Im Test: Ducati Multistrada 1200 S Die Multistrada: Sportler oder Enduro?

Sportler, Enduro, Tourer und Stadtgefährt will sie sein. Italien tischt uns mit der Ducati Multistrada 1200 S ein Reise-Gericht auf, das sich auf den Geschmack des Genießers einstellen kann.

Foto: j.kuenstle.de

Es hat etwas von Hexerei, wenn sich ein Motorrad auf Knopfdruck in ein anderes verwandeln kann. Offensichtlich ist solch ein Bike besessen, ein Exorzist müsste bestellt und der Beelzebub dem Zweirad ausgetrieben werden. Im Falle der Multistrada 1200 S ist das wohl aussichtslos. Denn egal welches der vier Fahrprogramme (Urban, Enduro, Sport und Touring) man ihr ließe, übrig bliebe in jedem Fall eine der schärfsten Reiseenduros, die man aktuell kaufen kann. Worauf also warten? Hoch das Bein, um die 84 Zentimeter Sitzhöhe zu meistern, den breiten Lenker grapschen und Schlüssel rumdrehen - denkste. Bei der Multistrada reicht ein Transponder, der - nah genug am Motorrad - das elektronische Lenkschloss entriegelt und den Motor startbereit macht. Da wären wir auch gleich beim Sahnestück: Der leicht gezähmte Vau-Zwei aus dem Supersportler 1198 drückt ab 3000/min vorwärts, als würde Superman persönlich die Fuhre beschleunigen - an diesen Punch kommt keine andere Reiseenduro ran. Die Mappings Urban und Enduro schnüren die leicht zu dosierende Leistung bei 98 PS ab, verpassen dem Aggregat ab 5000/min einen spürbaren Dämpfer. Apropos Dämpfer: Das Öhlins-Fahrwerk ist vorn etwas zu weich, hinten eher straff abgestimmt. Dem forschen Kurvenspaß tut das keinen Abbruch: Hervorragend spricht die Gabel an und gibt erstklassige Rückmeldung über den Straßenzustand. Trotz des fetten 190er-Hinterreifens rauscht die Ducati handlich durch Wechselkurven. Auch die aufgezogenen Pirelli Scorpion Trail tragen ihr Scherflein bei: Sie sorgen für ein kaum spürbares Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage und unterstützen die Präzision des italienischen Multitalents. Auf dem sich auch der Sozius wohlfühlt, auch wenn das nach hinten abschüssige Sitzkissen leicht nervt. Was bleibt vom Erlebnis Power-Enduro übrig? Zum einen, dass all die elektronischen Helferlein die Multi-strada nicht grundsätzlich verwandeln können. Zum anderen ein verflucht gutes Bike.

Fazit Ducati Multistrada

  • Stadt: Auf Dauer fordert die Kupplung eine starke Hand, selbst der Urban-Modus macht keinen City-Roller aus der Ducati. Sperrig der breite Lenker, hoch das Gewicht, leichtes Konstantfahrruckeln bei 3000/min. Die sanfte Gasannahme und die gute Übersicht gestalten die Stadtfahrt indes angenehm.
  • Landstraße: Hier lässt es die Multistrada richtig krachen. Trotz der empfindlichen Überschlagserkennung des ABS sind die Brembo-Stopper ein Gedicht. Das stabile Fahrwerk und die überraschend hohe Handlichkeit der Duc überzeugen ebenso wie das Feuer, das der geniale 1200er-Twin beim Dreh am Gasgriff entfacht.
  • Autobahn: Allein die Scheibe dürfte ein wenig größer, der Sitzkomfort ein bisschen höher ausfallen. Der Verbrauch von 6,2 Litern bei konstant 130 km/h geht in Ordnung, Licht und Geradeauslauf sind hervorragend. Selbst bei Tempo 180 schiebt der Twin noch dermaßen an, dass es einen in die Sitzbank drückt - irre.
  • Motor: Vorbildlich in Leistungsentfaltung und Dosierbarkeit, eine Macht in jeder Lebenslage. Da verzichtet man gern auf den letzten Deut Sparsamkeit.
  • Fahrwerk: Vorn etwas zu weich, hinten straff. Doch jederzeit fein ansprechend und Herr der Lage bietet es erstklassige Rückmeldung vom Fahrbahnbelag.
  • Bremsen: Fein dosierbar und brachial in der Wirkung sind die Bremsen. Das ABS reduziert deren Leistung stark, um einen Überschlag zu verhindern.
  • Ausstattung: Traktionskontrolle, vier Motor-Mappings inklusive passendem Fahrwerkssetup, Computer statt Cockpit, ABS und vieles mehr. Hier fehlt nichts.
  • Komfort: Entspannt fläzt es sich auf dem flächigen Sitz, der Sozius erfreut sich am großen Kniewinkel. Der Windschild dürfte etwas größer ausfallen.
  • Einsteigertauglichkeit: Solch ein Power-Enduro-Tourensportler erfordert ein erfahrenes Händchen. Nicht zuletzt wegen der opulenten Ausmaße der Ducati Multistrada.

 

Plus/Minus
Positiv

+ Leistungsstarker Motor
+ Hervorragendes Licht
+ Motorleistung und Fahrwerk per Knopfdruck einstellbar
+ Ausstattung und Ergonomie toll
+ Relativ geringes Gewicht
+ Top Geradeauslauf


Negativ

- Kostet ganz schön viel
- ABS regelt übereifrig
- Windschutz könnte besser sein
- Sitzbank auf Dauer zu hart
- Eingeschränkt offroadtauglich

Die Konkurrenten

BMW R 1200 GS
Viel Platz und Komfort bietet die handliche Münchnerin mit ihrem kernigen Boxermotor. Top-ABS und ewig lange Aufpreisliste. Preis: 13 000 Euro

Moto Guzzi Stelvio 1200 NTX

Die italienische Wanderdüne protzt mit fetter Serienausstattung. Ein wenig mehr Druck täte ihr gut, die Bremsen indes sind klasse. Preis: 15 890 Euro

Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré
Reaktionsfreier Kardanantrieb, große Reichweite und ein äußerst elastischer Motor sprechen für die hochkomfortable Yamaha. Preis: 14 750 Euro

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