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Optisch unterscheidet sich die Sixty2  von der großen Scambler vor allem durch ihre veränderte Krümmerführung, den Endtopf und die Telegabel.

Ducati Scrambler Sixty2 im Fahrbericht Hipp? Hipper? Scrambler?

Optik, Lifestyle, Coolness: Mit diesen Attributen will die Ducati Scrambler Sixty2 junge, hippe und solvente Kunden begeistern. Sie bildet ab sofort den Einstieg in die Ducati-Welt. Im regnerischen Barcelona bitten 41 V2-Desmo-Pferde erstmals zum Ausritt.

Heller Sandstrand, tiefblaues Meer, strahlende Sonne: Junge, durchtrainierte Männer mit Surfer-Frisuren laufen lachend in Richtung Promenade. Hübsche Mädels mit Sonnenbrillen in knappen Bikinis nehmen sie in Empfang. Und immer dabei: die Ducati Scrambler Sixty2. Ducatis neue Maschine für die hippe Generation, bei der Mopedfahren wieder zum Lifestyle gehören soll, das Motorrad zum Synonym für Freiheit und Lebensfreude wird. So also stellen sich die Marketing-Strategen von Ducati im PR-Film ihre Zielgruppe vor. Von Motorleistung oder Beschleunigung spricht dort niemand. Schließlich fährt der Scrambler-Fahrer ja ohnehin nur vom Strand zum Café, von der Altstadt zum Skaterpark, vom Theater ins Büro. Dafür sollten 400 Kubik doch locker langen, oder?

Die Ducati Scrambler Sixty2 soll die neue Einstiegsdroge in die Ducati-Welt bilden. Mit einfachem Fahrverhalten bei gleichzeitigem Premium-Anspruch will man die jungen Leute mit der 400er-Scrambler auf die Bikes aus Bologna einnorden. Bei der Schwester mit 800er-Motor hat das hervorragend funktioniert. Das Rezept aus reduzierter Optik, klassischen Linien und potentem V2-Takt führte zum bisher größten Erfolg der Marke. Denn erstmals in der Firmengeschichte gelang es Ducati mit der Scrambler im Jahr 2015, zu den zehn meistverkauften Motorrädern weltweit zu gehören. Immerhin wurden 16.000 Exemplare an den Mann – oder die Frau – gebracht.

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41 PS, tolle Optik und technische Raffinesse

An diesen Erfolg will man anschließen und beweist Mut. Mut deshalb, da man mit der Ducati Scrambler Sixty2 ein Motorrad mit 41 PS Leistung, toller Optik und technischer Raffinesse auf den Markt bringt, das allerdings nur geringfügig günstiger ist als die größere Schwester. 

Und da beginnt ein Stück weit überdies ein Experiment: Schließlich spricht man mit der 400er eine motorradaffine Klientel an, die zwar Skateboard, Surfbrett und Lebensfreude besitzt, aber hoffentlich auch noch 8095 Euro für die Ducati Scrambler Sixty2 übrig hat. Die Icon mit 75 PS kostet derzeit nur 1000 Euro mehr, andere 400er kosten sogar viele Tausender weniger.

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Technisch basiert die Ducati Scrambler Sixty2 auf der 800er

Ob da jemand zur 400er-Scrambler greift? Immerhin unterbietet der neue Desmo-Motor trotz klassischer Luftkühlung die zulässigen Euro 4-Emissionswerte. Das muss die große Scrambler in Zukunft erst mal nachmachen. Auch sonst sind im Vergleich zu den anderen Familienmitgliedern kaum Abstriche zu machen. Ergonomisch überzeugt die Kleine mit einer erwachsenen Sitzposition. Kein Wunder, denn technisch basiert die Ducati Scrambler Sixty2 auf der 800er. So hockt man in 790 Millimeter Höhe aufrecht sitzend und sehr entspannt auf der bequemen Sitzbank.

Der stark gekröpfte Lenker streckt sich den Händen entgegen, der schmale 14-Liter-Stahltank spreizt die Beine kaum. Die Füße finden in relaxtem Winkel auf den Rasten Halt. Nichts zwickt, nichts zwackt, Große wie Kleine finden eine lässige Sitzposition für den ersten Ausritt durch Barcelona. Hier darf die Fachwelt die 400er das erste Mal testen. Das Ambiente passt, nur regnet es seit der letzten Nacht, der Asphalt der spanischen Metropole gleicht eher einer glitschigen Rutschbahn als einer Motorrad-Spielwiese. Na, da wollen wir mal sehen, wie einfach und spielerisch es die Ducati Scrambler Sixty2 ihrem Piloten wirklich macht.

Der Druck aufs rote Knöpfchen erfolgt, und sofort ist klar: Hier wird ein Motor aus Bologna gestartet. Der Anlasser muss nämlich wie bei Panigale, Multistrada und Co mindestens zwei Kurbelwellenumdrehungen schuften, bis der 90-Grad-Desmo-Twin die Arbeit aufnimmt. Wer nun bei 400 Kubik den nervigen Klang einer Nähmaschine erwartet, wird glücklicherweise enttäuscht. Stellt man sich hinter den Stummeltopf der Ducati Scrambler Sixty2, würde man im Vergleich zur japanischen oder österreichischen Konkurrenz auf ein stattliches Mittelklasse-Motorrad tippen. Schüchtern säuseln tut die Kleine jedenfalls nicht.

Lebensfreude ab 4000 Touren

Entgegen der Hoffnung braucht der nicht verstellbare Kupplungshebel eine relativ hohe Handkraft. Dafür rückt die Kupplung sauber und ohne Rupfen ein. Nachdem man mit der Ducati Scrambler Sixty2 warm geworden ist und die inoffiziellen spanischen Verkehrsregeln verstanden hat, dirigiert man sich dank 183 Kilogramm und schmalem Lenker spielerisch durch die Autokorsos hindurch. Siegessicher stellt sich der Scrambler-Fahrer neben die versammelte Zweiradkonkurrenz auf die Poleposition.

Ein Wimpernschlag, dann schaltet die Ampel auf Grün. Gekonnt lässt man die Kupplung schnappen, dreht heftig am Quirl und wartet freudestrahlend auf den einsetzenden V2-Schub. Doch da kommt nicht gerade viel, das Duell gegen die hitzigen spanischen Biker geht in die Hose. Der kleine Zweiventiler der Ducati Scrambler Sixty2 schiebt zwar ab 2000 Touren vorwärts, wirkt jedoch bis etwa 4000 Umdrehungen zugeschnürt. Als ob der Feinstaub der spanischen Metropole dem Luftfilter schon arg zugesetzt hätte.

Foto: Ducati
Das Motorrad wird zum Synonym für Lifestyle und Lebensfreude.
Das Motorrad wird zum Synonym für Lifestyle und Lebensfreude.

Auch wenn die kleine Scrambler tönt wie eine große: Es sind eben doch nur 400 cm3, allzu viel Druck aus dem Keller darf man halt nicht erwarten. Also neue Ampel, neues Glück. Und eine neue Taktik: Dieses Mal wird erst bei höherer Drehzahl eingekuppelt. Und siehe da: Ab 4000 Touren entwickelt der V2 der Ducati Scrambler Sixty2 einen Ansatz von Lebensfreude, ab 6000 Umdrehungen wechselt er gar seinen Charakter.

Von hier an schnalzt das Aggregat überraschend energisch und lustvoll die Drehzahlleiter rauf, zerrt mit maximal 35 Newtonmetern und 41 PS an der Kette und fordert erst ab 12.000 Umdrehungen den Schaltfuß zum Gangwechsel auf. Ansprech- wie Lastwechselverhalten sind zwar nicht unbedingt hitverdächtig, gehen für einen Bologna-Twin aber durchaus in Ordnung.

Fokus auf Komfort

Das Getriebe macht ebenfalls einen guten Eindruck. Zumindest wenn der Fahrer die Gänge nicht allzu zögerlich wechselt, rasten diese sauber und exakt ein. Dass der Pilot trotz rutschiger Teerdecke den Kopf frei hat, unterstreicht das Wohlgefühl, das sich nach wenigen Minuten auf der Duc einstellt. Dieses Gefühl von anspruchsloser Leichtigkeit hat die Ducati Scrambler Sixty2 von ihrer großen Schwester geerbt.

Daran haben auch die Reifen einen erheblichen Anteil. Die Pirelli MT 60 bieten selbst im Nassen viel Vertrauen und Grip. Bis auf die Hinterraddimension – die Ducati Scrambler Sixty2 rollt hinten auf einem schmaleren 160er-Reifen – entsprechen die Pneus denen der 800er-Scrambler. Geändert wurden die Bremsen: Statt fettem Vierkolben-Festsattel muss die 400er vorn mit einem einfachen, schwimmend gelagerten Doppelkolben-Sattel auskommen. Dennoch besteht kein Grund zur Sorge. Zwei Finger reichen aus, damit sich die Zange mit der 320-Millimeter-Scheibe verbeißt und die Duc bei Bedarf vehement verzögert. Und im Notfall schützt das obligatorische ABS – von Bosch – vor dem Überbremsen.

Am Ende bleibt der Blick aufs Konto

Die nicht einstellbare Telegabel und das prinzipiell aus der 800er übernommene, aber modifizierte Federbein mit justierbarer Federbasis harmonieren prima mit dem Bike. Mit klarem Fokus auf Komfort überzeugt das Fahrwerk mit neutralem Einlenkverhalten und leichtfüßigem Handling. 

Zu keinem Zeitpunkt hat der Fahrer das Gefühl, das Motorrad überfordere ihn. Jederzeit lässt sich die Ducati Scrambler Sixty2 präzise auf Linie halten. Genau so also, wie die Produktentwickler es sich gewünscht haben. Dennoch bleibt am Ende der Blick aufs Konto, Premium hin oder her. Drogen – das gilt auch für Einstiegsdrogen – haben eben oft einen prohibitiven Preis.

Foto: Ducati
Optisch unterscheidet sich die Sixty2  von der großen Scambler vor allem durch ihre veränderte Krümmerführung, den Endtopf und die Telegabel.
Optisch unterscheidet sich die Sixty2 von der großen Scambler vor allem durch ihre veränderte Krümmerführung, den Endtopf und die Telegabel.

Technische Daten Ducati Scrambler Sixty2

Technische Daten Ducati Sixty2 (k.A.)
Modelljahr 2016
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , V-Motor
Bohrung/Hub 72,0 / 49,0 mm
Hubraum 399 cm³
Ventile pro Zylinder zwei Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,7
Leistung 30,1 kW ( 40,9 PS ) bei 8750 /min
Max. Drehmoment 34 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Gitterrohrrahmen
Federweg vorn/hinten 150 mm / 150 mm
Reifen 110/80 R 18 , 160/60 R 17
Bremse vorn/hinten 320 mm Doppelkolben-Schwimmsattel / 245 mm Einkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1445 mm
Lenkkopfwinkel 66,0 °
Nachlauf 112 mm
Leergewicht vollgetankt k.A.
Sitzhöhe 790 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 365 kg
Höchstgeschwindigkeit 155 km/h
Preis
Neupreis 7790 Euro
Foto: Ducati
Federico Sabbioni ist Produktmanager der Scrambler-Familie von Ducati.
Federico Sabbioni ist Produktmanager der Scrambler-Familie von Ducati.

Interview mit Federico Sabbioni

MOTORRAD: Hat die Ducati Scrambler Sixty2 wie ihre große Schwester das Zeug zum Bestseller?

Federico Sabbioni: Ja, wir haben große Erwartungen. Dieses Modell erweitert die Scrambler-Familie nach unten und ermöglicht uns neue Zielgruppen in zweierlei Hinsicht zu erschließen: in Bezug auf das Alter und in Bezug auf die Fahrerfahrung des Kunden.

MOTORRAD: Die Ducati Scrambler Sixty2 zielt auf eine junge Klientel. Mit einem Preisunterschied von lediglich 1000 Euro zu der 800er stellt sich die Frage, warum man überhaupt zur 400er greifen soll?

Federico Sabbioni: Das ist richtig, die Preisdifferenz ist nicht sehr groß. Aber man muss beachten, dass wir ein Premium-Bike anbieten, das nicht mit den günstigen Einsteigerbikes anderer Hersteller in Konkurrenz treten will. Das Motorrad wird natürlich auch über seinen Preis verkauft, aber darum ging es uns bei der Konzeption der Ducati Scrambler Sixty2 nicht primär. Mit der 400er erweitern wir unser Portfolio so, dass wir neue Kundenkreise erst mal erschließen können. Anders ausgedrückt: Die Sixty2 ist eine echte Ducati und hat genug Power, um Spaß zu haben. Aber auch nicht zu viel, um sich darüber Sorgen machen zu müssen.

MOTORRAD: Der 400-Kubik-Motor ist erfreulicherweise luftgekühlt und schafft dennoch die Euro 4-Norm. War das eine Herausforderung?

Federico Sabbioni: Die Euro 4-Homologation ist für jeden Motor eine Herausforderung. Es ist grundsätzlich aber nicht schwieriger, ein luftgekühltes Aggregat gegenüber einem wassergekühlten zu homologieren. Es hängt eben mit der Hubraumgröße und der Leistung zusammen. Einen Zweiventiler mit kleinem Hubraum für die Euro 4-Norm fit zu machen, ist auf jeden Fall leichter als einen größeren Motor mit vier Ventilen.

MOTORRAD: Werden wir diesen Motor zukünftig in weiteren Ducati-Modellen ebenso finden? Wird die Scrambler-Familie auch noch nach oben erweitert?

Federico Sabbioni: Wir denken, dass die Scrambler-Familie ein geeignetes Produkt ist, um neue Sachen auszuprobieren. Dennoch glauben wir derzeit nicht, dass der 400er-Motor in anderen Modellfamilien zum Einsatz kommen wird. Eine größere Scrambler als die 800er können wir uns durchaus vorstellen.

MOTORRAD: In welchem Markt versprecht ihr euch mit der Ducati Scrambler Sixty2 den größten Erfolg?

Federico Sabbioni: In Europa vor allem in Italien und Spanien. In Deutschland vermutlich eher nicht, da hier größere Motoren eine wichtigere Rolle spielen. Für den asiatischen Markt haben wir mit der Ducati Scrambler Sixty2 nun ein Motorrad, das das 400-Kubik-Limit einhält.

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