Einzeltest: KTM Freeride 350 Die KTM Freeride 350 im Test

Befrei dich von den Fesseln der Gesellschaft! Die KTM Freeride 350 setzt dir Flöhe ins Ohr wie kaum ein anderes Motorrad und begleitet dich beim genussvollen Erleben der neuen Freiheit.

Foto: Jahn

Einzeltest: KTM Freeride 350

Der Chef nervt, der Kunde nervt, der Termindruck nervt. Kaum dem Hamsterrad des Jobs entflohen, steckt man mit voller Blase und dickem Hals im Stau fest. Mit glühenden Ohren endlich daheim angekommen, geht einem dann der spießige Nachbar auf den Keks. Meckert wegen des ungemähten Rasens und der alten Karre vor der Haustüre herum.

In den USA würden jetzt drei von zehn den Colt zücken und irgendwo vielleicht Amok laufen. Der gemeine Europäer dagegen zieht sich in seine vier Wände zurück, brüllt den Partner an, betrinkt sich und stirbt mit 57 Jahren an einem Herzinfarkt oder quält sich bis zum bitteren Ende mit einem Magengeschwür.

Dabei gibt es einen gesünderen und sozialverträglicheren Weg, den Alltag hinter sich zu lassen, sich komplett zu verausgaben und dabei frische Energie zu tanken. Raus in die Garage, rauf auf den Fluchthelfer KTM Freeride 350 und einfach den Frust aus dem Körper und von der Seele fahren. Der Spaß beginnt schon beim Anziehen. Keine Lederkombi überstülpen und - hallo Vernunftmenschen - keine Warnweste anziehen. Nix ist’s mit Vollkaskoversicherung und doppeltem Boden. Halbschale auf, Handschuhe an, Jeans und Leibchen - fertig! Einfach mal nur an sich denken, Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen und RAUS!!!

Mut und Unternehmungswille fördert die Freeride wo sie kann, das scheint ihr ab Werk in die Wiege gelegt zu sein. Sie ist auch seitens KTM ein mutiges Projekt. Die Österreicher wissen selbst bis heute nicht genau, was die Freeride eigentlich sein soll. Sie ist kein reines Trial-Motorrad, keine Enduro, sie ist weder Ready to Race noch Race-Ready. Und genau das ist das Schöne an ihr. Sie ist ein Nonkonformist. Ein Freigeist, der Grenzen genau jetzt überschreitet, wo das Schachteldenken und die Intoleranz wieder zunehmen.

Etwas unwillig springt der kleine, aus der EXC-F 350 abgeleitete Single an, tuckert dann aber angenehm leise vor sich hin. Mit minimaler Handkraft die Kupplung ausrücken, den ersten Gang einlegen und ab aufs Hinterrad! Ja, noch ehe das Vorderrad die erste Umdrehung hinter sich hat, ist es schon vom Boden weg und der Spaß beginnt. Einmal rechts, einmal links, das Verbotsschild ignorierend, geht es auf dem geteerten Wirtschaftsweg hinein in die Weinberge Stuttgarts. Bei niedrigen Drehzahlen reflektieren die Sandsteinwände das Auspuffgeräusch der Freeride nur minimal. Der erste Spaziergänger naht. Freundlich erwidert er das Lächeln und das laute „Grüß Gott“ aus dem offenen Helm. So einfach kann es gehen! Am Ende der Weinberge dann den engen Weg wieder hinab in den Talkessel. Geschmeidig am Gas hängend und mit wenig Spiel im Antriebsstrang rollt die KTM der ersten, trickreichen Passage entgegen. Der Holzsteg ist kaum breiter als der Lenker. Zur Linken die Steinmauer, rechts das Geländer geht es mit gezogener Kupplung und leichtem Druck auf der Hinterradbremse hinab. Kurz nach der engen Stiege eine kleine Brücke, die im 90-Grad-Winkel rechts abgeht. Hintern raus, die Freeride am Lenkanschlag ums Eck gedrückt und weiter.

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Foto: Jahn

Nee! Das muss auch bergauf gehen! Also umdrehen und retour. Auf die Brücke und links ums Eck, der Stiege entgegen. Im zweiten Gang mit leichter Schleifkupplung die ersten Stufen hinauf, dann, sobald die Fuhre -etwas Schwung hat, die Finger von der Kupplung und weiter bergan. Aua! Die kleine Unachtsamkeit wird sofort bestraft. Der Lenker touchiert die Mauer, die Fuhre bekommt einen Impuls nach links, die Lenkstange verhakt sich im Geländer und die Dynamik ist dahin. Dafür steht nun der Motor und das linke Knie blutet. Immerhin, Chef und Termindruck sind vergessen. Okay, sortieren wir uns neu. Es ist immer noch saueng, die Karre steht auf der steilen Stiege. Also den ersten Gang einlegen, Hinterradbremse drücken, auskuppeln und orgeln, bis die Kleine wieder schnurrt. Jetzt ein Wheelie - plopp, der Motor steht wieder. Mist, genau hier ist der erste Gang zu kurz übersetzt. Also das Prozedere erneut durchgehen, nur diesmal im Zweiten. Trotz der leichtgängigen Kupplung ist viel Gefühl in der linken Hand erforderlich. Zu gerne ploppt der Motor aus, seine Schwungmasse ist knapp bemessen. Dann geht es weiter, wird die restliche Passage problemlos bewältigt. Und jetzt? Weil es so schön war, drehen wir um, rollen nochmals runter und dann weiter Richtung Stadtmitte. Halt, hier mündet doch diese Downhill-Strecke ein. Die muss man doch auch uphill fahren können... Gedacht, getan, geht es den verschlungenen Pfad durch dichtes Unterholz im dritten Gang steil bergauf.

Der erste Sprunghügel kommt in Sicht. Blöderweise nähern wir uns aber von der falschen Seite. „Trau dich“, haucht die Freeride. Ein kurzer Gasstoß, die Front hebt sich, das Vorderrad setzt an der Kante der Rampe an, dann der zweite Gasstoß - und drüber. Ein kurzer Blick zurück, die Brust schwillt vor Stolz. Mann, war das einfach! Auf dem restlichen Parcours überqueren wir Baumstämme, überspringen Gräben und bekommen dieses breite Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Auch den beiden Damen, die mich bei einer Verschnaufpause mitten im Wald ansprechen, gefällt die KTM. Ob ich mich verfahren hätte, wollen sie wissen. Wir albern kurz herum, und sie wünschen mir eine gute Fahrt. Zeit zu tanken und damit auf befestigte Wege zurück-zukehren. Und damit beginnt die Zeit der Härte. Denn die Sitzbank ist spartanisch, der Geradeauslauf ab 80 km/h eher mittelmäßig. Das ist aber völlig egal, denn der Freerider wird eh nicht schneller als 75 km/h fahren wollen - zu sehr zwackt es dann im Gewissen.

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Foto: Glück

Endlich wieder eine rote Ampel! Richtig gehört, auf der Freeride sind sogar rote Ampeln ein Genuss. Im Stoppie darauf zu bremsen, dann im Stehen die Gänge sortieren, um - ohne die Füße auf den Boden gesetzt zu haben - bei Grün im Wheelie davon zu ziehen und bis in den Vierten hochzuschalten. Spieltrieb pur, Spieltrieb satt, Spieltrieb, oh Spieltrieb! Mittlerweile sind nicht nur Chef und Job, sondern auch der Nachbar und das blutige Knie vergessen. Der Ballast des Alltags ist abgefallen und man mal wieder Herr seiner selbst.

Es kommt die Zeit sich zu fragen, was die Freeride eigentlich ist. Kein echter Trialer, keine Hard-Enduro und keine Wander-Enduro. Sie ist schlicht und ergreifend so unnötig wie Alkohol. Aber ähnlich spaßig, kurzweilig und unterhaltsam. Die Freeride macht übermütig, lässt einen die Alltagssorgen vergessen und ist so herrlich unkonventionell, dass man sie einfach mögen muss. Sie hat kaum Nutzwert und kann, wenn man von engen Geländesektionen einmal absieht, kaum etwas besser als eine alte Suzuki DR 350. Aber das muss sie auch nicht, denn die Freeride hat eine ganz andere Qualität. Sie packt ihren Fahrer da, wo es am meisten Spaß macht. Sie beflügelt seinen Spieltrieb und bringt ihn dadurch dazu, den Horizont zu erweitern. Nie war es einfacher, sich fahrerisch und fahrtechnisch im Gelände weiterzuentwickeln. Mit der 350er traut man sich Hindernisse anzugehen, vor denen man sonst kapituliert. Sie schreit: Spreng deine Fesseln - RIDE FREE!

PS-Urteil
Nüchtern betrachtet ist die KTM Freeride 350 weder Fisch noch Fleisch. Und das ist das Beste an ihr. Sie interessiert sich einfach nicht für Kategorien, Sparten oder Schachteldenken. Sie ist wie sie ist und lebt ihren Namen: Freeride - ride free. „Tu was du willst“, säuselt sie einem permanent ins Ohr. KTM muss allerdings dringend die Garantiezeit und Wartungsintervalle verlängern.

Foto: Jahn

PS-Daten

Foto: Archiv

Antrieb
Einzylinder-Viertaktmotor, vier Ventile/Zylinder, 17 kW (23 PS) bei 7500/min*, 22 Nm bei 4000/min*, 349 cm³, Bohrung/Hub: 88,0/57,5 mm, Verdichtungsverhältnis: 12,3:1, Zünd-/Einspritzanlage, 42-mm-Drosselklappen, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat, Kette

Fahrwerk
Verbundrahmen aus Stahlrohr, Aluminium und Kunststoff, Lenkkopfwinkel: 67,0 Grad, Nachlauf: 100 mm, Radstand: 1418 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe. Zentralfederbein ohne Umlenkung, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe (high/low). Federweg vorn/hinten: 260/250 mm

Räder und Bremsen
Speichenräder mit Aluminiumfelgen, 1.60 x 21/2.15 x 18, Reifen vorn: 2.75-21, hinten: 4.00-18, Erstbereifung: Dunlop D 803, 240-mm-Einzelscheibenbremse mit radial angeschlagenen Vierkolben-Festsätteln vorn, 210-mm-Einzelscheibe mit Zweikolben-Festsattel hinten

Maße und Gewicht
Länge/Breite/Höhe: 2125/845/1215 mm *, Sitz-/Lenkerhöhe: 900/1175 mm, Lenkerbreite: 800 mm, 105 kg vollgetankt,
v./h.: 47,4/52,6 %

Hinterradleistung im letzten Gang

14 kW (19 PS) bei 80 km/h

Verbrauch
Kraftstoffart: Super bleifrei. Durchschnittstestverbrauch: 4,9 Liter/100 km, Tankinhalt 5,5 Liter, Reichweite: 112 km

Grundpreis

6995 Euro (zzgl. Nebenkosten)

Fazit

Stärken:
Kennt keine Hindernisse, verführt zum „Spielen“, fährt sehr leise und bodenschonend, super handlich und schmal, Höchstgeschwindigkeit ausreichend für innerstädtischen und Alltagsbetrieb, durchdachte Detaillösung am Luftfiltereinsatz

Schwächen:
Sitzbank ist mehr Folter- als Sitzbank, Kühler zu klein, Lüfter läuft permanent mit und bläst Knie an, Reichweite dürftig, Highspeed-Druckstufe nicht zu erreichen, Sekundärübersetzung sehr kurz, Wasserpumpe sturzgefährdet, zu kurze Wartungsintervalle, nur drei Monate Garantie

*Herstellerangabe

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