das System die Dämpfung selbstständig an. Zudem reagiert das Fahrwerk auch auf den aktuell herrschenden Fahrzustand. Die Informationen dazu bekommt es direkt aus der ECU und reagiert dadurch beispielsweise beim harten Beschleunigen durch die Änderung der Federbein-Dämpfung. So ähnlich funktioniert das auch an der neuen BMW S 1000 RR, nur dass die Ducati 1299 Panigale S außer Gabel und Federbein auch den Lenkungsdämpfer berücksichtigt.

Ist die Ducati 1299 Panigale S also der Überflieger der Saison 2015? Das muss sich noch zeigen. Ohne direkten Vergleich kann ich das hier nicht abschließend sagen. Denn nach nur einem wirklich trockenen Turn verdunkelte der Wettergott den Himmel wieder. Das Leben ist manchmal einfach gemein!

Foto: Ducati
Ducati 1299 Panigale S.
Ducati 1299 Panigale S.

Wichtige Änderungen

MOTOR

- auf 1285 Kubikzentimeter gestiegener Hubraum
- auf 205 PS gestiegene Leistung
- auf 145 Nm gestiegenes Drehmoment
- neue Auspuffanlage mit Krümmern (60 mm Durchmesser)
- Auto-Deko zum einfacheren Motorstart
- Einspritzkörper mit 67 mm Durchmesser und doppelten Einspritzdüsen
- 15 Prozent mehr Drehmoment zwischen 5000 und 8000/min

Foto: Glück
Erstmals werkeln in einem Supersportmotor riesige 116er-Kolben.
Bei derart großen Brennräumen sind Füllung und Verbrennung eine echte Herausforderung.
Die Pleuel werden zwecks besserer Passform gecrackt.
Erstmals werkeln in einem Supersportmotor riesige 116er-Kolben. Bei derart großen Brennräumen sind Füllung und Verbrennung eine echte Herausforderung. Die Pleuel werden zwecks besserer Passform gecrackt.

ELEKTRONIK

- vollelektronischer Gasgriff
- umprogrammierte Motorsteuerung
- neues ABS-System
- neues Cockpit
- überarbeitete Traktionskontrolle (TC)
- Gyro-Sensor für TC, ABS und Wheelie-Kontrolle (WC)
- überarbeitete Fahrmodi
- Wheelie-Kontrolle
- Boxengassen-Limiter
- verschiedene Reifen und Endübersetzungen mit neuerElektronik kompatibel
- Schaltautomat mit Blipper-Funktion
- Lenkerschalter zur Veränderung von TC oder WC

FAHRWERK

- 0,5 Grad steilerer Lenkkopfwinkel
- 4 mm niedrigerer Schwingendrehpunkt
- elektronisches Fahrwerk mit neuen Modi, neuen Bedienelementen und neuen Dämpfungskennfeldern
- bessere Aerodynamik aufgrund der neuen, etwas breiteren Frontverkleidung mit zirka 20 mm höherer Scheibe
- geändertes Heck

PS-Urteil

Die Ducati 1299 Panigale S setzt wirklich ein Ausrufezeichen.

Sie ist im besten Sinne gereift und erstarkt. Ihr Motor ist ein Gedicht, ihre Power überwältigend und die Fahrbarkeit top. Ihr Elektronik-Paket hat eine Güte, die an Perfektion grenzt. Ein kritikloser Durchmarsch also? Nicht ganz, denn die Ducati 1299 Panigale Sist wie ihre Vorgängerin noch immer zu laut! Aber das hat mittlerweile sogar das Ducati-Marketing erkannt und – kein Stuss – denkt darüber nach, im Zubehör eine leisere Auspuffanlage als die serienmäßige anzubieten, damit die Panigale zum Beispiel in Assen oder auf dem Sachsenring fahren darf. Irre, oder?

Technische Daten Ducati Panigale 1299

ANTRIEB

Zweizylinder-90-Grad-V-Motor, vier Ventile/Zylinder, 151 kW (205 PS) bei 10.500/min*, 145 Nm bei 8750/min*, 1285 cm³, Bohrung/Hub: 116,0/60,8 mm, Verdichtung: 12,6:1, Zünd-/Einspritzanlage, 67-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Anti-Hopping-Kupplung, Sechsganggetriebe, Kette, Traktionskontrolle

FAHRWERK

Tragender Motor mit Leichtmetall-Hilfsrahmen, Lenkkopfwinkel: 66,0 Grad,

Nachlauf: 96 mm, Radstand: 1437 mm,

Ø Gabel innenrohr: 43 mm, Federweg v./h.: 120/130 mm

RÄDER UND BREMSEN

Leichtmetall-Schmiederäder, 3.50 x

17/6.00 x 17, Reifen vorn: 120/70 ZR 17,

hinten: 200/55 ZR 17, 330-mm-Doppelscheibenbremse

mit Vierkolben-Festsätteln

vorn, 245-mm-Einzelscheibe mit

Zweikolben-Festsattel hinten, C-ABS

GEWICHT

(vollgetankt) 190 kg*,

Tankinhalt: 17,0 Liter Super

GRUNDPREIS

25.490 Euro (zzgl. NK)*

*Herstellerangabe

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