Neuheit: KTM 1290 R Superduke Geheime Mission: KTM 1290 R Superduke

In Mattighofen sind sie jetzt völlig durchgedreht. Statt aus dem Superbike RC8 R ein gezähmtes Naked Bike zu bauen, legt KTM bei der nächsten Superduke noch eine Schippe drauf. PS sagt: So viel Unvernunft steht KTM verdammt gut!

Foto: Fotos: KTM

Nachts an einem verlassenen Autobahnparkplatz nahe Stuttgart. Es dauert. Werden sie überhaupt kommen? Schon der erste Anruf damals war nebulös, jetzt hege ich ernste Zweifel. Da - ein schwarzer Lieferwagen. Die Seitentür fliegt auf: „Einsteigen, Handy abgeben, wir sind spät dran!“ Und schon geht‘s los. Ich will wissen, wohin und um was es geht. „Jetzt nicht. Du hast noch nicht unterschrieben“, zischt der Beifahrer in österreichischem Dialekt. „Schlaf jetzt, wir fahren eine Weile und wir brauchen dich fit.“

Als ich durch scharfes Bremsen aufwache, dämmert bereits der Morgen. Wir stehen an einem Schlagbaum. Überall sind Zäune mit dickem Stacheldraht. „Wie zum Teufel komm ich in diesen Actionfilm“, schießt es mir durchs Hirn. „Guantanamo? The Rock? Ein Gulag?“ Der Posten winkt uns durch. Ich sehe ein weites, geteertes Flugfeld, dann Flugzeugbunker. Vor Nummer 70 halten wir plötzlich.

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Als wir aussteigen und uns nähern, ächzt das riesige Stahltor in den Lagern. Durch den frischen Spalt dringt Kunstnebel. „Cut“, ertönt eine laute Stimme. Meine Augen gewöhnen sich an die Beleuchtung und da steht...ja, was zum Teufel ist das denn? „Unterschreiben“, diktiert mir eine unbekannte Gestalt und hält mir einen Vertraulichkeitsvertrag unter die Nase, bevor ich endlich näher treten darf. Wie ein sprungbereiter Panther steht da ein Monument von einem Motorrad. KTM - das Leuchtorange lässt keinen Zweifel. Am Heck prangt „1290 R“, an der Tankblende „Superduke“. Aha, deshalb also diese Bond-mäßige Geheimhaltung. 1290 Superduke R, das nächste neue Serienbike - mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ein mächtiger Motor, filigran von ein paar wenigen Molybdän-Rohren umschlossen, Motorradbau par excellence. Nichts an dem Fahrzeug ist ohne Sinn, aber alles wurde auf das Notwendigste reduziert. Und das Nötige wurde aus sündteuren Leichtbaustoffen wie Titan oder Karbon gefertigt. Diese WP-Gabel mit Gasdruck-Kartusche, wow. Ich höre etwas von Vorstufe fürs nächste Superbike. Aber sonst scheint das Design und das Grundprinzip nahe der künftigen Serie zu sein: Der Tank, die Front - noch ohne Scheinwerfer - der 1,3-Liter-Twin, ja selbst eine Einarm-Schwinge und die geschmiedeten, lackierten Alu-felgen, all das dürfte das kommende Teil haben - munkeln jedenfalls dunkle Gestalten im Hintergrund. Und verklickern mir dann endlich, was ich in diesem Spiel zu suchen habe. Ich soll diese Augenweide fahren und das wahre Potenzial filmreif aus ihr herauskitzeln.

Der Produktionsmanager reicht mir einen Gehörschutz. Auf sein kurzes Zeichen streifen sich alle den Kopfhörer über und ein Mechaniker lässt die 1290 R an. Was dann folgt, ist das Lauteste und Krasseste, was ich je gehört habe. Die offene Akrapovic-2-in-2-Auspuffanlage aus Voll-Titan entlässt aus armdicken Rohren das ganze Klangportfolio dieses megapotenten Zweizylinders. Jeder Gasstoß lässt den Boden beben, hinter mir fällt Werkzeug von einer Kiste. So wird das natürlich nicht in Serie gehen, da dürfen wir uns noch überraschen lassen, was wohl auch für den Großteil der Heckpartie gilt. Das Getöse, das diese Ur-Maschine verbreitet, beschreibt aber super scharfe Nockenwellen mit langen Öffnungszeiten für maximale Befüllung. Die Drosselklappen sind so groß, dass man meint, sie wollten den Karbon-Tank darüber verschlingen.

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Der Produktionschef tippt mir auf die Schulter. Noch stehe ich mit offenem Mund da. Dieses Gerät ist offensichtlich gebaut, um allen Herstellern dieser Welt eine Schockstarre zu verpassen, allein der Anblick ist ein Mega-Kick. Der Missionschef schmunzelt: „Immer volle Action, hart am Gas und mach bloß nichts kaputt. Das ist der einzige fahrbare Prototyp. Und noch etwas: Das Bike wird so, wie du es hinterlässt, auf der Eicma stehen.“ Oh Mann, mit so einem Druck muss man erst einmal umgehen.

Ich vermute, die Kilogrammzahl des Bikes ist kleiner als die der Leistung in PS. Mir wird ein böses schwarzes Outfit verpasst. Der Regisseur bespricht die gewünschten Fahrszenen: Wheelies, Stoppies, Schräglage, Geschwindigkeit, Brems- und Beschleunigungsdrifts, Burnout. Na dann los! Kaum berühre ich den Startknopf, brüllt der Twin schon wieder. Im Lenker sind aber fast keine Vibrationen zu spüren. Ist die Kurbelwelle feingewuchtet? Auch auf der super knappen Sitzbank ist kaum fühlbar, welch gewaltige Kolben sich unter einem bewegen. Erster Gang, Kupplung, und das Biest nimmt Fahrt auf. Ich biege auf die Flugzeuglandebahn ein, gebe dem Motor und den Bremsen einige Minuten, um Betriebstemperatur zu erreichen, dann will ich es wissen.

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Raum und Zeit verschmelzen zur Glückseligkeit. Schon ab niedrigsten Drehzahlen von 1500/min nimmt der Motor willig und feinfühlig das Gas an. Mit jedem Millimeter Drehbewegung am Gasgriff geht es wilder daher. Die neue Superduke reißt derart an der Kette, dass man meinen könnte, der Leibhaftige sei hinter einem her. Bin ich noch vor Kurzem auf der Mad Max S 1000 RR mit 200 PS von Continental gefahren, suggeriert dieses Bike das Doppelte an Drehmoment und gefühlt die Hälfte an Gewicht. Ein Punch, den ich so auf einem Bike noch nicht erlebt habe. Von über 140 Newtonmetern darf man locker ausgehen. Der Motor schiebt und dreht, als ob er kein Morgen kennt und hört nach oben einfach nicht auf. Ob jetzt 170 oder gar 180 PS - egal, die Superduke geht wie die Büffelherde.

Verzweifelt versuche ich, das Vorderrad am Boden zu halten - keine Chance. Selbst im vierten und fünften Gang bei zirka 200 km/h steigt es beim bloßen Gas-aufziehen. Im sechsten Gang ist die Fuhre so schnell, dass der Hurrikan versucht, dir mangels Vollverkleidung den Helm samt Kopf abzureißen. Regelelektronik? Keine Spur bisher - ein Puristen-Bolide!

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Die leichten Räder und der breite Lenker generieren unendliche Leichtfüßigkeit. Beinah nervös, trotzdem extrem spurstabil. Die schnellen Kurvenwechsel von Knie zu Knie gelingen spielerisch, und der ruhige Motorlauf vermasselt keine Linie. Das Fahrwerk schluckt die Betonkanten der Landebahn weg, als würde man über Abu Dhabis Formel 1- Asphalt schweben. Hier zeigen die Mattighofener was geht. Ein fahrbarer Prototyp, der weit über den Zeitgeist der reinen Vernunft hinausspringt. Bremsdrifts sind trotz fehlender Anti-Hopping-Kupplung kein Problem. Absolut der Hammer: die radikalsten Radial-Monoblock-Stopper von Brembo. Richtig Spaß machen die langen Drifts jenseits der 180 km/h. Als ob die Superduke nur für solche Fahrzustände gebaut wurde, liegt sie fett und stabil in jedem Winkel. Boah!

Das Repertoire der Regie ist leider viel zu schnell abgearbeitet. Das Dauergrinsen ist unmöglich aus dem Gesicht zu schneiden. Das Schlimmste ist die Geheimhaltung, am liebsten würde ich meine Freude in die Welt hinausposaunen. Aber bis zur Eicma wurde das Bike tatsächlich vollkommen geheim gehalten. Ich durfte es für Film- und Foto-zwecke bewegen und meine Eindrücke schildern, um euch das „State of the art“ bei KTM näherzubringen. Leider viel zu selten investiert ein Hersteller sein ganzes Know-how und viel Geld, um solch ein wundervolles Motorrad zu kreieren. Und da KTM bereits mit der Adventure 1190 eindrucksvoll den Angriff auf die Vernunft zelebriert hat, sind wir bei PS sehr gespannt, was sich alles von diesen getesteten Teilen an der vermutlich schon Ende 2013 erhältlichen Serien-1290 R -Superduke wiederfinden wird. Mein Name? Bauer, Jo Bauer, Mission accomplished, Sir!

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