Ducati 1299 Superleggera Technik-Check Extra-Ordinär

In Borgo Panigale sprechen sie von „der Quintessenz“ der Marke selbst. Keine straßenzugelassene Ducati bündelte bislang mehr Ingenieurskunst als die 1299 Superleggera. PS trifft das Entwicklungsteam vor Ort exklusiv zum Technik-Check.

Im Inneren des Firmensitzes bei Bologna geht es ein Stockwerk nach oben und anschließend einen Gang hinunter. Auf der linken Seite schlummert Casey Stoners MotoGP-Racer, mit dem er 2007 die Weltmeisterschaft gewann. Dahinter stehen die siegreiche 1098 R von Carlos Checa und diverse Maschinen von Carl „Foggy“ Fogarty.

Ein paar Ecken später öffnet sich eine besondere Tür. Wir befinden uns inmitten eines weißen, lichtdurchfluteten Raums mit anthrazitfarbenen Bodenplatten. Und dann stehen wir genau vor ihr: Die 1299 Superleggera ist der real gewordene Traum eines jeden Ducatisti, eines jeden Sportmotorrad-Liebhabers und Technik-Connaisseurs. Aber selbst wer knapp 80 000 Euro Spielgeld auf der Bank herumliegen hat – die auf 500 Stück limitierte 1299 Superleggera ist längst ausverkauft.

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Als Nachfolgerin der 1199 Superleggera von 2014 verschiebt die 1299 das Limit weiter nach oben. Gute zwei Jahre arbeitete das Ducati-Entwicklungsteam an der Maschine. Um das Maximum an Performance in mehrfacher Hinsicht auszuschöpfen, wurde auf Technologien gesetzt, die im Serienmotorradbau bislang noch nicht einmal angerührt wurden.

Die komplette Verkleidung der 1299 SL, das Monocoque (2,6 kg), der Heckrahmen (0,9 kg), die Schwinge (4,2 kg) und die Räder (5,5 kg) bestehen aus Karbon. 167 Kilogramm fahrfertiges Gesamtgewicht soll die Maschine auf die Waage bringen. Etwa 20 Kilo des kompletten Fahrzeuggewichts fallen auf Karbonteile. Zwar möchte Ducati die Namen der Werkstoffzulieferer nicht verraten, aber das Monocoque wird in Deutschland produziert, die Räder in Südafrika, der Heckrahmen in Italien und die Verkleidung kommt aus Asien.

Das in der Fertigung komplizierteste Teil sei die Einarmschwinge, erklärt Projektmanager Christian Gasparri. In deren Kohlefasermatten sind zusätzlich Aluminiumteile einlaminiert. In ähnlicher Form wird das Bauteil auch vom MotoGP-Team eingesetzt. Die Rennabteilung Ducati Corse ließ hier viel von ihrem Know-how einfließen. Erst wird die Schwinge im Autoklaven gebacken (jedes Karbonteil durchläuft diesen Prozess zweimal), dann bearbeitet und im letzten Schritt überlackiert, um das Material nicht zu beschädigen.

„Unsere Karbon-Komponenten sind komplizierter aufgebaut als Teile in der Autoindustrie, da sie viel größerem Stress ausgesetzt sind“, erklärt Gasparri. Um die Qualität des Werkstoffs zu sichern, kommt ein zerstörungsfreies Testverfahren in drei Schritten zum Einsatz. Ähnliche Techniken gibt es sonst nur in der Raumfahrt. Hier ein kleines Rechenbeispiel, um den entwicklungstechnischen Aufwand hervorzuheben, der hinter der Karbongeschichte steckt: Das Team arbeitete gut zwei Jahre an der 1299 Superleggera, deren Schwinge noch mal um 900 Gramm leichter ist als die der 1199 Superleggera. Zwei Jahre Entwicklung entsprechen grob 440 Arbeitstagen. 900 Gramm geteilt durch 440 Arbeitstage belaufen sich auf grob zwei Gramm Gewichtsersparnis pro Tag.

Testfahrer Alessandro Valia schildert seine Erfahrungen mit der Maschine: „Wir waren in Portimao, wo zeitgleich einige WM- und BSB-Fahrer trainierten. Ein gewisser Shakey Byrne staunte nicht schlecht, als er auf seiner Panigale R, mit der er letztes Jahr die britische Superbike-Meisterschaft gewann, am Kurvenausgang von mir abgezogen wurde – auf einem straßenzugelassenen Bike mit Beleuchtungsanlage und allem“, lacht Alessandro.

Den größten Vorteil der 1299 SL im Vergleich zur 1199 SL sieht er im Handling. „Mit den Karbonrädern konnten wir bei der Agilität einen großen Sprung hinlegen. Schon beim Herausfahren aus der Boxengasse war ich selbst erstaunt, wie extrem schnell das Motorrad einlenkt.“ In Mugello fährt Valia mit der karbonisierten 1299 gute drei Sekunden schneller als mit der 1199 Superleggera. Über die ganze Zeit der Test- und Entwicklungsfahrten hinweg habe er den edlen Renner nur einmal per Lowsider weggeworfen, sagt der sympathische Italiener mit einem Augenzwinkern.

Erstklassiges Handling allein garantiert dennoch keine schnelle Rundenzeit. Da muss auch Power dahintersitzen! Vor allem durch die verbesserten Zylinderköpfe mit geänderten Ansaugkanälen, den schärferen Steuerzeiten sowie der erhöhten Verdichtung leistet die 1299 Superleggera 215 PS. Trotz der gesteigerten Leistung und Euro 4-Konformität wurde der Superquadro 2,1 Kilo leichter als der Motor einer serienmäßigen 1299 Panigale. Eine Racing-Auspuffanlage erhielten alle glücklichen Kunden zusätzlich als Extra dazu, welche die Leistung auf 220 PS steigert. Im Vergleich zur 1199 Superleggera bringt der neue Motor bei 6500/min zwölf Prozent mehr Leistung und Drehmoment. „Das spürst du“, betont Valia. Müsste man den Wert des SL-Motors beziffern, wäre der Preis rund 1,6-mal so hoch wie der eines Panigale R-Antriebs, schätzt Andrea Cucculelli aus dem Entwicklungsteam. Trotz des enormen Power-Outputs betragen die Serviceintervalle übrigens standardmäßig 12 000 Kilometer.

Auch die elektronischen Assistenzsysteme wurden in der 1299 Superleggera weiterentwickelt und verbessert. Die Traktionskontrolle (DTC Evo) greift je nach Fahrsituation auch über die Drosselklappen ins Geschehen ein. So kommen sanftere Übergänge zustande, die dadurch sogar den Reifen schonen. Dank einer zweiten IMU-Sensorbox zur Erfassung des Driftwinkels konnte die Ducati Slide Control (DSC) implementiert werden. Sie arbeitet in drei Stufen und in Abhängigkeit der DTC. Die DSC wäre enorm hilfreich dabei, ein Gefühl für kontrollierte Drifts zu entwickeln, schildert Valia.

Der pfeilschnelle Ducati-Testfahrer nahm mit der 1299 Superleggera kürzlich per Wildcard an einem Rennen der Chinesischen Superbike-Meisterschaft teil. Gegen namhafte Fahrer wie Broc Parkes errang er den dritten Platz und verpasste den Sieg um nur eine Zehntelsekunde Rückstand auf den Führenden – und das auf einer ganz und gar extraordinären Maschine mit Straßenzulassung, Licht und aktiviertem ABS-System.

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