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EBR 1190 SX im Fahrbericht Superbike im Straßengewand

Das musste ja kommen. Nur knapp sechs Monate nach dem Stapellauf des voll verschalten Superbikes EBR 1190 RX bringt Buell nun die gestrippte Variante EBR 1190 SX und begibt sich damit auf einen Tummelplatz, den die meisten Hersteller bereits für sich entdeckt haben.

Bisher war das Superbike-Segment der Schauplatz, auf dem sich die Hersteller in Sachen Performance und Leistungsfähigkeit ihren Schlagabtausch lieferten. Doch er hat ausgedient, verdrängt von einer neuen Spezies, den Nakeds, die direkt von Superbikes abstammen. Als die Mannen um Erik Buell die EBR 1190 SX aus der Taufe hoben, war deshalb klar, dass sie nichts von der Schlagkraftder voll verkleideten 1190 RX, von der sie abstammt, einbüßen sollte.

„Wir haben vom Start weg beschlossen, dass die EBR 1190 SX kein billiger Abklatsch vom Superbike RX sein sollte“, erläutert Platform Director Dane Hoechst: „Sie hat exakt dieselben Motorspezifikationen, dasselbe Chassis-Package wie das Superbike, nur eben ohne Verkleidung, dafür mit entspannterer Sitzposition.“ Ein waschechter Streetfighter also, dessen 174 PS sie auf eine Stufe mit der KTM Super Duke heben. Und sowohl die Aprilia Tuono mit ihren 170 PS als auch die 160 PS starke BMW S 1000 R in den Schatten stellen – zumindest auf dem Papier.

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Eine typische, handlingfreundliche Lenkgeometrie

Doch leider startet der Testtag mit ziemlich durchwachsenen Bedingungen. Die Straßen noch nass von einem morgendlichen Regenschauer, nicht gerade perfekt, aber was soll’s. Die EBR 1190 SX steuert ihre Drosselklappen noch per Gaszug. Ride-by-Wire, Fahrmodi, ABS oder Schaltautomat? Fehl­anzeige. Immerhin ist eine 20-stufige Trak­tionskontrolle an Bord. Auf den rasch abtrocknenden Straßen ist Stufe sechs ein guter Kompromiss, der beim Herausbeschleunigen aus Kurven über noch feuchte Stellen hinweg einige Male das Hinterrad rechtzeitig wieder einfängt. Mit gut aufgewärmten Pirelli Diablo Rosso und auf vollständig trockener Straße kann die Traktionskontrolle auf Stufe drei zurückgenommen werden. Ein dicker Wermutstropfen allerdings ist, dass das Ändern der Einstellung nur im Stand und nicht während der Fahrt möglich ist. Mehr als unpraktisch.

Für die Verwandlung in das Naked Bike EBR 1190 SX ließ die verschalte RX nicht nur die Hüllen fallen, auch rückte ihr Scheinwerfer dichter an den Lenkkopf, und das Cockpit mit seinem ausgezeichnet ablesbaren TFT-Display wanderte auf die obere Gabelbrücke, schwenkt beim Lenken jetzt also mit. Der ausgezeichnet geformte Alu-Lenker verhilft zu einer sehr relaxten Sitzposition, zumindest für ­Piloten um 1,80 Meter Größe. Die Knie schmiegen sich perfekt in die Aussparungen an den mächtigen Rahmenprofilen, die als Tank fungieren. Was für innigen Kontakt zur Maschine sorgt.

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67,6 Grad Lenkkopfwinkel und 97 mm Nachlauf

So lässt sich die EBR 1190 SX spielerisch von einer Schräglage in die nächste schnipsen. Kein Wunder bei steilen 67,6 Grad Lenkkopfwinkel und kurzen 97 mm Nachlauf. Eine für Erik Buells Kreationen typische, handlingfreundliche Lenkgeometrie. Hinzu kommt die gelungene Zentralisierung der Massen durch den 72-Grad-V2 und den im Rahmen gebunkerten Spritvorrat in Kombination mit nur 1409 mm Radstand, was der EBR zu ihrer Handlichkeit verhilft und sie am Kurvenausgang selbst unter Zug sauber ihre Linie halten lässt.

Ein wichtiger Bestandteil ist dabei auch das makellose Mapping des V-Twins im Teillastbereich und bei niedrigen Drehzahlen, das es erlaubt, in langsamen Kehren eine schön enge Linie zu halten. Die EBR 1190 SX erledigt dabei mühelos Richtungsänderungen – ohne die nervöse Tendenz, in Kurven hineinzufallen, wie man es vielleicht anhand der scharfen Fahrwerksgeometrie erwarten könnte.

Bezauberndes Hand­ling aufgrund ein­zig­ar­ti­ger Bremskonstruktion

Die EBR 1190 SX fühlt sich dabei nicht wie ein wuch­tiger 174-PS-Prügel an, sondern beinahe wie ein kleineres, wendigeres Motorrad. Sie besitzt dieses vertrauenerweckende Einlenken, verkneift sich Untersteuern am Kurvenausgang beim Beschleunigen. Und liefert dank der sauber abgestimmten Showa-Gabel gute Rückmeldung vom Vorderrad. Das direkt angelenkte Showa-Federbein wartet dazu dank 130 mm Federweg und geringfügig weicherer Feder als im für die Rennstrecke abgestimmten Superbike RX das Quäntchen mehr an Komfort auf, um auch mit zweitklassigen Fahrbahnoberflächen abseits der Rennstrecken mit Anstand fertig zu werden.

Auch die EBR 1190 SX ist mit der für Erik ­Buells Kreationen typischen ZTL (Zero Tor­sional Load)-Bremse bestückt, bei der eine mächtige, 386 mm messende Bremsscheibe außen am Felgenrand schwimmend ­befestigt ist. Sie wird von einem Nissin-Achtkolben-Bremssattel von innen her in die Zange genommen. Die Bremsleistung ist mehr als ausreichend, auch wenn sie für deftige Verzögerung nach hoher Handkraft verlangt. Was ihr jedoch vor allem fehlt, ist, wie eine kurze, harte Bremsung auf noch feuchtem Asphalt mit kurzem Blockieren des Rades zeigt, ein ABS. Doch Buell ar­­beitet daran. Auf jeden Fall ist diese ein­zig­ar­ti­ge Bremskonstruktion mit ihren im ­Vergleich zu einer konventionellen Doppelscheibenbremse geringeren Massen­träg­heit mit ein Grund für das bezaubernde Hand­ling der EBR.

72-Grad-Twin rockt ab 7000/min gewaltig

Doch wie schon in der RX ist der Star der EBR-Show zweifellos der 72-Grad-Twin. Drei Ausgleichswellen lassen störenden Vibrationen kaum eine Chance. Sein kerniger Ton bei niedrigen Drehzahlen verwandelt sich in einen donnernden Aufschrei, sobald das Band des Drehzahlmessers im TFT-Display die 7000er-Marke überschreitet. Bereits um 2500/min lässt sich der Twin der EBR 1190 SX an die Kandare nehmen. Voll aufgerissene Drosselklappen verträgt er allerdings erst ab 4000/min. Wir erinnern uns: Hier arbeitet noch kein Ride-by-Wire. Das Triebwerk liefert gut dosierbare Midrange-Power und rockt ab 7000/min gewaltig, wenn es wuchtig bis zum hart einsetzenden Begrenzer bei 11.500/min hinaufstürmt.

Der Twin der EBR 1190 SX bietet genau die Dosis Punch in tiefen Lagen und Drehmoment in der Mitte, die man von so einem Hotrod erwartet. Gekrönt von saftigen 138 Nm maximalem Drehmoment und geadelt vom tadellosen Einspritzmapping, das bei niedrigen Drehzahlen für feine Gasannahme sorgt. Klasse der präzise, wohldosierte Leistungseinsatz, speziell beim ersten Gasanlegen im Scheitel enger Kehren.

EBR 1190 SX deutlich zu lang übersetzt

Allerdings ist die EBR 1190 SX wie auch schon das Superbike RX deutlich zu lang übersetzt und könnte gut drei Zähne mehr am hinteren Kettenblatt vertragen. So ertappt man sich öfter als nötig dabei, dass man im zweiten oder gar ersten Gang unterwegs ist. Vor allem in der Stadt. Doch davon abgesehen sind die Gangwechsel knackig und direkt. Und die per Unterdruck servounterstützte, hydraulisch betätigte Kupplung benötigt weitaus we­niger Handkraft als jene der RX. Möglich machen das weichere Kupplungsfedern und ein überarbeiteter Nehmerzylinder. Selbst im Stadtverkehr ist damit die Gefahr von Krämpfen im linken Unterarm gebannt.

Mit der EBR 1190 SX haben Erik Buell und sein Team einen grundehrlichen V2-Streetfighter auf die Räder gestellt. Sie ist die ­moderne Interpretation jener Klasse von Maschinen, für die vor 20 Jahren die Ducati Monster Vorreiter war. Ein Superbike im Straßengewand. Genau das hat Erik Buell geschaffen. Ein modernes Update der luftgekühlten Buell Firebolt XB12R. Das Ergebnis ist ein im besten Sinne traditioneller Streetfighter mit konkurrenzfähiger Performance.

Foto: Erik Buell Racing
Neuer Streetfighter von Erik Buell Racing: Die EBR 1190 SX ist ab Oktober 2014 in Deutschland erhältlich.
Neuer Streetfighter von Erik Buell Racing: Die EBR 1190 SX ist ab Oktober 2014 in Deutschland erhältlich.

Technische Daten EBR 1190 SX

EBR 1190 SX

Motor: Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-72-Grad- V-Motor, drei Ausgleichswellen, je vier oben­liegende, zahnrad-/kettengetriebene Nocken­wellen, vier Ventile pro Zylinder, Schlepphebel, ­Trockensumpfschmierung, Einspritzung, 2 x Ø 61 mm, geregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 432 W, Batterie 12 V/ 12 Ah, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping), Sechsganggetriebe, Kette, Sekundärübersetzung 41:16.
Bohrung x Hub: 106,0 x 67,5 mm
Hubraum: 1191 cm³
Verdichtungsverhältnis: 13,4:1
Nennleistung: 128,0 kW (174 PS) bei 11.000/min
Max. Drehmoment: 138 Nm bei 8200/min

Fahrwerk: Brückenrahmen aus Aluminium, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, hydraulischer Lenkungsdämpfer, verstellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Alumini­um, Zentralfederbein, direkt angelenkt, ver-
stellbare Federbasis, Zug- und Druckstufendämpfung, innenumfassende Scheibenbremse vorn, Ø 386 mm, Achtkolben-Festsättel, Scheibenbremse hinten, Ø 220 mm, Einkolben-Schwimmsattel.
Alu-Gussräder: 3.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen: 120/70 ZR 17; 190/55 ZR 17

Maße+Gewichte: Radstand 1409 mm, Lenkkopfwinkel 67,6 Grad, Nachlauf 97 mm, Federweg v./h. 120/130 mm, Sitzhöhe 826 mm, Trockengewicht 188 kg, zulässiges Gesamtgewicht 361 kg, Tankinhalt 17,1 Liter.
Garantie: zwei Jahre
Farben: Blau, Grau, Rot, Weiß
Preis: 13.498 Euro
Nebenkosten: 150 Euro

Foto: Buell
Den Café Racer Buell 1125 CR gibt es in den modischen Farben
Den Café Racer Buell 1125 CR gibt es in den modischen Farben "Racing Red" ...

Der erste Versuch: EBR 1125 CR

Die EBR 1190 SX ist nicht der erste Versuch Erik Buells, bei den Power Na­keds Fuß zu fassen. Nachdem 2008 in der 1125 R erstmals ein wassergekühlter Rotax-V2 Einzug hielt, erschien 2009 das nackte Derivat EBR 1125 CR und trug damit seine radikalen Ideen von der Massenzentralisierung ins Streetfighter-Segment. 148 PS stark, war sie von der Power her absolut konkurrenzfähig und wahlweise mit M-Lenker oder hohem Alu-Lenker zu bekommen.

Wie bei Buell üblich, trug sie den Schalldämpfer unter dem Motor und den Sprit im Rahmen. Die pausbäckigen Kühlerverkleidungen mit den gierigen Lufteinlässen machten sie zwar zu ­einer markanten Erscheinung, doch traf das Design nicht auf die erhoffte Gegenliebe bei der Kundschaft. So blieb die EBR 1125 CR ein Fall für Fans.

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